Eigentlich beginnt die Geschichte dieses Tages schon am Abend vorher. Ich stand mit meinem Camper noch immer direkt am Strand von Løkken und hatte überhaupt keine Lust wegzufahren. Ich mochte diesen Platz. Das Meer direkt vor der Tür, der weite Strand und diese unglaubliche Freiheit, einfach mit dem Camper dort stehen zu dürfen.
Am nächsten Morgen wollte ich weiter zum Rubjerg Knude Fyr, dem berühmten Leuchtturm mitten in den Dünen – ohne zu ahnen, wie gut die Geschichte dieses Ortes zu meiner Nacht am Strand passen würde.
Außerdem hatte ich einen ziemlich guten Grund zu bleiben. Für den frühen Morgen war eine Mondfinsternis angekündigt, irgendwann zwischen vier und sechs Uhr, und ich hatte mir schon ausgemalt, wie schön das hier sein könnte. Der Mond würde zu dieser Zeit schon sehr tief stehen und wo sollte man so etwas besser beobachten können als direkt am Meer mit völlig freiem Blick?
Leider hatte die Wettervorhersage gleichzeitig eine andere Überraschung für mich. Ab ungefähr fünf Uhr morgens waren heftiger Regen und Wind angekündigt. Und da fing ich an nachzudenken.
Wir standen schließlich auf Sand. Was passiert eigentlich mit so einem Strand, wenn es richtig stark regnet? Bleibt der fest oder wird der weich? Und vor allem: Komme ich mit meinem Camper am nächsten Morgen noch problemlos vom Strand herunter?
Ich fragte ein paar andere Camper. Der eine hatte Allrad, ein anderer irgendeine Traktionsunterstützung und dann standen da natürlich auch noch ganz normale Fahrzeuge wie meines. So richtig wusste es keiner. Die allgemeine Meinung war mehr oder weniger: Wir werden sehen.
Damit konnte ich erst einmal leben. Schließlich standen dort viele Camper und irgendwie beruhigte mich das. Wenn alle anderen bleiben, dachte ich, kann es ja so verkehrt nicht sein.
Später in der Nacht ging ich noch einmal hinaus. Ich wollte nach dem Mond schauen und nach den Sternen und vielleicht auch einfach noch einmal dieses besondere Gefühl genießen, nachts direkt am Meer zu stehen. Und dann schaute ich über den Strand.
Wo waren denn plötzlich alle?
Von den vielen Campern, die am Abend noch dort gestanden hatten, waren auf dieser riesigen Fläche vielleicht noch vier Fahrzeuge übrig. Weit voneinander entfernt, irgendwo in der Dunkelheit. Das gefiel mir überhaupt nicht. Ich weiß bis heute nicht, ob meine Sorge berechtigt war. Vielleicht wäre überhaupt nichts passiert. Vielleicht wäre ich am nächsten Morgen trotz Regen ganz gemütlich vom Strand gefahren. Aber ich stand da mitten in der Nacht und dachte nur: Nein. Das fühlt sich nicht gut an.
Also fuhr ich.
Ich fand in Løkken einen Supermarktparkplatz, auf dem man nachts stehen darf. Ab acht Uhr morgens gilt dort eine Parkzeit von drei Stunden mit Parkscheibe, was für mich perfekt war. Ich konnte schlafen, morgens in Ruhe wach werden und dann weiterfahren. Irgendwann in der Nacht fing es tatsächlich an zu regnen und spätestens da war ich ziemlich froh über meine Entscheidung.
Die Mondfinsternis fiel damit allerdings ebenfalls ins Wasser. Bei dem Wetter hätte ich sowieso nichts davon gesehen.
Rubjerg Knude Fyr – mitten in den Dünen
Mein Ziel für diesen Tag stand schon fest: Ich wollte zum Rubjerg Knude Fyr, diesem berühmten weißen Leuchtturm mitten in den Dünen.
Ich hatte Bilder von ihm gesehen und wusste natürlich auch, dass er vor einigen Jahren versetzt worden war, weil er sonst irgendwann ins Meer gestürzt wäre. Aber Bilder sind eben Bilder. Erst wenn man selbst durch diese Landschaft läuft, bekommt man ein Gefühl dafür, was dort eigentlich passiert.
Schon auf dem Weg zum Leuchtturm war klar, dass das heute keine gemütliche Schönwetterwanderung werden würde. Der Wind pfiff ordentlich und je weiter ich in die Dünen kam, desto mehr Sand flog durch die Luft. Regen gesellte sich immer wieder dazu, welcher auch schräg kam wie der Wind. Irgendwann knirschte es zwischen meinen Zähnen.
Und dann steht er plötzlich vor einem. Dieser einzelne weiße Turm mitten in all dem Sand.
Keine Häuser drumherum, kein kleiner Leuchtturmwärtergarten, kein hübsches Ensemble, wie man es vielleicht erwarten würde. Nur dieser Turm und eine Landschaft, die aussieht, als hätte der Wind hier das Sagen. Und im Grunde ist es ja auch genau so.
Warum steht der Rubjerg Knude Fyr mitten im Sand?
Der Rubjerg Knude Fyr wurde 1899 gebaut und sein Licht ging wenige Tage nach Weihnachten 1900 zum ersten Mal an. Damals stand der Leuchtturm ungefähr 200 Meter von der Küste entfernt. Sein Licht konnte mehr als 42 Kilometer weit draußen auf der Nordsee gesehen werden.
200 Meter. Wenn man heute dort steht, ist das kaum vorstellbar.
Denn die Küste verändert sich ständig. Das Meer trägt Land ab, während der Wind den Sand über die Klippen und durch die Landschaft bewegt. Und genau dieser Sand wurde für den Leuchtturm irgendwann zum Problem.
Man versuchte über viele Jahre, die Sandflucht einzudämmen. Doch die Düne rund um den Leuchtturm wuchs immer weiter. Schließlich wurde der Sand so hoch, dass das Leuchtfeuer vom Meer aus immer schlechter zu erkennen war. 1968 wurde der Leuchtturmbetrieb eingestellt. Die Landschaft rund um Rubjerg Knude ist bis heute ein ausgesprochen dynamisches Küstengebiet – der Wind greift trockenen Sand auf und trägt ihn über die Kante der Klippe weiter landeinwärts.
Heute musste mir wirklich niemand erklären, dass hier Sand bewegt wird. Ich hatte ihn im Gesicht, in den Haaren und zwischen den Zähnen.
Warum wurde der Rubjerg Knude Fyr versetzt?
Der Rubjerg Knude Fyr wurde 2019 versetzt, weil die Abbruchkante durch die fortschreitende Küstenerosion immer näher an den Leuchtturm heranrückte. Während der Sand um den Turm wanderte, arbeitete auf der anderen Seite das Meer weiter.
Die Küste vor Rubjerg Knude zieht sich im Durchschnitt ungefähr zwei Meter pro Jahr zurück. Irgendwann war klar: Wenn niemand etwas unternimmt, wird der Leuchtturm irgendwann an der Abbruchkante stehen und schließlich ins Meer stürzen.
Also kam man 2019 auf eine ziemlich verrückte Idee. Man versetzte einfach den Leuchtturm.
Am 22. Oktober 2019 wurde der komplette 23 Meter hohe Turm auf Schienen gesetzt und langsam landeinwärts bewegt. Rund 70 Meter legte er auf diese Weise zurück. Nicht gerade eine Weltreise, aber für einen gemauerten Leuchtturm doch eine beachtliche Strecke. Und statt der ursprünglich erwarteten rund zehn Stunden dauerte die eigentliche Aktion am Ende sogar weniger als sechs Stunden. Quelle: Naturstyrelsen: Rubjerg Knude Fyr und seine Geschichte
Ich hätte das wahnsinnig gerne gesehen. Vor allem aber musste ich dort oben an meine Gedanken in der vergangenen Nacht denken.
Ich hatte mir Sorgen gemacht, was ein paar Stunden kräftiger Regen mit dem Sand unter meinem Camper machen könnten. Und nun stand ich ausgerechnet vor einem Leuchtturm, dessen ganze Geschichte davon erzählt, was Wind, Sand und Meer über Jahrzehnte anrichten können.
Vielleicht war meine nächtliche Flucht vom Strand doch gar nicht so unnötig.
Natürlich musste ich auch auf den Turm
Inzwischen kennt Ihr mich ja ein bisschen. Ich habe Höhenangst und trotzdem steige ich ständig irgendwo hinauf. Warum auch immer. Also natürlich auch hier.
Wow – schon im Turm wurde das Pfeiffen des Windes immer lauter und oben pfiff der Wind noch einmal ganz anders um den Turm. Inzwischen hatte sich zum fliegenden Sand auch noch Regen gesellt und ich stand da oben und schaute auf diese wilde Landschaft hinaus. Ich hielt meinen Foto gut fest.
Das Meer, die hohen Dünen, der Sand und irgendwo dazwischen dieser weiße Turm, der vor gut hundert Jahren einmal weit genug vom Meer entfernt gebaut worden war, dass vermutlich niemand daran dachte, ihn eines Tages einfach 70 Meter nach hinten schieben zu müssen.
Sehr lange habe ich die Aussicht allerdings nicht genossen. Irgendwann fand ich, dass es jetzt auch reicht. Ich machte mich wieder auf den Rückweg zum Camper, mit dem Wind im Gesicht und dem Sand weiterhin zwischen den Zähnen.
Und natürlich schaute ich dabei wieder auf das, was am Wegesrand wächst.
Und mitten im Wind: Echtes Labkraut
Da stand es.
Echtes Labkraut (Galium verum).
Ich kenne das Echte Labkraut natürlich von zu Hause. Im Sommer fällt es mit seinen vielen winzigen gelben Blüten auf, die wie kleine gelbe Wolken über den Wiesen stehen können. Wenn man eine Pflanze immer wieder sieht, entwickelt man irgendwann ein Bild im Kopf, wie sie auszusehen hat.
Und dann komme ich hier an die dänische Westküste und finde mein Labkraut plötzlich in Miniform. Ganz niedrig, klein und gedrungen stand es da in dieser windigen Landschaft.
Ich musste zweimal hinschauen. Und genau solche Begegnungen liebe ich.
Denn Pflanzen sehen eben nicht immer genauso aus wie auf einem Bestimmungsfoto. Wie groß und kräftig sie werden, hängt auch davon ab, wo sie wachsen. Eine Pflanze, die geschützt auf einer Wiese steht, hat völlig andere Bedingungen als eine Pflanze, die sich hier draußen mit Wind, Sand, Salz und kargem Boden arrangieren muss.
Und trotzdem erkennt man sie wieder.
An ihren Merkmalen. An der Anordnung ihrer schmalen Blätter. An den vielen kleinen gelben Blüten. Und beim Echten Labkraut manchmal sogar mit der Nase, denn besonders beim Trocknen entwickelt es diesen charakteristischen Duft, der mit ein Grund für seinen Namen ist.
Genau deshalb finde ich es so spannend, Wildpflanzen nicht nur aus Büchern kennenzulernen. Man muss ihnen draußen begegnen.
Immer wieder.
An unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr. Dann wird aus einem Bild im Bestimmungsbuch irgendwann eine Pflanze, die man wirklich kennt.
Und vielleicht habe ich mich deshalb heute über dieses kleine windzerzauste Labkraut fast genauso gefreut wie über den berühmten Leuchtturm.
Der eine musste vor den Kräften dieser Landschaft sogar um 70 Meter umziehen. Das andere macht sich einfach klein und wächst weiter. Ich weiß nicht, wer von beiden die bessere Strategie hat.
Wildpflanzen wirklich kennenlernen
Genau dieses Kennenlernen begleitet uns auch in meinem Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“.
Mir geht es dort nicht darum, möglichst schnell möglichst viele Pflanzennamen auswendig zu lernen. Ich möchte, dass wir die Pflanzen über längere Zeit begleiten, sie in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstadien kennenlernen und irgendwann draußen vor einer Pflanze stehen und sagen können:
Ach, Dich kenne ich.
Auch wenn Du heute ein bisschen anders aussiehst.
→ Mit den Wildpflanzen durchs Jahr
Häufige Fragen zum Rubjerg Knude Fyr
Warum wurde der Rubjerg Knude Fyr versetzt?
Der Leuchtturm wurde 2019 versetzt, weil die Nordsee der Abbruchkante immer näher kam. Der komplette 23 Meter hohe Turm wurde auf Schienen gesetzt und rund 70 Meter landeinwärts bewegt.
Kann man den Rubjerg Knude Fyr besteigen?
Ja, der Leuchtturm ist zugänglich und kann bestiegen werden. Ich war selbst oben – bei meinem Besuch allerdings mit reichlich Wind, fliegendem Sand und schließlich auch noch Regen.
Warum steht der Rubjerg Knude Fyr mitten in den Dünen?
Wind und Sand haben die Landschaft rund um den Leuchtturm über Jahrzehnte stark verändert. Die Wanderdüne wurde zeitweise sogar so hoch, dass das Leuchtfeuer vom Meer aus immer schlechter zu erkennen war.
Wann wurde der Rubjerg Knude Fyr versetzt?
Der Leuchtturm wurde am 22. Oktober 2019 rund 70 Meter landeinwärts verschoben. Damit wurde verhindert, dass er aufgrund der fortschreitenden Küstenerosion in absehbarer Zeit abstürzt.
Wo liegt der Rubjerg Knude Fyr?
Der Leuchtturm liegt an der dänischen Nordseeküste in Nordjütland zwischen Løkken und Lønstrup in einer eindrucksvollen Dünen- und Steilküstenlandschaft.
Weiterlesen
Wenn Du noch ein bisschen mit mir durch Dänemark reisen möchtest:
→ Lyngvig Fyr – mein Aufstieg auf den Leuchtturm zwischen Dünen und Meer
→ Nationalpark Thy – Leuchtturm, Eichen und Meer
→ Warum faszinieren uns Sonnenuntergänge so sehr?