Nach meinem Besuch in Jelling führte mich mein Weg weiter Richtung Süden. Mein eigentliches Tagesziel war ein Sanddornhof, den ich mir schon herausgesucht hatte. Doch bevor ich dort ankam, wollte ich noch einmal wesentlich weiter zurück in die Geschichte Dänemarks.
In Jelling war ich gerade noch den Spuren von Gorm dem Alten und Harald Blauzahn gefolgt und damit mitten im 10. Jahrhundert gewesen. In Egtved sollte es noch einmal mehr als 2.000 Jahre weiter zurückgehen – in die Bronzezeit.
Hier wurde 1921 einer der außergewöhnlichsten bronzezeitlichen Funde Dänemarks entdeckt: das Egtved-Mädchen, eine etwa 16 bis 18 Jahre alte junge Frau, die im Sommer 1370 v. Chr. in einem Eichenstamm unter einem Grabhügel bestattet worden war.
Wobei „Mädchen“ eigentlich ein wenig irreführend ist. Sie war etwa 16 bis 18 Jahre alt, doch nach damaligem Verständnis keine Jugendliche mehr, wie wir das heute sehen würden. Sie war etwa 16 bis 18 Jahre alt – eine junge Frau, über deren Leben wir trotz des außergewöhnlichen Fundes erstaunlich wenig sicher wissen. Vor rund 3.400 Jahren wurde sie hier in einem Eichensarg unter einem mächtigen Grabhügel bestattet.
Die Welt des Egtved-Mädchens
Schon beim Ankommen merkte ich, dass es hier nicht nur darum geht, einen alten Grabhügel anzuschauen. Rund um den Fundort ist mit „Egtvedpigens Verden“ – der Welt des Egtved-Mädchens – eine ganze Ausstellung entstanden, die sich über das Gelände verteilt.
Die neue Anlage in Egtved wurde genau dafür geschaffen. Sie beschäftigt sich nicht nur mit der jungen Frau selbst, sondern auch mit dem Leben in der Bronzezeit, mit Religion und Mythologie, mit weiten Verbindungen zu anderen Regionen und mit dem rätselhaften Kind, dessen Überreste mit ihr bestattet wurden. Der Besuch ist kostenlos und das Außengelände jederzeit zugänglich.
Wie sah Dänemark vor 3.400 Jahren aus?
Bevor ich mich näher mit dem Egtved-Mädchen beschäftigte, bekam ich zunächst ein Bild von der Welt, in der sie gelebt hatte.
Dänemark sah damals ganz anders aus als heute. Seit der Jungsteinzeit waren große Flächen gerodet worden. Besonders im Westen breitete sich Heide aus, offene Flächen wurden als Weideland genutzt. Die Menschen lebten als Bauern in verstreut liegenden Höfen und Langhäusern aus Holz, Lehm und Flechtwerk. Im Haus brannte offenes Feuer, geschlafen wurde auf Stroh und Fellen.

Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde gehörten zum Leben. Gerade das Pferd besaß darüber hinaus eine besondere symbolische Bedeutung. In den religiösen Vorstellungen der nordischen Bronzezeit spielte die Sonne eine zentrale Rolle. Pferde, Schiffe, Fische und Schlangen wurden mit ihrer täglichen Reise über den Himmel und durch die Nacht verbunden.
Und überall in dieser Landschaft lagen Grabhügel.
Allein rund um Egtved soll es einst mehr als 50 gegeben haben. In ganz Dänemark sind etwa 87.000 vorgeschichtliche Grabhügel bekannt, ungefähr die Hälfte davon stammt aus der Bronzezeit.
Einer dieser Hügel war Storehøj. Und dort ruhte die junge Frau mehr als drei Jahrtausende lang.
Ein Bauer stößt auf einen mächtigen Eichenstamm
Ihre Entdeckung begann nicht mit einer archäologischen Ausgrabung.
Der Landwirt Peder Platz wollte einen großen Grabhügel auf seinem Feld abtragen. Am 24. Februar 1921 stießen seine Arbeiter dabei auf einen mächtigen Eichenstamm.
Platz und sein Nachbar P. J. Pedersen erkannten offenbar, dass sie hier etwas Besonderes vor sich hatten, und benachrichtigten das Nationalmuseum in Kopenhagen.
Der Archäologe Thomas Thomsen machte sich auf den Weg nach Jütland. Am 5. März wurde der Fund erneut freigelegt und der Deckel des ausgehöhlten Eichenstammes vorsichtig angehoben.
Was darunter zum Vorschein kam, war außergewöhnlich. Der Inhalt des Grabes lag noch weitgehend so, wie er bei der Bestattung niedergelegt worden war. Deshalb traf man eine kluge Entscheidung: Man nahm nicht vor Ort alles auseinander. Der komplette Eichensarg wurde nach Kopenhagen transportiert und erst dort unter kontrollierten Bedingungen untersucht.
Dass heute noch so viel über das Egtved-Mädchen bekannt ist, haben wir auch dieser vorsichtigen Bergung zu verdanken.

Ein Grab, das sich selbst konservierte
Besonders spannend fand ich die Erklärung, warum ausgerechnet dieser Fund so außergewöhnlich gut erhalten geblieben ist.
Der Grabhügel bestand aus Erde und Grassoden. Im Laufe der Zeit entstand darin durch natürlich vorkommendes Eisen eine nahezu undurchlässige Schicht. Diese Eisenkruste hielt Feuchtigkeit im Inneren des Hügels und schuf Bedingungen, unter denen selbst organische Materialien über Jahrtausende erhalten bleiben konnten.
Deshalb überstanden Dinge die Zeit, die normalerweise längst verschwunden wären: Holz, Wolle, Haare und andere organische Materialien.
Der Sarg selbst bestand aus einem ausgehöhlten Eichenstamm. Eine Hälfte bildete den Sarg, die andere den Deckel. Die junge Frau war auf eine Rinderhaut gebettet und anschließend mit Wollstoff bedeckt worden.
Und sogar das Holz verriet den Forschern noch etwas.
Ein Baum verrät das Jahr ihrer Bestattung
Die Jahresringe der Eiche konnten dendrochronologisch untersucht werden. Weil Bäume je nach Wachstumsbedingungen unterschiedlich breite Jahresringe bilden, entsteht eine charakteristische Abfolge – fast wie ein Strichcode der Vergangenheit.
Damit ließ sich die Eiche erstaunlich genau datieren. Sie wurde im Jahr 1370 vor Christus gefällt.
Das bedeutet: Wir sprechen bei dieser jungen Frau nicht einfach nur vage von „irgendwann in der Bronzezeit“. Wir können ihre Bestattung einem konkreten Jahr vor mehr als 3.000 Jahren zuordnen. Das Nationalmuseum datiert sie auf einen Sommertag des Jahres 1370 v. Chr.
Und woher wissen wir sogar, dass es Sommer war? Ausgerechnet eine Pflanze gibt darauf einen Hinweis.
Eine Schafgarbe aus dem Jahr 1370 vor Christus
An diesem Punkt blieb ich natürlich ein bisschen länger hängen.
Am Rand des Eichensarges lag eine blühende Schafgarbe (Achillea millefolium). Sie war dort niedergelegt worden, bevor der Deckel geschlossen wurde.
Eine Schafgarbe.
Eine Pflanze, die heute auf Wiesen und an Wegrändern wächst und die mich selbst schon so lange begleitet. Und hier lag eine ihrer Blüten bei einer jungen Frau, die vor rund 3.400 Jahren bestattet worden war.
Die Archäologie kann daraus zumindest etwas ganz Konkretes ableiten: Weil die Schafgarbe blühte, muss die Bestattung während der Blütezeit im Sommer stattgefunden haben. (Quelle: Nationalmuseum Dänemark – The Egtved Girl’s grave)
Was wir dagegen nicht wissen, ist, warum die Schafgarbe in den Sarg gelegt wurde.
War sie bewusst als Grabbeigabe ausgewählt worden? Hatte sie eine symbolische Bedeutung? Spielte ihr damaliger Gebrauch als Pflanze eine Rolle? Oder gab es einen ganz anderen Grund? Das weiss man alles nicht.

Von dem Mädchen selbst blieb erstaunlich wenig
Wenn man von dem außergewöhnlich gut erhaltenen Egtved-Mädchen hört, könnte man zunächst meinen, ihr Körper sei ähnlich wie bei einer Moorleiche erhalten geblieben.
Das ist jedoch nicht der Fall.
Vom Körper selbst blieben nur Haare, Zähne, Nägel, etwas Haut und weitere wenige Gewebereste erhalten. Anhand ihrer Zähne konnte ihr Alter auf ungefähr 16 bis 18 Jahre bestimmt werden.
Umso erstaunlicher ist, wie viel wir trotzdem über sie erfahren können. Und dabei spielt ihre Kleidung eine ganz besondere Rolle.
Ein Schnurrock, der 3.400 Jahre überdauerte
Ihre Tracht gehört zu den am besten erhaltenen Kleidungsensembles der Bronzezeit überhaupt.
Sie trug eine kurze Bluse aus brauner gewebter Wolle und einen etwa knielangen Schnurrock. Der Rock bestand nicht aus einer geschlossenen Stoffbahn, sondern aus einzelnen gedrehten Wollschnüren. Er wurde zweimal um die Taille gelegt und ruhte auf den Hüften.
Auf dem Bauch saß eine große runde Gürtelplatte aus Bronze, reich mit Spiralen verziert.
Diese Spiralen werden mit der Sonne in Verbindung gebracht – jenem Himmelskörper, der in der Vorstellungswelt der nordischen Bronzezeit eine zentrale Rolle spielte.
Schnurröcke kennen Archäologen auch von kleinen bronzezeitlichen Frauenfiguren. Einige dieser Darstellungen werden mit rituellen Handlungen und Tänzen in Verbindung gebracht. Deshalb wird diskutiert, ob solche Röcke möglicherweise auch rituelle Kleidung waren.
Ob das Egtved-Mädchen selbst eine besondere religiöse Rolle hatte, weiss man nicht.

Und dann war da noch ihre Wintertracht
In der Ausstellung konnte ich noch etwas sehen, von dem ich vorher kaum etwas wusste.
Über der jungen Frau lag ein gewaltiges Stück gewebter Wolle. Es misst etwa 192 × 259 Zentimeter und gehört zu den größten erhaltenen Textilien der Bronzezeit. Für seine Herstellung wurden ungefähr 3,7 Kilometer Garn benötigt.
Ursprünglich war dieser Stoff offenbar zu einem röhrenförmigen Kleidungsstück zusammengenäht gewesen. Denkbar ist, dass er auf verschiedene Arten getragen werden konnte – beispielsweise als eine Art Peplos oder Rock.
Vielleicht war es ihre warme Winterkleidung. Vielleicht diente der Stoff aber auch als Decke. Sicher weiß man es bis heute nicht.
Was mich daran mindestens ebenso beeindruckte, war der Aufwand. Wolle musste gewonnen, aufbereitet, gesponnen und schließlich gewebt werden. Ein solches Stück entstand nicht mal eben nebenher. Textilherstellung war in der Bronzezeit ein spezialisiertes und zeitintensives Handwerk.
Kamm, Haarnetz, Schmuck – plötzlich wird aus dem Fund ein Mensch
Je länger ich mich mit den einzelnen Gegenständen beschäftigte, desto mehr entstand das Bild einer wirklichen jungen Frau.
Da war ein Kamm aus Horn, der an ihrem Gürtel befestigt war.
Ein kleines Haarnetz, hergestellt aus Haaren eines Pferdeschweifs und mit gedrehten Wollschnüren zusammengehalten.
Eine rund 130 Zentimeter lange, dreifach gedrehte Haarschnur aus dunkler Wolle, in der sogar einzelne helle Kopfhaare gefunden wurden.
Ein kleiner bronzener Ohrring.
Eine bronzene Ahle mit Holzschaft, ein damals gebräuchliches Werkzeug zur Bearbeitung von Holz, Leder, Knochen und Rinde.
An ihren Armen trug sie zwei unterschiedliche Schmuckstücke aus Bronze. Und gerade dieser Unterschied ist interessant: Einer der Typen war im nordischen Raum verbreitet, der andere ist eher aus Mittel- und Süddeutschland bekannt.
War er über Handel nach Egtved gelangt?
Oder hatte sie ihn selbst von einer Reise mitgebracht?
Damit öffnet sich eine der spannendsten Fragen ihrer Geschichte.
Quelle und weitere Informationen: Nationalmuseum Dänemark – Das Egtved-Mädchen

Woher kam das Egtved-Mädchen wirklich?
Lange Zeit schien eine spektakuläre Antwort gefunden zu sein.
2015 untersuchte ein internationales Forschungsteam Strontiumisotope in Zähnen, Haaren und Fingernägeln des Egtved-Mädchens. Strontium gelangt über Boden, Wasser und Nahrung in den Körper. Weil sich die Isotopenverhältnisse regional unterscheiden, können solche Analysen Hinweise darauf geben, wo ein Mensch gelebt hat.
Die damaligen Ergebnisse wurden so interpretiert, dass die junge Frau nicht in der Gegend von Egtved aufgewachsen war. Die Forscher rekonstruierten sogar größere Reisen während ihrer letzten Lebensmonate. Als mögliche Herkunftsregion wurde unter anderem Süddeutschland beziehungsweise das Gebiet nördlich der Alpen diskutiert.
Die Vorstellung war faszinierend: Eine junge Frau legt vor 3.400 Jahren Hunderte Kilometer quer durch Europa zurück.
Spätere Untersuchungen zeigten, dass die natürlichen Strontiumwerte in Dänemark möglicherweise wesentlich stärker schwanken, als bei der ursprünglichen Interpretation angenommen worden war. Landwirtschaftliche Kalkung kann heutige Messwerte zusätzlich verändern. Damit wurde die eindeutige Schlussfolgerung, sie müsse aus Süddeutschland stammen, infrage gestellt.
Das Nationalmuseum hält aufgrund weiterer Untersuchungen weiterhin eine Herkunft außerhalb des heutigen Dänemarks für wahrscheinlich und nennt Süddeutschland beziehungsweise einen größeren Raum nördlich der Alpen als Möglichkeit. Gleichzeitig betont es ausdrücklich, dass sich ihre Herkunft nicht exakt bestimmen lässt und andere Regionen nicht ausgeschlossen werden können.
Man kann also ziemlich sicher sagen: Das Egtved-Mädchen war Teil einer erstaunlich vernetzten bronzezeitlichen Welt. Wo genau ihre persönliche Reise begann, weiss man dagegen bis heute nicht.
Die Bronzezeit war keineswegs eine kleine abgeschlossene Welt
Damit verändert sich auch das Bild, das man vielleicht zunächst von den Menschen vor 3.400 Jahren hat.
Sie saßen keineswegs ihr ganzes Leben auf demselben Hof.
Es gab weitreichende Handels- und Verkehrswege. Menschen, Rohstoffe, Gegenstände und Ideen bewegten sich über große Entfernungen. Bronze selbst ist dafür das beste Beispiel, denn die dafür benötigten Rohstoffe mussten über weite Strecken transportiert werden.
Auch die Ausstellung in Egtved greift diese „fernen Verbindungen“ ausdrücklich auf. Ganz in der Nähe verlief mit dem später so genannten Hærvejen, dem Ochsen- oder Heerweg, eine wichtige Nord-Süd-Verbindung durch Jütland.
Was war in dem kleinen Rindeneimer?
Bei ihren Füßen stand noch ein Gegenstand, ein Gefäß aus Rinde. Darin befanden sich Reste eines Getränks. Die Ausstellung beschreibt es als eine Art Bier aus Weizen, Preisel- oder Moosbeeren und Gagel, gesüßt mit Honig. (Quelle: Nationalmuseum Dänemark – Das Getränk des Egtved-Mädchens)
Auch das ist für mich wieder so ein kleines Fenster in die Vergangenheit. Denn über solche Funde erfährt man plötzlich nicht nur etwas über Gräber und Schmuck, sondern über Geschmack, Pflanzen, Ernährung und vielleicht sogar Feste und Rituale.
Das Rätsel des Kindes
Dann gibt es noch einen Fund, der wesentlich schwerer einzuordnen ist.
Im Sarg lagen die verbrannten Knochen eines etwa fünf- bis sechsjährigen Kindes, eingewickelt in Wollstoff. Einige Knochen desselben Kindes befanden sich außerdem in dem kleinen Rindenkästchen nahe dem Kopf der jungen Frau.
Das Nationalmuseum hat die Möglichkeit eines Menschenopfers diskutiert, weist dabei aber selbst auf den hypothetischen Charakter dieser Deutung hin. Vergleichbare ungewöhnliche Mitbestattungen sind aus anderen bronzezeitlichen Frauengräbern bekannt.
Die Ausstellung, durch die ich ging, formuliert vorsichtiger: Untersuchungen weisen darauf hin, dass das Egtved-Mädchen und das Kind am selben Ort aufgewachsen sein könnten. Ob sie miteinander verwandt waren, lässt sich jedoch nicht feststellen.
Zur Forschung über ihre Herkunft: Die Studie von 2015 deutete auf eine Herkunft außerhalb Dänemarks hin. Spätere Untersuchungen der lokalen Strontiumwerte rund um Egtved stellten diese eindeutige Zuordnung jedoch infrage. (Quelle: Studie von 2015 in Scientific Reports / Neuere Einordnung der Strontiumwerte)
Eine junge Frau in einer Landschaft voller Grabhügel
Nach all den Informationen ging es für mich wieder in die Natur. Denn der Grabhügel ist kein nachträglich ausgewählter Erinnerungsort. Hier wurde sie tatsächlich bestattet.
Heute ist der Hügel rekonstruiert. Der ursprüngliche Storehøj war im Laufe der Jahrhunderte stark abgetragen worden. Doch man steht noch immer an genau jenem Ort, an dem im Sommer 1370 vor Christus ein Eichensarg verschlossen und unter einem gewaltigen Hügel aus Erde und Grassoden verborgen wurde.
Rundherum lagen damals weitere Grabhügel. Dazwischen Weideland, Felder und einzelne Höfe mit ihren Langhäusern.
Die Menschen bestellten ihre Felder, hielten Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde. Familien und Verwandtschaft bestimmten das soziale Gefüge. Wohlhabende Familien verfügten über Einfluss und weitreichende Kontakte.
Und über allem stand die Sonne.

Die Reise der Sonne
Rund um den Grabhügel greift die Ausstellung die religiöse Vorstellungswelt der Bronzezeit auf.
Die Sonne war weit mehr als ein Licht am Himmel. Ihre tägliche Reise wurde als Kreislauf verstanden: Aufgang im Osten, die Fahrt über den Himmel, das Verschwinden im Westen und schließlich die Rückkehr während der Nacht, bevor am nächsten Morgen alles von Neuem begann.
Schiffe, Pferde, Schlangen und Fische begleiteten oder transportierten die Sonne in diesen Vorstellungen.
Auch die Spiralen auf der großen bronzenen Gürtelplatte des Egtved-Mädchens werden mit Sonne, Fruchtbarkeit und dem zyklischen Werden und Vergehen verbunden.
Ob sie selbst in diesen religiösen Vorstellungen eine besondere Rolle spielte, können wir nicht wissen.
Aber ihre aufwendige Bestattung und ihre Grabbeigaben zeigen, dass sie nicht einfach irgendwo verscharrt wurde.
Man gab ihr Schmuck und persönliche Dinge mit. Man legte sie sorgfältig auf eine Tierhaut. Man stellte ein Getränk an ihre Füße. Man bedeckte sie mit Wolle.
Und jemand legte eine blühende Schafgarbe an ihren Sarg.

Was nach 3.400 Jahren bleibt
Vielleicht war es genau diese Mischung, die mir an Egtved so gefallen hat.
Da sind auf der einen Seite all die modernen Methoden: Dendrochronologie, Isotopenanalysen, Untersuchungen von Textilien, Zähnen, Haaren und Pflanzenresten.
Wir können bestimmen, wann die Eiche gefällt wurde. Wir können rekonstruieren, wie ihre Kleidung hergestellt wurde. Wir erkennen Handelsverbindungen über große Entfernungen und können anhand einer einzigen Blüte die Jahreszeit ihrer Bestattung bestimmen.
Und trotzdem bleibt diese junge Frau in vielem ein Geheimnis.
Wir wissen nicht, wie sie hieß.
Wir wissen nicht, woran sie starb.
Wir wissen nicht sicher, wo sie geboren wurde.
Wir wissen nicht, wer das Kind war.
Wir wissen nicht, welche Bedeutung die Schafgarbe für diejenigen hatte, die sie in den Sarg legten.
Und wir wissen nicht, welche Träume eine 16- oder 18-jährige junge Frau vor 3.400 Jahren für ihr Leben hatte.
Ich war an diesem Tag von Jelling aufgebrochen, wo zwei Runensteine, mächtige Grabhügel und die Spuren Harald Blauzahns von einer Zeit vor gut tausend Jahren erzählen. Nur wenig später stand ich in Egtved und war noch einmal mehr als zwei Jahrtausende weiter zurückgereist.
Und am Ende war es ausgerechnet eine kleine Wildpflanze, die diese unvorstellbar lange Zeit für mich ein wenig überbrückte.
Schafgarbe wächst noch immer an unseren Wegen und auf unseren Wiesen.
Die Welt um sie herum hat sich vollkommen verändert.
Die Pflanze ist geblieben.
Und dann ging meine Reise weiter.
Zum Sanddorn.
Praktische Informationen: Egtvedpigens Verden
Egtvedpigens Verden befindet sich in Egtved Holt 12, 6040 Egtved, Dänemark. Der Eintritt ist kostenlos. Laut Vejlemuseerne ist das Gelände täglich rund um die Uhr geöffnet. Die heutige Anlage vermittelt die Geschichte direkt am Fund- und Bestattungsort des Egtved-Mädchens und umfasst unter anderem die Themen junge Frau, Mythologie der Bronzezeit, das Kind, ferne Verbindungen und das Leben in Egtved während der Bronzezeit. (Quelle Besucherinformationen zu Egtvedpigens Verden)
Die Originalfunde, darunter die erhaltene Kleidung und der Eichensarg, befinden sich dagegen im Nationalmuseum in Kopenhagen. Was man in Egtved in den Vitrinen sieht, sind – wie du auf deinen Fotos festgehalten hast – originalgetreue Nachbildungen. (Quelle: Nationalmuseum Dänemark – Egtved Mädchen und Originalfunde)
Wenn eine Pflanze Jahrtausende verbindet
Die Schafgarbe im Grab des Egtved-Mädchens ist nur ein winziges Detail in dieser großen Geschichte – und doch ist gerade sie mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Vielleicht auch deshalb, weil ich Pflanzen heute ganz anders wahrnehme, seit ich begonnen habe, mich intensiver mit unseren Wildpflanzen zu beschäftigen. Eine Schafgarbe ist dann nicht mehr einfach irgendeine weiße Blume am Wegesrand. Ich erkenne sie, kenne ihre Merkmale, weiß, wann sie blüht und wie sie traditionell genutzt wurde.
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Häufige Fragen zum Egtved-Mädchen
Wer war das Egtved-Mädchen?
Das Egtved-Mädchen war eine etwa 16 bis 18 Jahre alte junge Frau aus der Bronzezeit. Sie wurde im Sommer des Jahres 1370 v. Chr. in einem Eichensarg unter einem Grabhügel bei Egtved in Jütland bestattet. Ihr Grab gehört aufgrund der außergewöhnlich gut erhaltenen Kleidung und Grabbeigaben zu den bedeutendsten bronzezeitlichen Funden Dänemarks.
Wo wurde das Egtved-Mädchen gefunden?
Das Grab wurde 1921 im Grabhügel Storehøj bei Egtved entdeckt. Heute befindet sich dort Egtvedpigens Verden, eine frei zugängliche Ausstellung am ursprünglichen Fundort. Die Originalfunde werden im Nationalmuseum in Kopenhagen aufbewahrt.
Woher kam das Egtved-Mädchen?
Das lässt sich bis heute nicht eindeutig beantworten. Strontiumanalysen führten zunächst zu der Vermutung, dass die junge Frau aus einer Region außerhalb des heutigen Dänemarks gekommen sein könnte; auch Süddeutschland beziehungsweise der Raum nördlich der Alpen wurde diskutiert. Spätere Forschungen haben gezeigt, dass eine genaue Herkunftsbestimmung schwieriger ist als zunächst angenommen. Sicher ist vor allem, dass die Bronzezeit von weiträumigen Verbindungen und großer Mobilität geprägt war.
Warum lag Schafgarbe im Grab des Egtved-Mädchens?
Im Grab wurde eine blühende Schafgarbe (Achillea millefolium) gefunden. Warum sie dort niedergelegt wurde, wissen wir nicht. Ihre Blüte liefert der Archäologie jedoch einen wichtigen Hinweis: Sie zeigt, dass das Egtved-Mädchen im Sommer bestattet wurde. Eine bestimmte heilkundliche oder rituelle Bedeutung der Schafgarbe lässt sich für dieses Grab nicht belegen.
Was trug das Egtved-Mädchen?
Sie trug eine kurze Wollbluse und einen auffälligen Schnurrock aus Wolle. Um ihre Taille lag ein Gürtel mit einer großen verzierten bronzenen Gürtelplatte. Außerdem trug sie bronzene Armringe und einen kleinen Ohrring. Zu ihren persönlichen Gegenständen gehörten unter anderem ein Hornkamm und ein Haarnetz.
Was befand sich noch im Grab?
Zu den Grabbeigaben gehörten unter anderem Schmuck, ein Kamm, eine Ahle sowie ein Rindengefäß mit Resten eines fermentierten Getränks aus verschiedenen pflanzlichen Zutaten. Außerdem wurden die verbrannten Überreste eines etwa fünf- bis sechsjährigen Kindes mit ihr bestattet. Welche Beziehung zwischen dem Kind und der jungen Frau bestand, ist unbekannt.
Kann man das Grab des Egtved-Mädchens besuchen?
Ja. Der ursprüngliche Fundort bei Egtved kann heute besucht werden. Dort befindet sich die neue Anlage Egtvedpigens Verden mit dem rekonstruierten Grabhügel und Informationen über das Leben in der Bronzezeit. Der Besuch des Außengeländes ist kostenlos.
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