Frau blickt auf eine Eisfläche im Abendlicht – Sinnbild für Erinnerungen und vergangene Erlebnisse

Was machen Erinnerungen mit DIR?

Manch­mal braucht es erstaun­lich wenig, um uns aus dem Heu­te in eine längst ver­gan­ge­ne Zeit zu ver­set­zen. Ein Lied im Radio, ein bestimm­ter Geruch, ein Ort, an dem wir lan­ge nicht mehr waren. Manch­mal ist es nur ein Satz, den jemand sagt, und plötz­lich ist eine Erin­ne­rung da, die wir gar nicht bewusst gesucht haben.

Und mit ihr kommt oft viel mehr zurück als nur ein Bild.

Ich ken­ne das selbst gut. Eine Erin­ne­rung kann mich zum Lächeln brin­gen und mir inner­halb von Sekun­den ein ganz war­mes Gefühl schen­ken. Sie kann mich aber genau­so trau­rig machen, ärgern oder etwas in mir berüh­ren, von dem ich eigent­lich dach­te, dass es längst vor­bei sei. Und manch­mal habe ich mich gefragt, war­um das eigent­lich so ist. Das Ereig­nis liegt viel­leicht Jah­re zurück. Ich sit­ze heu­te an einem ganz ande­ren Ort, mein Leben ist wei­ter­ge­gan­gen und trotz­dem schafft es ein ein­zi­ger Gedan­ke, Gefüh­le her­vor­zu­ho­len, die sich plötz­lich wie­der erstaun­lich gegen­wär­tig anfühlen.

Viel­leicht kennst Du das auch.

Plötzlich ist alles wieder da

Stell Dir vor, Du gehst nach vie­len Jah­ren wie­der ein­mal Eis­lau­fen. Du ziehst Dei­ne Schlitt­schu­he an, betrittst die Eis­flä­che, die Luft ist kalt und Du fährst die ers­ten Run­den. Eigent­lich bist Du ein­fach an einem schö­nen Win­ter­tag auf einer Eisbahn.

Doch genau hier hast Du vor vie­len Jah­ren einen Men­schen ken­nen­ge­lernt, der ein­mal eine gro­ße Rol­le in Dei­nem Leben gespielt hat. Und plötz­lich ist die Erin­ne­rung da.

Viel­leicht siehst Du noch genau vor Dir, wo Ihr gestan­den habt. Viel­leicht erin­nerst Du Dich an einen Satz, an ein Lachen, an die­ses beson­de­re Gefühl eines Anfangs. Und viel­leicht kommt gleich danach die Erin­ne­rung dar­an, wie die­se Geschich­te irgend­wann geen­det hat.

Auf ein­mal fährst Du zwar kör­per­lich noch Dei­ne Run­den auf dem Eis, aber in Dei­nen Gedan­ken bist Du längst ganz woan­ders. Du gehst alte Gesprä­che noch ein­mal durch, erin­nerst Dich an Ver­let­zun­gen, viel­leicht tau­chen Ärger oder Trau­rig­keit auf und mög­li­cher­wei­se stellst Du Dir sogar wie­der die­sel­ben Fra­gen, die Du Dir damals schon hun­dert­mal gestellt hast.

Das Ver­rück­te dar­an ist: In die­sem Augen­blick geschieht all das gar nicht. Du stehst auf einer Eis­bahn. Heu­te. Und trotz­dem kann sich die Ver­gan­gen­heit für einen Moment unglaub­lich nah anfühlen.

Unser Gedächtnis ist kein Fotoalbum

Lan­ge habe ich mir Erin­ne­run­gen irgend­wie wie Bil­der in einem gro­ßen inne­ren Foto­al­bum vor­ge­stellt. Etwas pas­siert, wird abge­spei­chert und irgend­wann holen wir es wie­der hervor.

So ein­fach funk­tio­niert unser Gedächt­nis aber offen­bar nicht.

Die Gedächt­nis­for­schung geht heu­te davon aus, dass auto­bio­gra­fi­sche Erin­ne­run­gen kei­ne unver­än­der­li­chen Auf­zeich­nun­gen unse­rer Ver­gan­gen­heit sind. Wenn wir uns erin­nern, rekon­stru­ie­ren wir. Dabei spie­len nicht nur die dama­li­gen Ereig­nis­se eine Rol­le, son­dern auch der Mensch, der wir heu­te sind, unse­re gegen­wär­ti­gen Gefüh­le, Erfah­run­gen und unser heu­ti­ger Blick auf das Leben.

Das fin­de ich unglaub­lich spannend.

Denn damit wird ver­ständ­li­cher, war­um sich die­sel­be Erin­ne­rung im Lau­fe eines Lebens ver­än­dern kann. Etwas, wor­an ich vor zehn Jah­ren kaum den­ken konn­te, kann mich heu­te viel­leicht nur noch lei­se trau­rig machen. Und man­ches, das frü­her von Schmerz über­schat­tet war, lässt mich irgend­wann wie­der an das Schö­ne denken.

Es gibt dafür sogar ein inter­es­san­tes Phä­no­men aus der Gedächt­nis­for­schung. Beim soge­nann­ten Fading Affect Bias wur­de beob­ach­tet, dass bei vie­len Men­schen die emo­tio­na­le Inten­si­tät nega­ti­ver auto­bio­gra­fi­scher Erin­ne­run­gen mit der Zeit stär­ker nach­lässt als die posi­ti­ver Erin­ne­run­gen. Das bedeu­tet natür­lich nicht, dass jede Ver­let­zung irgend­wann von selbst ver­schwin­det. Men­schen und Erfah­run­gen sind dafür viel zu unter­schied­lich. Aber allein der Gedan­ke, dass unser emo­tio­na­les Erle­ben einer Erin­ne­rung nicht für immer so blei­ben muss, wie es heu­te ist, emp­fin­de ich als tröstlich.

Muss ein schlimmes Ende alles davor zerstören?

An die­sem Punkt beschäf­tigt mich noch etwas ande­res. Blei­ben wir bei unse­rer Eisbahn.

Viel­leicht ist die Bezie­hung, die dort ein­mal begon­nen hat, vie­le Jah­re spä­ter sehr schmerz­haft aus­ein­an­der­ge­gan­gen. Viel­leicht gab es Ver­let­zun­gen, Ent­täu­schun­gen und Din­ge, die man sich damals nie­mals hät­te vor­stel­len können.

Aber was ist mit dem Tag auf der Eis­bahn? War das Glück, das ich damals emp­fun­den habe, des­halb nicht echt? War das Lachen weni­ger schön? Waren all die guten Jah­re plötz­lich wert­los, nur weil die Geschich­te irgend­wann ein ande­res Ende genom­men hat?

Ich glau­be, dass wir unse­rer Ver­gan­gen­heit manch­mal Unrecht tun, wenn wir sie nur noch von ihrem Ende her betrach­ten. Ein schmerz­haf­ter Abschied kann einen lan­gen Schat­ten wer­fen. Und unter die­sem Schat­ten ver­schwin­den manch­mal all die klei­nen guten Augen­bli­cke, die eben­falls zu die­ser Geschich­te gehören.

Dabei dür­fen doch bei­de Wahr­hei­ten neben­ein­an­der exis­tie­ren. Etwas kann wun­der­schön gewe­sen sein und trotz­dem schmerz­haft geen­det haben. Ein Mensch kann mir viel bedeu­tet und mich trotz­dem ver­letzt haben. Ich kann dank­bar für einen Teil mei­nes Weges sein und trotz­dem froh dar­über, dass ich heu­te nicht mehr dort stehe.

Viel­leicht müs­sen wir unse­re Ver­gan­gen­heit gar nicht immer in gut oder schlecht ein­tei­len. Viel­leicht darf sie ein­fach das sein, was ein geleb­tes Leben nun ein­mal ist: vol­ler Widersprüche.

Und manchmal gibt es tatsächlich noch etwas anzuschauen

Natür­lich gibt es auch Erin­ne­run­gen, bei denen es nicht reicht zu sagen: Das war damals und heu­te ist heute.

Man­che Din­ge tau­chen immer wie­der auf, weil sie uns noch beschäf­ti­gen. Viel­leicht gibt es Trau­er, die nie wirk­lich Raum bekom­men hat. Eine Ver­let­zung, die wir her­un­ter­ge­schluckt haben. Schuld­ge­füh­le. Wut. Oder Fra­gen, auf die wir bis heu­te kei­ne Ant­wort gefun­den haben.

Auch spi­ri­tu­el­le Ansät­ze beschäf­ti­gen sich mit sol­chen Erfah­run­gen. Antho­ny Wil­liam spricht bei­spiels­wei­se von emo­tio­na­len und see­li­schen Wun­den, die Erfah­run­gen in einem Men­schen hin­ter­las­sen kön­nen. Sei­ne Erklä­run­gen dazu sind kei­ne wis­sen­schaft­lich beleg­te Gedächt­nis­theo­rie, trotz­dem fin­de ich den Gedan­ken inter­es­sant, dass es einen Unter­schied macht, ob ich etwas ein­fach nur ver­drän­ge oder ob ich bereit bin, eine alte Ver­let­zung irgend­wann wirk­lich anzuschauen.

Für mich liegt wahr­schein­lich irgend­wo dazwi­schen ein wich­ti­ger Punkt.

Wenn eine Erin­ne­rung immer wie­der­kommt, kann ich mich fra­gen: Gibt es hier tat­säch­lich noch etwas, das gese­hen wer­den möch­te? Oder fah­re ich gedank­lich nur wie­der die glei­che alte Runde?

Denn das ken­ne ich eben­falls. Man kann ein Gespräch zum hun­derts­ten Mal im Kopf füh­ren, sich zum hun­derts­ten Mal fra­gen, war­um ein Mensch etwas getan hat, und zum hun­derts­ten Mal über­le­gen, was man selbst hät­te anders machen können.

Nur ent­steht beim hun­dert­un­ders­ten Mal nicht unbe­dingt eine neue Ant­wort. Manch­mal ist Nach­den­ken wich­tig. Und manch­mal ist Nach­den­ken nur noch Grü­beln. Die­sen Unter­schied zu erken­nen, fin­de ich gar nicht so einfach.

Vielleicht geht es gar nicht ums Loslassen

Frü­her hät­te ich wahr­schein­lich schnel­ler gesagt: Dann muss man die­se Erin­ne­rung eben los­las­sen. Heu­te sehe ich das anders.

Ich weiß gar nicht, ob ich alles los­las­sen möch­te. Abge­se­hen davon, das Los­las­sen meist gar nicht so leicht ist. Zu mei­nem Leben gehö­ren schließ­lich nicht nur die Men­schen, die heu­te dar­in sind. Auch die­je­ni­gen, die mich nur ein Stück mei­nes Weges beglei­tet haben, gehö­ren zu mei­ner Geschich­te. Eben­so mei­ne Ent­schei­dun­gen, mei­ne Umwe­ge, mei­ne Feh­ler, mei­ne glück­li­chen Zei­ten und die Momen­te, in denen ich am liebs­ten alles anders gemacht hätte.

All das hat mich geprägt. Viel­leicht geht es des­halb weni­ger dar­um, die Ver­gan­gen­heit los­zu­las­sen, als dar­um, ihr einen guten Platz zu geben.

Wenn eine Erin­ne­rung auf­taucht, kann ich erst ein­mal wahr­neh­men, was sie mit mir macht. Ich kann spü­ren, ob da noch etwas ist, das mei­ne Auf­merk­sam­keit braucht. Wenn es so ist, darf ich mir dafür Zeit neh­men, dar­über schrei­ben, mit einem ver­trau­ten Men­schen spre­chen oder mir Unter­stüt­zung holen.

Und wenn ich mer­ke, dass ich nur wie­der die­sel­ben alten Run­den dre­he, darf ich auch irgend­wann sagen: Ich ken­ne die­se Geschich­te. Ich habe sie oft genug erzählt. Für die­sen Moment möch­te ich zurückkommen.

Dann kann ich wie­der das Eis unter mei­nen Füßen spü­ren. Die kal­te Luft in mei­nem Gesicht.

Die Men­schen um mich herum.

Und viel­leicht kann ich irgend­wann sogar an den Men­schen den­ken, den ich genau hier ein­mal ken­nen­ge­lernt habe, und lächeln. Nicht weil alles gut war. Son­dern weil auch das Schö­ne wahr war.

Während wir uns erinnern, entsteht schon das nächste Erinnerungsbild

Viel­leicht ist das für mich heu­te der wich­tigs­te Gedan­ke bei all dem.

Wir ver­brin­gen manch­mal unglaub­lich viel Zeit damit, zurück­zu­schau­en. Wir den­ken dar­über nach, was gewe­sen ist, was anders hät­te sein sol­len und war­um man­ches so gekom­men ist.

Dabei ver­ges­sen wir leicht etwas Entscheidendes:

Wäh­rend wir über unse­re alten Erin­ne­run­gen nach­den­ken, ent­ste­hen längst die neuen.

Die­ser heu­ti­ge Mor­gen, die­ses Gespräch, ein Spa­zier­gang, ein gemein­sa­mes Essen, die Son­ne auf mei­nem Gesicht, eine Begeg­nung, mit der ich über­haupt nicht gerech­net habe – viel­leicht wird genau dar­aus irgend­wann eine Erin­ne­rung, die mich Jah­re spä­ter plötz­lich wie­der lächeln lässt.

Mei­ne Ver­gan­gen­heit gehört zu mir. Ich muss sie weder schön­re­den noch aus­ra­die­ren. Ich darf ver­su­chen, sie zu ver­ste­hen. Ich darf Wun­den anschau­en, wenn sie ange­schaut wer­den möch­ten. Ich darf das Schö­ne behal­ten und dem Schwe­ren erlau­ben, mit der Zeit viel­leicht ein wenig lei­ser zu werden.

Aber ich möch­te dar­über eines nicht vergessen:

Mein Leben fin­det nicht ges­tern statt.

Es fin­det heu­te statt.

Und viel­leicht ist genau die­ser Tag einer von denen, an die ich mich irgend­wann ein­mal ger­ne erin­nern werde.

Deine eigene Reise beginnt manchmal mit einem Blick zurück

Wenn Du beim Lesen gemerkt hast, dass auch in Dei­nem Leben Erin­ne­run­gen, alte Ver­let­zun­gen oder Geschich­ten auf­tau­chen, die Dich bis heu­te beglei­ten, dann kann es span­nend sein, ihnen ein­mal ganz bewusst zu begegnen.

Nicht um für immer in der Ver­gan­gen­heit zu suchen.

Son­dern um bes­ser zu ver­ste­hen, was Dich geprägt hat, was heu­te noch zu Dir gehört und was Du viel­leicht nicht mehr wei­ter­tra­gen möchtest.

Genau dar­um geht es auch in mei­ner „Rei­se zu Dir selbst“. Sie lädt Dich dazu ein, Dich selbst ein Stück bes­ser ken­nen­zu­ler­nen, Dei­nen eige­nen Spu­ren zu fol­gen und dabei viel­leicht man­ches zu ent­de­cken, das im All­tag längst unter­ge­gan­gen ist.

Denn manch­mal führt der Weg ins eige­ne Heu­te tat­säch­lich ein klei­nes Stück durch die Vergangenheit.

Herz­li­che Grüße

Eure

Hei­ke Engel

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