Ribe – kleine Gassen und ganz viel Geschichte

Ges­tern kamen wir in Kam­merslu­sen an. Ich hat­te mich auf einen Stell­platz direkt am Meer gefreut. Und ja – das Meer ist tat­säch­lich da. Ich kann es in der Fer­ne sogar sehen. Nur hin­kom­men kann man nicht. Vor einem lie­gen die Schleu­se, der Deich, rie­si­ge Salz­wie­sen und Schaf­wei­den und irgend­wo dahin­ter das Wattenmeer.

Das hat­te ich mir ehr­lich gesagt ein biss­chen anders vor­ge­stellt. Ich dach­te, ich könn­te vom Cam­per aus ein­fach mal zum Meer lau­fen, die Füße ins Was­ser hal­ten und ein biss­chen am Was­ser ent­lang­ge­hen. Nix da.

Aber der Son­nen­un­ter­gang war wun­der­schön und der Wind blies mich durch, ich sog die Luft tief in mei­ne Lun­gen und fühl­te mich unglaub­lich ange­kom­men in der Natur. 

Kam­merslu­sen liegt nur weni­ge Kilo­me­ter von Ribe ent­fernt und so bin ich heu­te los­ge­fah­ren, um mir die Stadt anzu­schau­en. Und was soll ich sagen? Was für ein tol­les klei­nes Städtchen.

Einfach loslaufen und schauen

Ich hat­te gar kei­nen gro­ßen Plan. Ich woll­te mir Ribe ein­fach anschau­en und bin los­ge­lau­fen. Und schon nach den ers­ten Metern wuss­te ich: Hier gefällt es mir.

Klei­ne Gas­sen, alte Häu­ser, Kopf­stein­pflas­ter, Was­ser­läu­fe und klei­ne Brü­cken und dazwi­schen immer wie­der wun­der­schö­ne Hin­ter­hö­fe. Dazu eine rich­tig net­te Fuß­gän­ger­zo­ne mit klei­nen Geschäf­ten, in der man ein­fach ein biss­chen bum­meln kann.

Ribe ist nicht groß und genau das macht es so schön. Man muss eigent­lich gar nicht groß über­le­gen, wohin man geht. Ein­fach lau­fen und schau­en, was einem begegnet.

Und mir begeg­ne­te eine gan­ze Menge.

Was ich vor­her zum Bei­spiel gar nicht wuss­te: Ribe ist die ältes­te Stadt Däne­marks. Bereits Anfang des 8. Jahr­hun­derts ent­stand hier ein Han­dels­platz. Hier wur­de also schon vor rund 1.300 Jah­ren gehan­delt, gear­bei­tet und gelebt.

Wenn man das weiß, schaut man auf die­se klei­nen alten Gas­sen plötz­lich noch ein­mal ganz anders.

Alte Häuser, Hinterhöfe und ein Wasserrad

Beson­ders ange­tan hat­ten es mir die vie­len Hin­ter­hö­fe. Ich weiß gar nicht, in wie vie­le ich hin­ein­ge­lau­fen bin. Man sieht irgend­wo einen Durch­gang und denkt: Was ist denn da hin­ten? Und schon ist man drin.

Hin­ter den Häu­ser­fron­ten öff­nen sich plötz­lich wun­der­schö­ne klei­ne Höfe mit alten Mau­ern und Fach­werk­häu­sern. Genau so etwas lie­be ich. Ich kann da nicht ein­fach vorbeilaufen.

Und dann stand ich plötz­lich vor Däne­marks ältes­tem Kauf­manns­la­den. Anno 1442 steht groß am Haus und vor der Tür ver­kün­det ein Schild „Dan­marks ælds­te Køb­mands­bu­tik“. Natür­lich muss­te ich da genau­er hin­schau­en. Schon allein die­ses alte Haus mit sei­nen Bal­ken, den klei­nen Fens­tern und den vie­len Details ist sehens­wert. Und irgend­wie passt es wun­der­bar zu Ribe – man läuft ein­fach durch die Stadt und stol­pert stän­dig über ein wei­te­res Stück Geschichte

Sofort ent­ste­hen Bil­der im Kopf von alten Rega­len, Schub­la­den und Dosen und davon, wie hier frü­her ein­ge­kauft wur­de. Ribe war über Jahr­hun­der­te eine Han­dels­stadt und an sol­chen Orten kann man sich plötz­lich ein biss­chen vor­stel­len, wie das Leben hier ein­mal aus­ge­se­hen haben könnte.

Mit­ten in der Stadt rauscht dann plötz­lich das Was­ser und da ist tat­säch­lich ein Was­ser­rad.

Was­ser spielt in Ribe sowie­so über­all eine Rol­le. Die Ribe Å fließt durch die Stadt und war frü­her enorm wich­tig. Über den Fluss war Ribe mit dem Meer ver­bun­den und Waren und Men­schen kamen in die Stadt.

Heu­te steht man da, schaut dem Was­ser­rad beim Dre­hen zu und rund­her­um geht ganz nor­mal das Leben weiter.

Und das ist für mich Ribe: Du gehst eigent­lich nur eine Stra­ße ent­lang und schon lockt Dich der nächs­te Hin­ter­hof, ein altes Haus, eine klei­ne Gale­rie oder irgend­et­was ande­res hin­ein. Man kommt über­haupt nicht weit – aber sieht unglaub­lich viel. Und genau beim Her­um­strei­fen bin ich auch in einer Glas­ga­le­rie gelan­det. Glas fas­zi­niert mich sowie­so – die­ses Spiel mit Licht und Far­ben und was Men­schen aus einem eigent­lich so sprö­den Mate­ri­al alles ent­ste­hen las­sen kön­nen. Also natür­lich rein.

1.300 Jahre Geschichte – und natürlich die Wikinger

Wenn ich schon in der ältes­ten Stadt Däne­marks bin, woll­te ich natür­lich auch wis­sen, wie das hier frü­her aussah.

Also ging es noch ins Wikin­ger­mu­se­um.

Ribe war bereits in der Wikin­ger­zeit ein bedeu­ten­der Han­dels­platz. Im Muse­um sieht man vie­le Din­ge, die Archäo­lo­gen hier tat­säch­lich gefun­den haben, und bekommt eine Vor­stel­lung davon, was vor mehr als tau­send Jah­ren an die­sem Ort los gewe­sen sein muss.

Und genau das fin­de ich spannend.

Mich inter­es­sie­ren gar nicht nur die berühm­ten Wikin­ger mit Schif­fen, Schwer­tern und Kämp­fen. Mich inter­es­siert viel mehr: Wie haben die Men­schen gelebt? Was haben sie her­ge­stellt? Was haben sie geges­sen? Womit haben sie gehan­delt? Und wer kam damals alles nach Ribe?

Wenn man anschlie­ßend wie­der hin­aus­geht und durch die­sel­ben Gas­sen läuft, ist die Stadt eigent­lich noch dieselbe.

Und trotz­dem sieht man sie ein biss­chen anders.

Unter die­sen Stra­ßen lie­gen die Spu­ren von Men­schen, die hier vor über tau­send Jah­ren gelebt haben.

Von Hexen und einer ziemlich dunklen Geschichte

Und dann gibt es in Ribe noch ein Muse­um, das natür­lich eben­falls mei­ne Auf­merk­sam­keit geweckt hat: das HEX! Muse­um of Witch Hunt.

Ein Muse­um über Hexenverfolgung.

Ribe spiel­te dabei in Däne­mark tat­säch­lich eine wich­ti­ge Rol­le. Eine der bekann­tes­ten Geschich­ten ist die von Maren Spli­ids. Sie leb­te hier in Ribe, wur­de der Hexe­rei beschul­digt und schließ­lich 1641 verbrannt.

Ich fin­de sol­che Geschich­ten immer erschre­ckend und fas­zi­nie­rend zugleich.

Heu­te läuft man durch die­se wun­der­schö­nen klei­nen Stra­ßen, schaut in Schau­fens­ter und Hin­ter­hö­fe und ein paar Jahr­hun­der­te zuvor leb­ten genau hier Men­schen, die tat­säch­lich Angst haben muss­ten, der Hexe­rei beschul­digt zu werden.

Und plötz­lich ist Geschich­te gar nicht mehr so weit weg.

Man geht aus dem Muse­um hin­aus – und steht wie­der mit­ten in den Stra­ßen, in denen die­se Men­schen tat­säch­lich gelebt haben.

An Kirchen komme ich natürlich nicht vorbei

Und ja – Kir­chen gehen bei mir irgend­wie immer.

Also habe ich mir natür­lich auch die bei­den Kir­chen angeschaut.

Allen vor­an den Dom zu Ribe. Der ist kaum zu über­se­hen. Mit­ten zwi­schen all den klei­nen Häu­sern steht plötz­lich die­ses gewal­ti­ge Bau­werk. Für eine so klei­ne Stadt wirkt der Dom fast riesig.

Die christ­li­che Geschich­te Ribes reicht weit zurück. Bereits in der Wikin­ger­zeit ent­stand hier eine Kir­che, der heu­ti­ge Dom stammt in sei­nen ältes­ten Tei­len aus dem Mittelalter.

Natür­lich muss­te ich hinein.

Neben dem Dom ent­deck­te ich dann noch etwas, von dem ich vor­her über­haupt nichts wuss­te: die Spu­ren des alten Ans­gar-Fried­hofs. Hier wur­den bei Aus­gra­bun­gen sehr frü­he christ­li­che Grä­ber gefun­den. Und plötz­lich lan­det man wie­der mit­ten in der Geschich­te: Bereits im 9. Jahr­hun­dert durf­te der Mis­sio­nar Ans­gar in Ribe eine Kir­che errich­ten – mit­ten in der Wikingerzeit.

Ich fin­de sol­che Orte fas­zi­nie­rend. Da stehst Du heu­te neben die­sem rie­si­gen Dom und unter Dei­nen Füßen lie­gen die Spu­ren der Men­schen, die hier vor mehr als tau­send Jah­ren gelebt und ihre Toten begra­ben haben.

Und dann gibt es noch die Sankt-Catha­rinæ-Kir­che mit der alten Klosteranlage.

Ganz anders als der gro­ße Dom. Ruhi­ger, klei­ner – und natür­lich wie­der mit einem wun­der­schö­nen Innen­hof. Ribe und sei­ne Innen­hö­fe, ich sag’s Euch. Ich hät­te wahr­schein­lich noch Stun­den ein­fach wei­ter durch irgend­wel­che Durch­gän­ge ver­schwin­den können.

Manchmal kommt es eben anders

Als ich ges­tern in Kam­merslu­sen ankam, war ich erst ein­mal ent­täuscht. Ich hat­te mich auf Meer gefreut und stand dann vor Salz­wie­sen, Scha­fen und einem Meer, das zwar irgend­wo da hin­ten zu sehen, aber für mich nicht erreich­bar war.

Heu­te sieht die Sache schon wie­der ganz anders aus.

Denn wäre ich hier nicht gelan­det, hät­te ich mir viel­leicht auch nicht so viel Zeit für Ribe genom­men. Und dann hät­te ich all die klei­nen Gas­sen und Hin­ter­hö­fe nicht ent­deckt, wäre nicht vor Däne­marks ältes­tem Kauf­manns­la­den gestan­den, hät­te nichts über die Wikin­ger und die Hexen­ver­fol­gung erfah­ren, wäre nicht durch die Glas­ga­le­rie gestreift und hät­te auch nicht neben dem Dom vor den Spu­ren die­ses uralten christ­li­chen Fried­hofs gestanden.

Und genau das ist es, was ich lie­be: neu­gie­rig blei­ben. Hin­aus­ge­hen. Hin­schau­en. Und ent­de­cken, was einem begegnet.

Das gilt auf Rei­sen genau­so wie zu Hau­se vor der eige­nen Haustür.

Und viel­leicht ist das auch der Grund, war­um sich auf mei­nen Sei­ten so vie­le unter­schied­li­che Din­ge fin­den. Wild­pflan­zen, Natur, Qigong, Geschich­ten, Begeg­nun­gen und inzwi­schen eben auch mei­ne klei­nen Ent­de­ckun­gen unterwegs.

Wenn Du Lust hast, noch ein biss­chen wei­ter mit mir zu ent­de­cken, dann schau Dich ger­ne um.

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Und mor­gen geht mei­ne eige­ne Ent­de­ckungs­rei­se weiter.

Dann geht es hin­aus ins däni­sche Wattenmeer.

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