Seit ich an der dänischen Westküste unterwegs bin, habe ich natürlich schon einige Sonnenuntergänge gesehen. Und ich gebe zu: Ich kann mich daran einfach nicht sattsehen. Erst in Nørre Vorupør saß ich oben auf der Düne und schaute zu, wie die Sonne langsam im Meer verschwand. Jetzt stehe ich mit meinem Camper direkt auf dem Strand von Løkken und hier fällt mir noch etwas ganz anderes auf.
Gegen Abend kommen immer mehr Autos auf den Strand gefahren. Die Menschen steigen aus, holen Stühle aus ihren Autos, stellen sie in den Sand und richten sie aus. Alle in dieselbe Richtung, Zum Meer und zur Sonne.
Fast sieht es aus, als würde gleich eine Vorstellung beginnen und jeder möchte noch rechtzeitig einen guten Platz bekommen. Dabei passiert eigentlich gar nichts Besonderes. Die Sonne geht unter. Das hat sie gestern gemacht, sie macht es heute und morgen wird sie es wieder tun. Trotzdem kommen Menschen extra dafür hierher.
Sie setzen sich in ihre Stühle, andere stehen am Wasser oder im Sand und irgendwann werden überall die Handys herausgeholt. Menschen fotografieren sich gegenseitig vor der untergehenden Sonne. Verliebte stellen sich zusammen ans Wasser, andere formen mit ihren Händen ein Herz und versuchen, die Sonne genau darin einzufangen. Manche halten die Hand so, dass es auf dem Foto aussieht, als würde die Sonne darauf liegen.
Und wenn die Sonne verschwunden ist, werden die Stühle wieder zusammengeklappt und ins Auto gepackt. Manche fahren danach tatsächlich einfach wieder nach Hause.
Ich musste darüber nachdenken. Warum machen wir Menschen das?

Ein Ereignis, das jeden Tag stattfindet
Es gibt auf der ganzen Welt Plätze, die ganz selbstverständlich Sunset Point heißen. Wir schauen im Urlaub nach, wann die Sonne untergeht, laufen dafür auf Berge, setzen uns auf Mauern oder Dünen, fahren noch einmal extra irgendwohin und warten manchmal eine Stunde auf etwas, von dem wir ganz genau wissen, dass es passieren wird.
Und ich bin natürlich kein bisschen besser. In jedem Urlaub ist ein schöner Sonnenuntergang an einem tollen Ort ein Highlight. Und das jeden Tag aufs Neue, dabei könnte ich mir einfach das Foto von gestern anschauen.
Es sind keine bewussten Überlegungen, wie, heute stehen die Wolken anders, das Meer hat eine andere Farbe, das Licht spiegelt sich anders auf dem Wasser. Vielleicht ist der Himmel erst gelb, dann orange und plötzlich leuchtet alles rot. Und natürlich brauche ich davon wieder ein Foto.
Also begann ich ein bisschen nachzulesen, weil ich wissen wollte, ob wir Sonnenuntergänge einfach deshalb so lieben, weil wir irgendwann gelernt haben, dass sie romantisch und schön sind. Warum erzeugen sie so positive Gefühle in uns? Ich habe noch niemand erlebt, der sauer auf einen Sonnenuntergang blickt.
Offenbar macht ein Sonnenuntergang tatsächlich etwas mit uns
Wissenschaftler beschäftigen sich mit einem Gefühl, für das es im Englischen ein schönes Wort gibt: Awe.
Mit „Staunen“ lässt es sich ganz gut übersetzen, vielleicht auch ein bisschen mit Ehrfurcht. Gemeint ist dieses besondere Gefühl, das entstehen kann, wenn wir etwas erleben, das uns groß und überwältigend erscheint und nicht so recht in unsere gewohnten Vorstellungen passen will.
Das kann ein gewaltiger Berg sein, ein Sternenhimmel, das Meer – oder eben ein Sonnenuntergang.
Und tatsächlich gibt es eine Untersuchung, die erstaunlich genau zu meiner Frage am Strand passt. Mehr als 2.500 Menschen wurden Landschaften unter verschiedenen Bedingungen gezeigt. Dieselbe Umgebung wirkte anders, wenn sich Licht und Atmosphäre veränderten. Ausgerechnet Sonnenaufgang und Sonnenuntergang wurden besonders hoch bewertet. Dabei spielten sowohl die empfundene Schönheit als auch dieses Gefühl des Staunens eine Rolle.
Vielleicht bilde ich mir also gar nicht nur ein, dass die Welt in diesen wenigen Minuten irgendwie anders aussieht. Sie wirkt tatsächlich anders auf uns.
Für einen Moment werde ich selbst ein bisschen kleiner
Noch spannender fand ich, was Forscher über dieses Staunen herausgefunden haben.
Sie sprechen dabei vom „small self“, vom kleinen Selbst. Das klingt zunächst ein bisschen negativ, ist aber genau andersherum gemeint.
Wenn ich vor etwas Großem und Beeindruckendem stehe, kann mein eigenes Ich für einen Moment weniger wichtig werden. Die Welt dreht sich ein paar Minuten lang nicht um meine Termine, meine Sorgen, meine Probleme oder das, was ich heute noch alles erledigen sollte.
In mehreren Untersuchungen zeigte sich, dass Awe mit diesem Gefühl eines kleineren Selbst und mit stärkerem prosozialem Verhalten verbunden sein kann.
Es gibt sogar sogenannte Awe Walks. In einer Studie gingen Menschen acht Wochen lang einmal pro Woche für 15 Minuten spazieren. Eine Gruppe bekam dabei die Aufgabe, ganz bewusst nach Dingen Ausschau zu halten, die Staunen auslösen. Im Laufe der Zeit berichteten diese Teilnehmer während ihrer Spaziergänge von mehr Staunen, mehr positiven sozialen Gefühlen und mehr Freude. Auf ihren Fotos nahmen sie selbst sogar immer weniger Raum ein und zeigten dafür mehr von der Welt um sie herum.
Bei diesem Ergebnis musste ich wirklich schmunzeln. Denn das ist es ja, was ich immer tue und auch versuche zu vermitteln. Und hier bekomme ich eine wissenschaftliche Erklärung dafür.
Wir wollen den Sonnenuntergang unbedingt festhalten
Denn je näher die Sonne dem Horizont kommt, desto mehr Handys sehe ich. Das finde ich inzwischen fast genauso spannend wie den Sonnenuntergang selbst. Da wird ausprobiert und gelacht, ein Stück nach links gegangen und wieder zurück. Ein Paar fotografiert sich gegenseitig, andere stellen sich gemeinsam vor die Sonne. Dann wieder die Hände zum Herz und die Sonne genau hinein.
Natürlich könnte ich jetzt sagen: Legt doch alle eure Handys weg und genießt einfach den Moment. Aber ich mache ja selbst Fotos. Und eigentlich finde ich es inzwischen gar nicht mehr so albern. Vielleicht fotografieren wir nämlich gar nicht nur die Sonne.
Ein verliebtes Paar, das sich vor diesem orangefarbenen Himmel fotografiert, nimmt später nicht einfach das Bild eines Sonnenuntergangs mit nach Hause. Auf diesem Foto steckt der Urlaub, dieser Abend, dieser Strand und die Erinnerung daran, dass beide genau dort gemeinsam gestanden haben.
Auch mein Sonnenuntergang in Nørre Vorupør ist für mich nicht einfach irgendeine untergehende Sonne. Wenn ich das Bild später anschaue, werde ich hoffentlich wieder wissen, wie ich oben auf der Düne saß, wie sich der Wind angefühlt hat und wie schön dieser Tag gewesen ist.
Vielleicht versuchen wir mit unseren Fotos also etwas festzuhalten, von dem wir genau wissen, dass wir es nicht festhalten können. Denn während ich noch fotografiere, verändert sich der Himmel schon wieder.

Warum wird der Himmel überhaupt so unglaublich rot?
Auch darüber wollte ich inzwischen mehr wissen.
Tagsüber sehen wir den Himmel blau, weil die kürzeren blauen Wellenlängen des Sonnenlichts von den Molekülen in unserer Atmosphäre stärker gestreut werden.
Wenn die Sonne tief am Horizont steht, muss ihr Licht aber einen viel längeren Weg durch die Atmosphäre zurücklegen. Ein großer Teil des kurzwelligen blauen Lichts wird auf diesem langen Weg herausgestreut. Bei uns kommen dadurch verstärkt die längerwelligen gelben, orangefarbenen und roten Anteile an.
Auch Staub und andere Partikel in der Atmosphäre beeinflussen die Farben, wobei die Zusammenhänge komplizierter sind als die einfache Regel „je mehr Staub, desto roter“.
Während ich das nachlas, musste ich wieder an meine Stühle am Strand denken. Wir sitzen also tatsächlich da und schauen im Grunde dabei zu, was Sonnenlicht auf seinem langen Weg durch unsere Atmosphäre macht. Physik kann verdammt schön sein. Ich sage schon immer Physik ist klasse!
Aber ist das wirklich nur Physik?
Damit war meine ursprüngliche Frage natürlich noch lange nicht beantwortet. Denn die Physik erklärt mir, warum der Himmel rot wird. Sie erklärt mir aber nicht vollständig, warum Menschen Stühle ins Auto laden und extra an den Strand fahren, um dieses Rot anzuschauen. Und spätestens da wird es interessant, weil Wissenschaft, Kultur und Spiritualität plötzlich verschiedene Antworten auf dasselbe Erlebnis geben.
Menschen haben der Sonne schließlich nicht erst Bedeutung gegeben, seit es Instagram und Sunset Points gibt. Sonne, Licht, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang spielen seit sehr langer Zeit in religiösen Vorstellungen, Geschichten und Ritualen unterschiedlichster Kulturen eine Rolle.
Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich. Ein Sonnenuntergang ist ein Übergang, den wir jeden Tag unmittelbar beobachten können. Aus hell wird dunkel. Ein Tag endet. Wir können nichts dagegen tun und wir können diesen Übergang auch nicht beschleunigen oder aufhalten. Und trotzdem wissen wir gleichzeitig: Es bleibt nicht dunkel.
Morgen beginnt ein neuer Tag.
Ein Gedanke von Anthony William ist bei mir hängen geblieben
Beim Nachlesen bin ich auch wieder bei Anthony William gelandet. Ich beschäftige mich schon lange mit seinen Gedanken und war deshalb neugierig, ob er etwas zum Sonnenuntergang geschrieben hat.
Und tatsächlich betrachtet er Sonnenuntergänge auf seine ganz eigene spirituelle Weise.
Er verbindet das bewusste Erleben des Sonnenuntergangs mit Vertrauen. Der Tag geht zu Ende, das Licht verschwindet und die Dunkelheit kommt. Aber wir wissen, dass das Licht wiederkommen wird.
Das ist seine spirituelle Betrachtungsweise und keine wissenschaftlich belegte Erklärung dafür, was ein Sonnenuntergang körperlich oder psychisch mit uns macht. Aber der Gedanke dahinter gefiel mir.
Denn bei wie vielen Dingen im Leben wissen wir schon mit solcher Sicherheit, dass nach einer dunklen Phase wieder Licht kommt? Bei der Sonne wissen wir es. Wir müssen nichts dafür tun. Wir müssen sie nicht festhalten, nicht überreden und auch nicht dafür sorgen, dass sie morgen früh wieder aufgeht.
Wir können sie gehen lassen. Das Licht kommt zurück. Vielleicht steckt auch ein kleines bisschen davon in dieser Ruhe, die ich bei Sonnenuntergängen empfinde.
Vielleicht suchen wir alle etwas Ähnliches
Und während ich nun wieder auf die Menschen am Strand schaue, gefällt mir der Gedanke, dass hier gerade völlig unterschiedliche Menschen nebeneinandersitzen, die wahrscheinlich auch ganz unterschiedliche Erklärungen dafür hätten, warum sie gekommen sind.
Der eine würde vermutlich sagen: Weil es einfach schön ist. Ein anderer möchte ein tolles Foto. Für die Verliebten gehört der Sonnenuntergang vielleicht einfach zu einem romantischen Abend.
Die Psychologie beschäftigt sich mit Awe, Staunen und dem Gefühl, für einen Moment Teil von etwas Größerem zu sein.
Ein spiritueller Mensch empfindet vielleicht Dankbarkeit, Verbundenheit oder Vertrauen.
Und jemand anders denkt über all das überhaupt nicht nach, sitzt einfach in seinem Stuhl und genießt den Himmel.
Vielleicht müssen wir uns auch gar nicht entscheiden, welche dieser Antworten nun die richtige ist. Vielleicht dürfen sie einfach nebeneinanderstehen. So wie die Menschen hier am Strand. Es ist aus Fremden eine Gemeinschaft geworden. Wenn Blicke sich kreuzen lächeln sich alle zu, denn alle geniessen das Gleiche. Wann gibt es denn sowas? sehr selten.

Und trotzdem ist jeder Sonnenuntergang nur einmal da
Eines beschäftigt mich allerdings noch. Wenn die Sonne morgen wieder untergeht, warum fühlt sich der heutige Sonnenuntergang dann nicht beliebig an?
Vielleicht gerade deshalb, weil ich weiß, dass dieser nicht wiederkommt. Morgen steht vielleicht eine Wolke vor der Sonne. Das Meer sieht anders aus. Der Wind ist stärker. Ich bin an einem anderen Ort oder längst weitergefahren. Und selbst wenn ich morgen Abend noch genau hier am Strand von Løkken stehen würde, wäre es ein anderer Abend.
Vielleicht liegt ein Teil der Schönheit eines Sonnenuntergangs deshalb gerade darin, dass er gleichzeitig verlässlich und vergänglich ist. Er kommt jeden Tag wieder. Und trotzdem kommt keiner zweimal.
Diese Einzigartigkeit gefällt mir.
Vielleicht müssen wir das Staunen gar nicht neu lernen
Langsam verschwindet die Sonne am Horizont und noch einmal gehen überall die Handys hoch.
Ein letztes Foto.
Dann ist sie weg.
Die ersten Menschen stehen auf, klappen ihre Stühle zusammen und tragen sie zurück zu ihren Autos. Andere bleiben noch ein bisschen sitzen und schauen auf den Himmel, der längst nicht aufgehört hat, seine Farben zu verändern.
Und irgendwann wird es wieder leerer am Strand.
Morgen Abend werden wahrscheinlich wieder Autos kommen. Wieder werden Stühle herausgestellt und zur Sonne ausgerichtet. Menschen werden sich fotografieren, Hände zu Herzen formen und versuchen, die Sonne darin einzufangen.
Eigentlich finde ich das inzwischen wunderschön.
Wir Menschen haben schon so viel gesehen. Wir können erklären, warum die Sonne scheinbar am Horizont verschwindet und warum der Himmel dabei rot wird. Wir können den Sonnenuntergang auf die Minute genau vorhersagen und mit dem Handy Tausende Bilder davon speichern.
Und trotzdem stellen wir unsere Stühle hin und schauen.
Vielleicht ist das eigentliche Wunder deshalb gar nicht, dass die Sonne jeden Abend untergeht.
Vielleicht ist es unsere Fähigkeit, etwas, das jeden Tag geschieht, immer wieder als etwas Besonderes zu erleben.
Und vielleicht sollten wir uns genau diese Fähigkeit bewahren.

Vielleicht beginnt die nächste Reise bei Dir selbst
Auf meiner Reise durch Dänemark entdecke ich gerade jeden Tag neue Orte. Und manchmal merke ich dabei, dass eine Reise nach außen gleichzeitig auch etwas in mir selbst bewegt.
Vielleicht kennst Du solche Momente auch. Du bleibst irgendwo stehen, schaust in den Himmel oder aufs Meer und plötzlich wird es für einen Augenblick stiller. Nicht unbedingt um Dich herum, aber in Dir.
Genau aus solchen Gedanken ist früher schon meine „Reise zu Dir selbst“ entstanden.
Sie führt Dich nicht nach Dänemark und auch an keinen anderen Ort auf der Landkarte. In zehn kleinen Etappen geht es ein Stück nach innen – zum stillen Bahnhof, zum inneren Kompass, über den Schattenweg zur eigenen Quelle und weiter bis zu der Frage, wo Dein eigener Weg eigentlich hinführen möchte.
Mit Gedanken, kleinen Impulsen und Momenten, für die Du nichts leisten musst.
Vielleicht möchtest Du Dich ein Stück auf diese Reise mitnehmen lassen.
→ Die Reise zu Dir selbst entdecken
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Wenn Du noch ein bisschen bei diesen Gedanken bleiben möchtest:
→ DANKE – ein fast vergessenes Wort
Über die kleinen Dinge, die wir so leicht für selbstverständlich halten.
→ Was machen Erinnerungen mit Dir?
Über die Spuren, die besondere Augenblicke in uns hinterlassen.
→ Der sichere Ort – wo ich einfach nur sein darf
Eine Einladung, einen Ort in Dir zu entdecken, an dem Du nichts leisten musst.
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