Gestern Abend hatte ich mir zum Übernachten den Bunken Rasteplads ausgesucht und damit wieder einmal einen richtig schönen Platz gefunden. Ein großer Parkplatz, auf dem auch für Camper genügend Platz ist, mit Toiletten und sogar einer Entsorgungsmöglichkeit. Und nur ein kleines Stück weiter war schon wieder das Meer.
Wobei ich mich inzwischen tatsächlich erst einmal orientieren muss, welches Meer denn nun gerade neben mir liegt. Ich bin mittlerweile ganz oben auf diesem schmalen Zipfel Dänemarks angekommen und nach all den Tagen an der Westküste war ich nun einmal auf der anderen Seite unterwegs, am Kattegat.
Von hier aus wollte ich am nächsten Morgen zur Råbjerg Mile, der größten Wanderdüne Dänemarks, und anschließend weiter zur versandeten Kirche bei Skagen.
Natürlich musste ich abends noch ans Wasser.
Der Wind pfiff heftig über die Dünen und auch Regen mischte sich immer wieder darunter und das Meer war entsprechend aufgewühlt, aber die Landschaft war einfach herrlich. Dünen, Heideflächen, überall Pflanzen dazwischen und dahinter das stürmische Wasser. Ich mag diese Landschaft hier oben unglaublich gerne. Sie ist auf den ersten Blick vielleicht gar nicht spektakulär, weil es keine Berge und keine gewaltigen Felsen gibt. Aber je länger ich darin unterwegs bin, desto mehr entdecke ich. Und natürlich schaue ich sowieso ständig rechts und links, was da alles wächst.
Heute Morgen zeigte sich dann tatsächlich die Sonne und ich ging noch einmal hinunter ans Wasser. Es ist schon erstaunlich, wie anders derselbe Ort ein paar Stunden später aussehen kann. Gestern Abend Sturm und wildes Meer, heute Morgen Sonne über den Dünen. Ich hätte durchaus noch ein bisschen bleiben können, aber für heute hatte ich mir etwas vorgenommen, auf das ich inzwischen richtig neugierig war.
Ich wollte zur Råbjerg Mile, der großen Wanderdüne.
Råbjerg Mile – eine kalte Wüste mitten in Dänemark
Ich hatte natürlich vorher Bilder gesehen und wusste, dass dort ziemlich viel Sand auf mich warten würde. Aber wie so oft ist es etwas völlig anderes, wenn man dann selbst davorsteht.
Mein erster Gedanke war tatsächlich: Das sieht aus wie eine Wüste. Nur eben eine ziemlich kalte Wüste mitten in Dänemark.
Vor mir lag diese riesige helle Sandfläche und natürlich wollte ich hinauf. Also los. Wer schon einmal einen größeren Sandberg hochgestapft ist, weiß allerdings, dass das deutlich leichter aussieht, als es ist. Man läuft, sinkt ein, rutscht ein Stück zurück und kommt irgendwie wesentlich langsamer vorwärts, als man sich das vorgestellt hat.
Ein paar andere Menschen waren ebenfalls unterwegs. Nicht viele, aber immer wieder sah ich jemanden über diese riesige Fläche laufen. Und eigentlich machte gerade das die Dimensionen noch deutlicher. Wenn irgendwo in der Ferne ein Mensch über den Sand stapft und plötzlich ganz klein wird, merkt man erst, wie groß diese Düne tatsächlich ist.
Die Råbjerg Mile ist die größte Wanderdüne Dänemarks und eine der größten Europas. Fast einen Quadratkilometer groß soll diese Sandfläche sein und ungefähr vier Millionen Kubikmeter Sand enthalten. An ihrer höchsten Stelle erreicht sie etwa 40 Meter.
Vier Millionen Kubikmeter Sand.
Ich gebe zu, ich kann mir unter vier Millionen Kubikmetern nicht wirklich etwas vorstellen. Wenn man aber mitten darin steht und in alle Richtungen Sand sieht, kommt man der Sache zumindest ein bisschen näher.
Und das Verrückte daran ist ja, dass dieser riesige Sandberg nicht einfach dort liegen bleibt.
Der Wind nimmt den Sand auf der Westseite mit, trägt ihn über die Düne und lagert ihn auf der anderen Seite wieder ab. Dadurch bewegt sich die Råbjerg Mile langsam in nordöstlicher Richtung über die Skagens Odde. Die dänische Naturbehörde gibt derzeit ungefähr 15 Meter pro Jahr an. Von oben hat die Düne die Form eines Halbmondes, weshalb sie zu den sogenannten Parabeldünen gehört. Quelle: Naturstyrelsen – Råbjerg Mile und Bunken Klitplantage
Wenn ich dort oben im Sand stehe, sieht man diese Bewegung natürlich nicht. Und trotzdem verändert sich diese Landschaft ständig.
Ich musste unweigerlich an meinen gestrigen Besuch beim Rubjerg Knude Fyr denken. Dort hatte ich gerade erlebt, wie sehr Wind, Sand und Meer diese Küste verändern können und dass am Ende sogar ein ganzer Leuchtturm versetzt werden musste. Heute stand ich nun mitten in einer Düne, die seit Jahrhunderten durch die Landschaft wandert.
Für uns heute ist das faszinierend und wunderschön. Früher war die Sandflucht für die Menschen hier allerdings alles andere als eine Touristenattraktion. Sand bedeckte Wege, Felder und Gebäude und machte ganze Gebiete zeitweise kaum bewohnbar. Ende des 19. Jahrhunderts bestand der Weg nach Skagen teilweise nur aus einer Sandspur, die an einem Tag befahrbar sein konnte und am nächsten schon wieder vom Sand verschüttet war. Die Menschen hier oben sollen sich deshalb manchmal fast wie Inselbewohner in einem riesigen Meer aus Sand gefühlt haben. Quelle: Naturstyrelsen – Geschichte der Råbjerg Mile
Im 19. Jahrhundert begann man schließlich systematisch, die Sandflucht einzudämmen. Es wurden unter anderem Strandhafer und andere Pflanzen gesetzt und große Dünenplantagen angelegt. Auch die vielen Kiefern, die mir hier oben ständig begegnen, gehören zu dieser Geschichte. Gerade die Bergkiefer kam mit den kargen sandigen Böden zurecht und wurde deshalb großflächig angepflanzt.
Als ich mir die Kiefer näher ansah, bestimmte ich sie tatsächlich als Bergkiefer. Über den Namen musste ich hier oben zwischen Sand und Meer ein bisschen schmunzeln – aber ja, es ist eine Bergkiefer.
Bei der Råbjerg Mile entschied man sich irgendwann bewusst anders. Der Staat kaufte das Gebiet bereits 1900, damit diese eine große Wanderdüne weiterwandern durfte und erhalten blieb.
Denn es ist schon ein faszinierendes Gefühl, mitten in Dänemark plötzlich durch eine Landschaft zu laufen, die mich eher an eine Wüste erinnert.
Nachdem ich wieder unten angekommen war und den Sand vermutlich noch eine ganze Weile in Schuhen und Kleidung mit mir herumtragen würde, ging meine Reise weiter. Und mein nächstes Ziel passte eigentlich perfekt zu dem, was ich gerade gesehen hatte.
Die versandete Kirche bei Skagen
Ich fuhr weiter Richtung Skagen zur Den Tilsandede Kirke, der versandeten Kirche.
Schon der Weg dorthin gefiel mir. Wieder diese typische Landschaft hier oben mit Dünen, Heide und Bäumen und dann sieht man irgendwann den weißen Kirchturm daraus hervorragen.
Ich fand ihn richtig hübsch.
Er steht so weiß inmitten dieser Dünen- und Heidelandschaft, dass man eigentlich erst einmal gar nicht auf die Idee kommt, dass seine Geschichte alles andere als idyllisch ist.
Denn eine Kirche steht dort heute gar nicht mehr.
Der Turm ist alles, was von der ehemaligen Sankt-Laurentius-Kirche noch sichtbar geblieben ist. Die Kirche wurde vermutlich gegen Ende des 14. Jahrhunderts gebaut und war damals sogar die größte Kirche in Vendsyssel. (Quelle: Naturstyrelsen – Die Versandete Kirche bei Skagen) Spätestens im 16. Jahrhundert wurden die Sandverwehungen in der Gegend immer stärker. Die Menschen versuchten lange, dagegen anzukämpfen und mussten sich vor den Gottesdiensten offenbar immer wieder durch den Sand einen Weg zur Kirche freigraben. Irgendwann war es einfach zu viel. 1795 wurde die Kirche auf königliche Anordnung aufgegeben. (Quelle: Naturstyrelsen – ausführlicher Folder zur versandeten Kirche) Das Kirchenschiff wurde später abgerissen, der Turm blieb erhalten und wurde als Seezeichen genutzt.
Was ich besonders spannend finde: Unter dem Sand ist offenbar noch viel mehr von der Kirche vorhanden, als man von außen ahnt. Teile der Mauern stehen unter dem Sand noch mehrere Meter hoch und über dem ehemaligen Kirchenboden liegt heute eine mehrere Meter dicke Sandschicht. Sogar Taufstein und gemauerter Altartisch befinden sich noch dort unten.
Ich schaute in den Turm hinein und man hätte auch hinaufsteigen können. Aber heute hatte ich keine Lust dazu. Das will bei mir inzwischen etwas heißen, denn auf dieser Reise scheine ich ja eine gewisse Neigung entwickelt zu haben, trotz meiner Höhenangst jeden erreichbaren Turm erklimmen zu müssen.
Heute nicht.
Ich blieb unten und genoss lieber den Blick rund um die Kirche. Ein paar Menschen waren unterwegs, aber auch hier war es angenehm ruhig. Und für mich gab es sowieso wieder genug anderes zu entdecken.
Eigentlich könnte ich hier ständig Pflanzen schauen
Rund um die Kirche fing mein Blick natürlich sofort wieder an zu wandern.
Da war Sanddorn, den ich auf dieser Reise inzwischen wirklich überall treffe, Heide, Kiefern, Pappeln und noch einiges mehr. Ich finde es zunehmend spannend zu beobachten, welche Pflanzen mit diesen Bedingungen hier oben zurechtkommen. Sandiger, nährstoffarmer Boden, Wind und teilweise Salz – und trotzdem ist diese Landschaft alles andere als leer.
Wenn man anfängt hinzuschauen, ist unglaublich viel da.
Und irgendwo am Wegesrand entdeckte ich dann noch etwas, das nun wirklich keine dänische Besonderheit ist.
Brombeeren.
Schön dunkel, reif und – das musste natürlich überprüft werden – richtig lecker.
Da traf es sich ausgesprochen gut, dass mein Frühstück noch nicht so richtig stattgefunden hatte und ich Skyr dabeihatte. Also wurden ein paar Brombeeren gesammelt und landeten darin.
Besser kann es eigentlich kaum passen.
Ich saß da mit meinem Skyr und meinen frisch gepflückten Brombeeren und dachte, dass genau solche kleinen Dinge für mich inzwischen ganz selbstverständlich zu dieser Reise gehören. Ich muss nicht extra auf Kräutersuche gehen. Ich brauche keinen Korb und muss auch nicht jeden Tag irgendeine außergewöhnliche Wildpflanze entdecken.
Manchmal sind es einfach Brombeeren am Wegesrand.
Ich kenne sie, sehe, dass die Früchte reif sind, probiere eine und freue mich darüber, dass mein Frühstück plötzlich ein bisschen besser geworden ist.
Natürlich könnte ich jetzt erzählen, dass Brombeeren Vitamin C und Ballaststoffe enthalten und dass ihre dunkle Farbe von Anthocyanen stammt, die zu den sekundären Pflanzenstoffen gehören.
Aber ganz ehrlich?
Daran habe ich beim Essen überhaupt nicht gedacht.
Sie waren reif. Sie waren süß. Ich hatte Hunger.
Und sie schmeckten wunderbar in meinem Skyr.
Wenn aus Pflanzen alte Bekannte werden
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mir das Wissen über Wildpflanzen so viel Freude macht. Es geht für mich gar nicht darum, ständig etwas Besonderes finden zu müssen oder möglichst viele Pflanzennamen auswendig zu kennen.
Ich mag dieses Wiedererkennen.
Eine Pflanze im Frühjahr mit ihren ersten Blättern zu sehen, später ihre Blüten kennenzulernen und irgendwann im Spätsommer vor ihren reifen Früchten zu stehen. Irgendwann muss ich dann nicht mehr überlegen oder im Bestimmungsbuch nachschauen.
Ich weiß einfach: Ach, Dich kenne ich.
Und genau darum geht es auch in meinem Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“. Wir begleiten die Pflanzen durch die Jahreszeiten, schauen genau hin, lernen ihre Merkmale kennen und entdecken natürlich auch, was wir mit ihnen machen können.
Nicht möglichst viel auf einmal.
Sondern Stück für Stück so, dass aus einer unbekannten Pflanze irgendwann eine alte Bekannte wird.
Und manchmal schenkt einem diese alte Bekannte dann irgendwo ganz oben in Dänemark einfach das Frühstück.
→ Mit den Wildpflanzen durchs Jahr
Häufige Fragen zur Råbjerg Mile und zur versandeten Kirche
Was ist die Råbjerg Mile?
Die Råbjerg Mile ist die größte Wanderdüne Dänemarks. Sie liegt südwestlich von Skagen, umfasst fast einen Quadratkilometer und besteht aus rund vier Millionen Kubikmetern Sand.
Wie schnell wandert die Råbjerg Mile?
Die Råbjerg Mile bewegt sich durch den vorherrschenden Wind langsam in nordöstlicher Richtung. Die dänische Naturbehörde gibt derzeit ungefähr 15 Meter pro Jahr an.
Warum ist die Kirche bei Skagen versandet?
Über Jahrhunderte sorgte die Sandflucht dafür, dass immer größere Sandmengen rund um die Sankt-Laurentius-Kirche abgelagert wurden. Schließlich musste der Zugang immer wieder freigeschaufelt werden. 1795 wurde die Kirche aufgegeben.
Was sieht man heute von der versandeten Kirche?
Heute ist vor allem der weiße Kirchturm sichtbar. Das ehemalige Kirchenschiff wurde abgerissen, während Teile der alten Kirche noch unter dem Sand liegen.
Weiterlesen
Wenn Du noch ein bisschen mit mir durch Dänemark reisen möchtest:
→ Rubjerg Knude Fyr – der Leuchtturm in den Dünen
→ Nationalpark Thy – Leuchtturm, Eichen und Meer