Von Søndervig aus ging meine Reise weiter Richtung Norden nach Thyborøn. Schon die Fahrt dorthin gefiel mir wieder sehr. Die Nordsee blieb mein ständiger Begleiter und inzwischen hatte ich mich fast daran gewöhnt, dass hinter irgendeiner Düne schon wieder ein Strand wartete, an dem ich unbedingt noch einmal anhalten musste.
In Thyborøn wollte ich mir aber zunächst etwas ganz anderes anschauen. Ich hatte vom Sneglehuset, dem Schneckenhaus, gelesen und allein die Bilder hatten mich neugierig gemacht. Ein ganzes Haus, das mit Muscheln und Schneckenhäusern verziert ist? Das musste ich sehen.
Das Sneglehuset gehört zu den ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten in Thyborøn – aber es sollte an diesem Tag längst nicht das Einzige bleiben, was ich hier entdeckte.
Als ich dort ankam, hatte das Sneglehuset leider schon geschlossen. Das war ein bisschen schade, denn auch innen soll es einiges zu entdecken geben. Aber ganz umsonst war ich trotzdem nicht hingefahren. Denn bei diesem Haus reicht eigentlich schon die Außenfassade, um erst einmal davorzustehen und sich zu fragen, wer um alles in der Welt auf so eine Idee kommt.
Sneglehuset in Thyborøn – ein Versprechen aus Muscheln und Schneckenhäusern
Hinter dem Sneglehuset steckt eine Geschichte, die mir gefällt. (Quelle: Geschichte des Sneglehuset – offizieller Informationsfolder)
Der Fischer Alfred Christian Pedersen hatte seiner Frau versprochen, ihr ein Haus zu bauen, wie es kein zweites gibt – eines, zu dem die Menschen von weit her kommen würden, um es sich anzuschauen.
Nun kann man seiner Frau natürlich ein schönes Haus bauen.
Oder man beginnt, es mit Tausenden Muscheln und Schneckenhäusern zu verzieren.
Alfred Pedersen entschied sich für die zweite Variante.
1949 begann er mit seiner Arbeit. Und er war damit nicht nach einem Sommer fertig. Erst 1974, also 25 Jahre später, war sein ungewöhnliches Kunstwerk vollendet. Zehntausende Muscheln und Schneckenhäuser wurden zu Mustern und Bildern zusammengesetzt und schmücken das Haus innen und außen. Anfangs sollen manche Einwohner von Thyborøn noch ein wenig den Kopf über das Projekt geschüttelt haben. Mit der Zeit wurde aus dem ungewöhnlichen Haus aber etwas, auf das der Ort stolz war.
Ich stand also davor und schaute mir all diese Muster an. Je länger ich hinsah, desto mehr Einzelheiten entdeckte ich. Da hat jemand nicht einfach ein paar Muscheln an eine Wand geklebt. Wenn man sich vorstellt, dass Alfred Pedersen daran ein Vierteljahrhundert gearbeitet hat, bekommt das Ganze noch einmal eine andere Dimension.
Innen gibt es wohl noch viel mehr davon zu sehen. Das kann ich Euch allerdings nicht erzählen, denn da war die Tür für mich bereits zu.

Thyborøn – ein Ort, der vom Meer lebt
Thyborøn liegt ganz oben auf der schmalen Landzunge zwischen Nordsee und Limfjord. Wenn man sich die Lage auf der Karte anschaut, versteht man sofort, warum das Meer hier überall eine Rolle spielt.
Es ist ein Hafen- und Fischereiort und wirkt auch ganz anders als manche der Ferienorte, durch die ich zuvor gefahren war. Hier wird nicht nur Urlaub am Meer gemacht, hier wird mit und vom Meer gearbeitet.
Und das Meer hat an diesem Ort noch ganz andere Geschichten hinterlassen.
In Thyborøn befindet sich heute beispielsweise das Sea War Museum Jutland, das sich mit dem Seekrieg in der Nordsee während des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Vor der jütländischen Küste fand 1916 die Skagerrakschlacht statt, die als größte Seeschlacht des Ersten Weltkriegs gilt. Rund 250 deutsche und britische Kriegsschiffe waren beteiligt und 8.645 Seeleute kamen ums Leben. Der Kanonendonner war damals sogar an der dänischen Küste zu hören. (Quelle: Sea War Museum Jutland – offizielle Website)
Ich war nicht im Museum. Aber nachdem ich mich nun schon einige Tage an dieser Küste entlangbewegte und immer wieder auf Überreste verschiedener Kriege stieß, fand ich es spannend zu erfahren, wie viel Geschichte sich ausgerechnet hier vor der scheinbar so friedlichen Nordseeküste abgespielt hat.
Und natürlich begegnete mir diese Geschichte auch wieder am Strand.
Schon wieder Bunker am Strand
Nach dem Sneglehuset zog es mich wieder ans Meer. Ich hatte an den vergangenen Tagen wirklich genügend Nordsee gesehen und trotzdem funktionierte es jedes Mal gleich: Wenn ich irgendwo an der Küste war, musste ich auch hinunter zum Strand.
Und dort lagen sie wieder – Bunker.
Schon bei Søndervig hatte ich einige dieser gewaltigen Betonklötze am Strand gesehen. In Thyborøn begegneten sie mir erneut und langsam wurden sie fast zu einem festen Bestandteil meiner Reise entlang der dänischen Westküste.
Es ist ein eigenartiger Anblick. Da sind Sand, Dünen, Dünengräser und dieses wunderschöne Meer – und mittendrin stehen oder liegen diese grauen Betonbauten.
Ein Teil der militärischen Anlagen rund um Thyborøn stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und gehörte zu den deutschen Befestigungen an der dänischen Westküste. (Quelle: Bunker bei Thyborøn – Thyborøn Turist) Zu den Anlagen gehört auch ein besonderer Radarbunker, dessen Geschichte gleich zwei Epochen miteinander verbindet. Der Bunker wurde Ende 1944 während der deutschen Besatzungszeit als Teil des Atlantikwalls errichtet, kam aber während des Zweiten Weltkriegs offenbar nicht mehr zum Einsatz. Jahrzehnte später holte ihn der dänische Marineheimatschutz buchstäblich wieder aus dem Sand. Ab 1987 wurde der alte Bunker freigelegt und zu einer Kommandozentrale mit Radar- und Kommunikationstechnik umgebaut. Von 1991 bis 2014 diente er der Marinehjemmeværnet-Flottille 122. Heute wird der Radarbunker von der Maritimhistorisk Selskab als Museum erhalten. (Quelle: Radarbunkeren Thyborøn – Maritimhistorisk Selskab)
Nachdem ich nun schon an mehreren Orten Bunker gesehen hatte, wurde mir immer deutlicher, wie stark die strategische Bedeutung dieser Küste gewesen sein muss. Was für mich heute eine wunderschöne Urlaubslandschaft ist, war zu anderen Zeiten ein Ort, von dem aus man das Meer überwachte und einen Angriff erwartete.

Wieder Nordsee, Wind und Sand unter den Füßen
Trotz all dieser Geschichte war es für mich aber vor allem wieder ein Tag am Meer.
Ich lief am Strand entlang, schaute hinaus auf die Nordsee und genoss diese Weite, die mich nun schon seit einigen Tagen begleitete. Mal war die See wild und der Wind blies mir den Sand ins Gesicht, mal war alles etwas ruhiger. Aber langweilig wurde mir dieser Blick kein einziges Mal.
Und natürlich schaute ich nicht nur geradeaus.
Mein Blick geht beim Laufen automatisch irgendwann nach unten. Was wächst hier? Was liegt im Spülsaum? Was kenne ich und was habe ich noch nie gesehen?
Zwischen Sand und Dünengräsern entdeckte ich diesmal tatsächlich wieder eine gelb blühende Pflanze, die ich mir genauer anschaute.
Eine Gänsedistel in den Dünen
Meine Pflanzen-App bestimmte sie als Acker-Gänsedistel (Sonchus arvensis).
Bei der genauen Art bin ich mir allerdings nicht hundertprozentig sicher. Die Gänsedisteln können sich ähnlich sehen und für eine wirklich sichere Bestimmung hätte ich mir einige Merkmale noch genauer anschauen müssen. Deshalb bleibt sie für mich an dieser Stelle einfach eine Gänsedistel (Sonchus).
Und das finde ich überhaupt nicht schlimm.
Auch nach vielen Jahren mit Wildpflanzen gibt es Pflanzen, bei denen ich draußen stehe und nicht sofort sagen kann: Das ist sie.
Eigentlich finde ich genau das schön. Denn Pflanzenkennenlernen hört nie auf. Manchmal erkenne ich eine Pflanze sofort wieder, manchmal brauche ich das Bestimmungsbuch oder eine App und manchmal muss ich einer Pflanze eben noch ein zweites oder drittes Mal begegnen, bevor ich wirklich sicher mit ihr bin.
Die Gänsedisteln gehören übrigens zur Familie der Korbblütler. Ihren deutschen Namen verdanken sie den gezähnten bis stacheligen Blatträndern, auch wenn sie mit den eigentlichen Disteln nicht besonders eng verwandt sind. Typisch ist außerdem der weiße Milchsaft, der austritt, wenn Stängel oder Blätter verletzt werden.
Sollte meine Pflanze tatsächlich eine Acker-Gänsedistel gewesen sein, hätte sie sich dort an der Küste durchaus wohlfühlen können. Die Art kommt auch an Küstenstandorten vor und besitzt sogar Formen, die besonders an salzhaltige Standorte angepasst sind.
Für meinen Reisebericht reicht mir aber diesmal die Gänsedistel.
Sie stand dort zwischen Dünengräsern und Sand, ich blieb stehen, machte ein Foto und beschäftigte mich mit ihr. Und damit war sie schon Teil meiner Reise geworden.

Mit den Wildpflanzen durchs Jahr
Genau so lerne ich Pflanzen am liebsten kennen. Nicht als lange Liste von Namen, die ich auswendig lernen muss, sondern indem ich ihnen immer wieder draußen begegne.
Beim ersten Mal weiß ich vielleicht nur, dass es eine Gänsedistel ist. Beim nächsten Mal schaue ich genauer auf die Blätter. Irgendwann achte ich darauf, wie sie den Stängel umfassen, wie sich die Blütenköpfchen unterscheiden oder an welchem Standort die Pflanze wächst.
Und irgendwann muss ich nicht mehr lange überlegen, weil aus einer unbekannten Pflanze eine Bekannte geworden ist.
Genau darum geht es mir auch in meinem Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“. Wir begleiten die Pflanzen durch die Jahreszeiten, lernen sie draußen kennen und beschäftigen uns natürlich auch damit, wie sie früher genutzt wurden und was wir heute mit ihnen machen können.
→ Mehr über meinen Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“
Häufige Fragen zu Thyborøn
Was sollte man in Thyborøn gesehen haben?
Thyborøn ist ein kleiner Fischerort an der dänischen Nordseeküste, in dem es erstaunlich viel zu entdecken gibt. Besonders sehenswert fand ich das mit Muscheln und Schneckenhäusern verzierte Sneglehuset, den Hafen und die zahlreichen Bunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wer mehr Zeit hat, findet außerdem das Sea War Museum Jutland, das Kystcentret und das JyllandsAkvariet.
Warum gibt es in Thyborøn so viele Bunker?
Thyborøn hatte während des Zweiten Weltkriegs eine große strategische Bedeutung, weil von hier aus die Einfahrt in den Limfjord kontrolliert werden konnte. Deshalb wurde der Ort zu einem stark befestigten Teil des deutschen Atlantikwalls ausgebaut. Viele der Bunker sind bis heute in den Dünen, am Strand und sogar innerhalb des Ortes erhalten.
Gab es in Thyborøn eine Radarstation?
Ja. In Thyborøn befand sich während der deutschen Besatzung eine Radarstellung der Luftwaffe mit dem Decknamen „Lama“. Sie wurde ab 1942 aufgebaut und war Teil der umfangreichen Befestigungsanlagen rund um Thyborøn. Zu den erhaltenen Anlagen gehört unter anderem ein großer zweigeschossiger Radarbunker vom Typ L487.
Wichtig: Das ist etwas anderes als der heute als „Radarbunker Thyborøn“ bezeichnete Museumsbunker. Dieser Bunker ist vom Typ FL 241, wurde erst Ende 1944 gebaut und während des Zweiten Weltkriegs offenbar nicht mehr in Betrieb genommen. Viel später wurde er ausgebaut und von 1991 bis 2014/15 als Kommandostation des dänischen Marineheimatschutzes genutzt. Heute ist er ein kleines Museum.
Kann man die Bunker in Thyborøn besichtigen?
Viele Bunker kann man bei einem Spaziergang durch die Dünen und entlang des Strandes von außen entdecken; einige sind auch zugänglich. Beim Betreten sollte man allerdings vorsichtig sein, da manche Anlagen teilweise versandet, beschädigt oder mit Wasser gefüllt sind. Im Kystcentret kann außerdem ein ehemaliger Mannschaftsbunker besichtigt werden.
Schlafplatz am Hafen von Thyborøn
Nach Sneglehuset, Strand, Bunkern und meiner Gänsedistel musste irgendwann noch die inzwischen täglich wiederkehrende Frage beantwortet werden: Wo schlafe ich heute?
Diesmal war die Antwort erfreulich unkompliziert.
Ich fand in Thyborøn einen kostenlosen Platz am Hafen.
Nach den 46 Euro für meinen Campingplatz bei Hvide Sande freute mich das natürlich ganz besonders. Ich brauche unterwegs nicht jeden Abend einen Campingplatz. Wenn ich zwischendurch Wasser auffüllen, entsorgen und duschen kann, stehe ich auch sehr gerne einfach mit dem Camper an einem Hafen.
Und so endete dieser Reisetag dort, wo es zu Thyborøn eigentlich am besten passte: zwischen Hafen und Meer.
Am nächsten Morgen konnte es weitergehen.
Wohin genau, wusste ich natürlich schon ungefähr. Aber ich habe inzwischen gelernt, dass sich an dieser Küste zwischen zwei geplanten Zielen ziemlich viel dazwischenschieben kann.
Und genau deshalb bin ich ja unterwegs.
Weiterlesen – meine Reise durch Dänemark
Bevor ich in Thyborøn ankam, hatte ich mir in Søndervig die riesigen Sandskulpturen angeschaut und war anschließend zwischen den alten Bunkern am Strand unterwegs.
→ Vorherige Station: Sandskulpturen in Søndervig – 1001 Nacht aus Sand
Wer meine Reise entlang der dänischen Westküste weiterverfolgen möchte, findet unter „Reisen & Begegnungen“ auch meine bisherigen Stationen von Bad Hersfeld über Flensburg, Glücksburg und Ribe bis ins Wattenmeer und weiter entlang der Nordsee.
→ Alle meine Reiseberichte unter „Reisen & Begegnungen“
Und jetzt bin ich gespannt, welche Geschichten und Pflanzen hinter der nächstenDüne auf mich warten.