Als ich überlegte, was ich auf meinem Weg von Aarhus weiter in den Süden Dänemarks noch anschauen könnte, war ich ehrlich gesagt ein bisschen unschlüssig. Nach all den Orten, die ich in den vergangenen Tagen gesehen hatte, war meine Aufnahmefähigkeit nicht mehr grenzenlos. Noch eine Stadt wollte ich auf keinen Fall. Ich hatte eher Lust auf etwas Altes, Geschichtsträchtiges, vielleicht einen besonderen Platz in der Landschaft.
Und so landete Jelling in Dänemark auf meiner Route. Wieder habe ich einen tollen kostenfreien Platz zum stehen gefunden, direkt neben den Sehenswürdigkeiten. Danke für diese tolle Möglichkeit.
Runensteine, Grabhügel, Wikinger – das klang interessant. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Genau diese beiden unscheinbar wirkenden Hügel gehören zu einem der bedeutendsten historischen Orte Dänemarks.
Zwei Steine, auf denen Dänemark Geschichte schrieb
Im Zentrum der Anlage stehen zwei Runensteine. Heute sind sie durch Glas geschützt und auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so spektakulär. Ihre Bedeutung ist dafür umso größer.
Der kleinere und ältere Stein wurde um das Jahr 950 von König Gorm dem Alten für seine Frau Thyra errichtet. Seine Inschrift ist etwas ganz Besonderes, denn hier findet sich eine der frühesten schriftlichen Nennungen des Namens Dänemark im eigenen Land.
Nur wenige Jahrzehnte später ließ Gorms Sohn Harald Blauzahn den größeren Runenstein aufstellen.
Und dieser Harald Blauzahn begegnet uns tatsächlich bis heute ständig – wenn auch meistens, ohne dass wir darüber nachdenken. Denn unser heutiges Bluetooth wurde nach genau diesem Wikingerkönig benannt. Selbst das Bluetooth-Zeichen setzt sich aus den Runen für seine Initialen H und B zusammen.
Die offizielle Bluetooth SIG bestätigt beides: 1996 schlug Jim Kardach von Intel „Bluetooth“ als vorläufigen Codenamen vor. Die Idee war Harald Blauzahn als historische Verbindungsgestalt und die geplante Verbindung von PC- und Mobilfunkindustrie. Aus dem Codenamen wurde schließlich der endgültige Name. Das Logo kombiniert außerdem die Runen ᚼ (Hagall/H) und ᛒ (Bjarkan/B) für Haralds Initialen. (Quelle:
Bluetooth SIG)
Auf seinem großen Runenstein verkündet Harald, dass er Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen zu Christen machte. Auf einer Seite befindet sich eine Darstellung Christi. (Quelle: UNESCO – Jelling Mounds, Runic Stones and Church)
Damit stehen hier auf wenigen Metern zwei Welten nebeneinander: die alte nordische Kultur und das sich ausbreitende Christentum. (Quelle: Dänisches Nationalmuseum – The Jelling Stone)

Die beiden gewaltigen Grabhügel
Links und rechts der Kirche erheben sich zwei gewaltige Grabhügel. Mit fast 70 Metern Durchmesser gehören sie zu den größten vorgeschichtlichen Hügeln Dänemarks. Bis zu etwa zehn Meter ragen sie über die Landschaft – Dimensionen, die man von unten kaum richtig erfassen kann.
Auf den Nordhügel kann man hinaufsteigen. Von dort oben bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung davon, wie groß und bedeutend die gesamte Anlage von Jelling einmal gewesen sein muss.
Im Nordhügel entdeckten Archäologen eine hölzerne Grabkammer aus dem 10. Jahrhundert. Lange nahm man an, dass hier König Gorm der Alte bestattet worden war. Sicher belegen lässt sich das allerdings nicht.
Doch dann wurde es für mich noch spannender.

Der silberne Streifen in der weißen Kirche
Zwischen den beiden Hügeln steht heute die kleine weiße Kirche von Jelling.
An dieser Stelle standen bereits zuvor mehrere Holzkirchen. Die heutige Steinkirche entstand ungefähr um 1100. Drinnen lohnt es sich, auf den Boden zu schauen. Dort befindet sich eine silberfarbene Markierung. Sie erinnert an einen außergewöhnlichen Fund: Unter der Kirche entdeckten Archäologen eine Grabkammer mit menschlichen Überresten.
Vieles spricht dafür, dass es sich dabei um König Gorm den Alten handeln könnte.
Und damit beginnt eine faszinierende Geschichte.
Möglicherweise war Gorm zunächst nach alter Tradition im großen Nordhügel bestattet worden. Sein Sohn Harald Blauzahn, der das Christentum in Dänemark etablierte, könnte die Gebeine seines Vaters später aus dem heidnischen Grabhügel geholt und in der ersten Kirche erneut bestattet haben.
Bewiesen ist diese Geschichte nicht bis ins letzte Detail. Aber die archäologischen Funde machen sie durchaus plausibel.
Quelle: UNESCO/ICOMOS – historische Dokumentation zu Jelling

Und dann entdeckte ich die weißen Pfosten
Draußen fiel mein Blick irgendwann auf die vielen weißen Pfosten und Markierungen, die sich durch die Landschaft ziehen. Zunächst könnte man sie beinahe für eine moderne Gestaltung des Geländes halten.
Doch genau sie machten mir erst richtig klar, welche Dimension Jelling einmal hatte.
Die weißen Pfosten markieren den Verlauf einer gewaltigen Palisade aus der Zeit Harald Blauzahns. Etwa 1.440 Meter lang war diese Einfriedung. Sie umschloss eine Fläche von rund 12 Hektar. Innerhalb der gewaltigen Einfriedung fanden Archäologen unter anderem Spuren großer Gebäude. Jelling war in der Zeit von Gorm und Harald Blauzahn ein bedeutendes königliches Machtzentrum.

Ein steinernes Schiff von unglaublicher Größe
Noch etwas verbirgt sich in dieser Landschaft.
Zwischen und unter den später errichteten Hügeln befand sich einst eine gigantische Schiffssetzung. Bei solchen Anlagen wurden große Steine so aufgestellt, dass sie von oben den Umriss eines Schiffes bildeten. Sie standen häufig im Zusammenhang mit Bestattungen und dem Gedenken an Verstorbene.
Warum ausgerechnet ein Schiff? Schiffe hatten in der Wikingerzeit eine besondere Bedeutung. Sie ermöglichten Reisen, Handel und Eroberungen, waren aber auch Zeichen von Macht und gesellschaftlichem Rang. Und offenbar spielten sie ebenso in den Vorstellungen rund um Tod und Bestattung eine Rolle.
Wer die Schiffssetzung von Jelling errichten ließ und wem sie gewidmet war, wissen wir heute nicht sicher. Eine Theorie besagt, dass Gorm der Alte sie als gewaltiges Grabmonument für seine Frau Thyra anlegen ließ.
Und gewaltig ist tatsächlich das richtige Wort: Das steinerne Schiff von Jelling war etwa 356 Meter lang und bestand vermutlich aus rund 500 großen Steinen. Damit gilt es als die größte bekannte Schiffssetzung überhaupt.
Heute sind die meisten ursprünglichen Steine verschwunden. Helle Markierungen im Gelände zeigen jedoch den Verlauf dieses riesigen steinernen Schiffes und lassen zumindest erahnen, welche Dimension es einmal hatte. (Quelle: Kongernes Jelling – Das Monumentgelände)
Jelling – die Geburtsurkunde Dänemarks
Heute gehören die Monumente von Jelling zum UNESCO-Welterbe.
Oft werden die Runensteine sogar als eine Art „Geburtsurkunde Dänemarks“ bezeichnet.
Denn auf diesem kleinen Stück Erde treffen erstaunlich viele Entwicklungen zusammen: die Entstehung eines dänischen Königreichs, die Wikingerzeit, die Christianisierung Skandinaviens und die Erinnerung an einige der ersten namentlich bekannten dänischen Könige.
Und natürlich war da wieder eine Pflanze
Auch wenn mich in Jelling für eine Weile Runensteine, Könige und die Geschichten der Wikinger beschäftigten, ganz ohne Wildpflanze geht es bei mir offenbar auch auf Reisen nicht.
Schon zuvor in Aarhus war mir das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) begegnet. Mit seinen leuchtend gelben Blüten sieht es auf den ersten Blick fast ein wenig unscheinbar aus – und doch steckt auch hinter dieser Pflanze eine spannende Geschichte.
Denn ursprünglich gehört sie überhaupt nicht nach Dänemark oder Mitteleuropa. Ihre Heimat liegt im südlichen Afrika. Vermutlich gelangte sie mit importierter Schafwolle nach Europa und begann sich von dort aus immer weiter auszubreiten. Heute findet man sie besonders häufig an Straßenrändern, auf Bahngelände, Schotterflächen und anderen offenen Standorten.
So erzählt also auch eine Pflanze manchmal von Reisen und Wegen – wenn auch auf eine ganz andere Art als die alten Runensteine von Jelling.
Für die Wildküche ist das Schmalblättrige Greiskraut allerdings nicht geeignet. Wie andere Greiskräuter enthält es Pyrrolizidinalkaloide und sollte deshalb nicht gegessen werden.

Mit den Wildpflanzen durchs Jahr
Genau solche Begegnungen liebe ich unterwegs. Eine Pflanze entdecken, genauer hinschauen, herausfinden, wer sie ist – und plötzlich wird aus einem gelben Blümchen am Wegesrand eine kleine Geschichte.
Wenn du Wildpflanzen ebenfalls besser kennenlernen und mit der Zeit immer sicherer erkennen möchtest, begleite ich dich in meinem Jahreskurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“.
Gemeinsam gehen wir durch die Jahreszeiten, lernen die Pflanzen kennen, die uns gerade draußen begegnen, schauen, woran wir sie sicher erkennen können und wie wir essbare Wildpflanzen ganz praktisch in unseren Alltag und unsere Küche holen können.
Häufige Fragen zu Jelling
Warum ist Jelling so bedeutend?
Jelling gilt als einer der wichtigsten historischen Orte Dänemarks. Die Runensteine, Grabhügel und die Kirche gehören zum UNESCO-Welterbe und erzählen von den Königen Gorm und Harald Blauzahn.
Warum gilt Jelling als Geburtsstätte Dänemarks?
Der große Runenstein Harald Blauzahns wird häufig als „Geburtsurkunde Dänemarks“ bezeichnet. Auf den Jellingsteinen findet sich außerdem eine der frühesten schriftlichen Nennungen Dänemarks.
Was hat Harald Blauzahn mit Bluetooth zu tun?
Bluetooth wurde tatsächlich nach dem Wikingerkönig Harald Blauzahn benannt. Auch das Bluetooth-Logo geht auf ihn zurück: Es verbindet die Runenzeichen seiner Initialen H und B.
Kann man Jelling kostenlos besichtigen?
Ja. Die Runensteine, Grabhügel, Kirche und das Monumentgelände sind frei zugänglich. Nur für das Erlebniszentrum Kongernes Jelling wird Eintritt verlangt.
Weiterlesen – meine Reise durch Dänemark
Wenn du noch ein Stück mit mir durch Dänemark reisen möchtest, lies gerne hier weiter:
👉 Aarhus – vom Dachgarten bis zum Dom
👉 Skagen und Grenen – ganz oben in Dänemark
👉 Råbjerg Mile und die versandete Kirche
👉 Rubjerg Knude Fyr – der Leuchtturm in den Dünen
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