Nachdem ich mich am Lyngvig Fyr tatsächlich bis ganz nach oben getraut und anschließend wieder festen Boden unter den Füßen hatte, ging meine Reise weiter Richtung Søndervig.
Die Sandskulpturen dort standen schon vorher auf meiner Liste. Ich hatte Bilder davon gesehen und wusste natürlich, dass Menschen aus Sand wesentlich mehr bauen können als die Sandburgen, die ich vom Strand kenne.
Aber wie groß diese Kunstwerke tatsächlich sind und vor allem, wie viele kleine Details darin stecken, sieht man auf Bildern nur bedingt.
2026 steht die Ausstellung unter dem Thema „1001 Nächte – Märchenabenteuer“.
Also hinein in eine Welt aus Aladdin, Sindbad, Scheherazade, fliegenden Teppichen, Palästen und verborgenen Schatzkammern. Nur eben alles aus Sand.
33 Künstler und ziemlich viel Sand
Schon beim ersten Rundgang fragte ich mich natürlich, wie man so etwas überhaupt hinbekommt.
Denn hier stehen nicht einfach ein paar große Figuren herum. 33 internationale Sandskulpturenkünstler haben 2026 an der Ausstellung gearbeitet. Einige der Figuren sind bis zu sieben Meter hoch und dazu kommt eine gewaltige Sandskulpturenwand, die sich über 200 Meter erstreckt. Der Veranstalter bezeichnet sie sogar als längste Sandskulpturenwand der Welt.
200 Meter Sandwand muss man erst einmal bearbeiten.
Und je näher ich an die einzelnen Figuren heranging, desto erstaunlicher fand ich die Details. Gesichter, Haare, Kleidung, Ornamente, Gebäude – alles ist herausgearbeitet und manches so fein, dass ich mich wirklich gefragt habe, warum das nicht beim nächsten Regenschauer einfach wieder in sich zusammenfällt.
Schließlich besteht es aus Sand.
Warum fallen Sandskulpturen eigentlich nicht auseinander?
Bei meinen Sandburgen früher war das Prinzip ziemlich eindeutig: Sand zu trocken – Burg fällt auseinander. Sand zu nass – auch nicht viel besser. Und spätestens nach einem ordentlichen Regenguss oder einer Welle war sowieso Feierabend.
Bei diesen riesigen Sandskulpturen funktioniert das natürlich ein bisschen anders.
Zunächst wird nicht einfach trockener Strandsand aufgeschüttet. Der Sand wird mit Wasser vermischt und in großen Formen Schicht für Schicht sehr stark verdichtet. Dadurch entstehen zunächst riesige feste Sandblöcke.
Und dann beginnen die Künstler von oben nach unten zu arbeiten.
Das fand ich interessant. Man baut also nicht unten eine Figur und arbeitet sich anschließend immer weiter nach oben. Zuerst wird der komplette Sandblock vorbereitet und dann wird das Kunstwerk gewissermaßen aus diesem Block herausgeschnitten.
Fast ein bisschen wie bei einem Bildhauer, der aus einem Stein eine Figur herausarbeitet. Nur dass hier Sand das Ausgangsmaterial ist.
Auch der Sand selbst spielt eine Rolle. Für solche Skulpturen eignet sich nicht jeder Sand gleich gut. Sehr rund geschliffene Sandkörner, wie man sie beispielsweise an manchen Stränden findet, halten schlechter zusammen. Kantigere Körner können sich besser miteinander verzahnen. Der verwendete Sand muss außerdem eine geeignete Körnung und Zusammensetzung haben, damit die Skulpturen stabil bleiben.
So können die Kunstwerke tatsächlich monatelang stehen. Ein normaler Regenschauer macht ihnen erstaunlich wenig aus. Bei heftigen Stürmen können natürlich Schäden entstehen – und nachdem ich in den Tagen zuvor erlebt hatte, was Wind an der dänischen Westküste bedeutet, kann ich mir das gut vorstellen.
Ein Spaziergang durch 1001 Nacht
Das Thema 2026 passte natürlich wunderbar zu diesen riesigen Figuren.
1001 Nacht – da entstehen im Kopf sowieso sofort Bilder von Palästen, orientalischen Märkten, fliegenden Teppichen und verborgenen Schatzkammern.
Und genau diese Welt wurde hier aus Sand gebaut.
Aladdin taucht ebenso auf wie Sindbad der Seefahrer und Scheherazade. Dabei fand ich weniger die reine Größe beeindruckend als die vielen kleinen Dinge, die man erst entdeckt, wenn man länger hinschaut.
Ich ging an den Skulpturen entlang und blieb immer wieder stehen, weil mir irgendwo noch ein Gesicht, ein Tier, ein Muster oder irgendeine kleine Szene auffiel.
33 Künstler aus verschiedenen Ländern haben daran gearbeitet und trotzdem wirkt die Ausstellung nicht wie eine Ansammlung einzelner Werke. Durch das gemeinsame Thema erzählt sie tatsächlich eine zusammenhängende Geschichte.
Ich glaube, genau das macht den Reiz aus. Man läuft nicht einfach an riesigen Sandfiguren vorbei, sondern ein bisschen durch eine andere Welt.
Und irgendwann stand ich wieder draußen.
Damit war ich innerhalb weniger Stunden von einem über hundert Jahre alten Leuchtturm in die Märchen aus 1001 Nacht gereist. Aber mein Tag war noch nicht zu Ende. Mich zog es natürlich wieder ans Meer.
Wieder ein kleiner Parkplatz hinter den Dünen
Also fuhr ich wieder Richtung Strand und fand einen dieser kleinen Parkplätze direkt hinter den Dünen, die ich inzwischen so gerne mochte.
Camper abstellen und noch einmal über die Düne.
Nach den vielen Menschen und den Sandskulpturen war es schön, wieder draußen zu sein. Wind, Dünen, Strand und Nordsee – inzwischen kam mir diese Landschaft schon fast vertraut vor.
Nur diesmal lagen am Strand Dinge, die so gar nicht in dieses schöne Nordseebild passen wollten.
Bunker.
Große graue Betonklötze, teilweise schief im Sand, teilweise von den Dünen umgeben und manche inzwischen so verschoben, dass man sich vorstellen kann, wie sehr sich diese Küste in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Warum liegen bei Søndervig so viele Bunker am Strand?
Die Bunker gehören zu einem Kapitel der dänischen Geschichte, das an der Westküste bis heute kaum zu übersehen ist.
Während des Zweiten Weltkriegs ließ die deutsche Besatzungsmacht entlang der europäischen Westküste den sogenannten Atlantikwall errichten. Er sollte eine alliierte Landung vom Meer aus verhindern.
Auch die dänische Nordseeküste wurde stark befestigt.
Nur wenige Kilometer nördlich von Søndervig entstand 1943 und 1944 die Houvig-Festung, auch Kryle-Ringelnatter genannt. Sie bestand aus etwa 50 Bunkern und ungefähr ebenso vielen weiteren Beton- und Holzkonstruktionen. Dazu kamen Geschützstellungen, Radar, Minenfelder und Stacheldraht.
Heute liegen viele dieser Bunker einfach in der Landschaft.
Und gerade am Strand sieht man sehr eindrucksvoll, was in den mehr als 80 Jahren seit ihrem Bau passiert ist.
Die Bunker wurden natürlich nicht mitten ins Wasser gebaut. Damals lagen sie geschützt in den Dünen. Aber die Nordseeküste verändert sich ständig. Wind und Wasser tragen Sand ab und lagern ihn anderswo wieder an. Die Küstenlinie verschiebt sich und damit stehen manche dieser gewaltigen Betonbauten heute plötzlich am Strand oder sogar im Wasser.
Das fand ich schon eigenartig.
Da hatte ich kurz zuvor noch davor gestanden und überlegt, wie man Sand so verdichten kann, dass daraus sieben Meter hohe Kunstwerke entstehen, die mehrere Monate überstehen.
Und nun lagen hier Betonbauten, die für die Ewigkeit gebaut zu sein schienen, schief im Sand.
Der Sand gewinnt offenbar irgendwann doch.
Ein Strand mit Geschichte
Wenn ich heute durch diese Dünenlandschaft fahre, sehe ich vor allem Urlaub. Ferienhäuser, Camper, Fahrräder, Menschen am Strand und überall diese wunderschöne Nordsee.
Vor gut 80 Jahren sah dieselbe Küste völlig anders aus.
Die deutsche Besatzungsmacht rechnete mit einer möglichen alliierten Invasion. Bunker wurden gebaut, Geschütze aufgestellt, Minenfelder angelegt und Stacheldraht gezogen. Die Houvig-Festung nördlich von Søndervig gehörte zu diesem Verteidigungssystem. Die erwartete Invasion fand hier nie statt, die Bunker blieben trotzdem zurück.
Und heute sitzen Menschen daneben im Sand und schauen aufs Meer.
Solche Orte finde ich beim Reisen immer wieder spannend. Nicht unbedingt, weil sie schön sind, sondern weil plötzlich sichtbar wird, dass eine Landschaft viele Geschichten gleichzeitig trägt.
Und dann lagen da noch diese merkwürdigen „Eier“
Natürlich schaue ich auch am Strand nicht nur aufs Meer. Irgendetwas finde ich eigentlich immer, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Diesmal waren es allerdings keine Pflanzen.
Am Spülsaum lagen merkwürdige kleine Gebilde, die ein bisschen wie Eier aussahen. Natürlich musste ich sie genauer anschauen und natürlich wollte ich anschließend wissen, was ich da gefunden hatte.
Nur: Ich weiß es bis heute nicht.
Ich habe gesucht, Bilder verglichen und versucht herauszufinden, ob es sich um Eikapseln irgendeines Meerestieres, um etwas Pflanzliches oder um etwas ganz anderes handelt. Aber nichts passte so richtig.
Und bevor ich Euch hier irgendeine schöne Geschichte erzähle, die am Ende gar nicht stimmt, bleiben sie eben erst einmal das, was sie für mich an diesem Strand waren: meine geheimnisvollen Eier vom Meer.
Vielleicht liest ja jemand mit, der sie kennt und mir das Rätsel lösen kann.
Das gefällt mir sogar. Denn auch das gehört zu Deiner Art, Natur zu entdecken: Du weißt eben nicht automatisch alles. Du findest etwas, wirst neugierig, schaust genauer hin und manchmal bleibt eine Frage offen.
Danach würde ich nicht krampfhaft zum Wildpflanzenkurs überleiten. Wir können trotzdem Deinen festen Kursblock bringen, nur diesmal ganz natürlich über das Entdecken:
Mit den Wildpflanzen durchs Jahr
Dieses genaue Hinschauen begleitet mich eigentlich überall. Meistens sind es die Pflanzen, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, manchmal eben auch irgendwelche merkwürdigen „Eier“ am Meeresrand.
Und je mehr ich draußen unterwegs bin, desto mehr merke ich, wie viel es noch zu entdecken gibt. Genau diese Freude am Hinschauen und Kennenlernen möchte ich auch in meinem Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“ weitergeben. Dort geht es dann allerdings tatsächlich um Pflanzen – darum, sie draußen sicher kennenzulernen, sie durch die Jahreszeiten zu begleiten und zu erfahren, was wir mit ihnen machen können.
→ Mehr über meinen Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“
Weiterlesen – meine Reise durch Dänemark
Von Søndervig aus ging meine Reise weiter Richtung Norden. Mein nächstes Ziel war Thyborøn.
Dort wollte ich mir einen ziemlich ungewöhnlichen Ort anschauen: das Sneglehuset, ein Haus, das über und über mit Schneckenhäusern und Muscheln verziert wurde.
Natürlich landete ich auch dort wieder am Strand und am Ende fand ich sogar einen kostenlosen Platz direkt am Hafen für die Nacht.
→ Weiter geht es: Thyborøn und das Sneglehuset
Wer vorher mit mir auf den Leuchtturm steigen möchte:
→ Lyngvig Fyr – zwischen Nordsee und Fjord
Und alle bisherigen Geschichten meiner Dänemarkreise findet Ihr unter: