Nørre Vorupør – angekommen in Cold Hawaii

Eigent­lich war Nør­re Vor­upør gar nicht als gro­ßes Rei­se­ziel geplant. Nach mei­nem Tag im Natio­nal­park Thy, dem Lodbjerg Fyr und dem Stenbjerg Landings­p­lads woll­te ich ein­fach noch ein Stück wei­ter Rich­tung Nor­den fah­ren und irgend­wann einen Platz für die Nacht finden.

Und dann kam ich nach Nør­re Vor­upør.

Ich fand einen rich­tig schö­nen Platz für mei­nen Cam­per direkt hin­ter der Düne. Hier ste­hen eini­ge Cam­per, Über­nach­ten ist erlaubt und bis zum Meer sind es nur ein paar Schrit­te über den Sand. Also erst ein­mal ankom­men, Cam­per abstel­len und natür­lich gleich über die Düne schauen.

Da war sie wie­der, mei­ne Nord­see. Nur dies­mal fühl­te sie sich anders an.

Nørre Vorupør – plötzlich war die Nordsee ganz entspannt

Wind gab es natür­lich auch hier. Ich glau­be, die däni­sche West­küs­te ohne Wind wer­de ich auf die­ser Rei­se wohl nicht mehr ken­nen­ler­nen. Aber es war nicht mehr die­ser bru­ta­le Wind der ver­gan­ge­nen Tage, bei dem mir der Sand ins Gesicht geschos­sen wur­de und ich den Mund bes­ser geschlos­sen hielt, wenn ich nicht noch Stun­den spä­ter Sand zwi­schen den Zäh­nen haben wollte.

Es war ein­fach Wind. Und dazu schien den gan­zen Tag die Sonne.

Am Strand waren vie­le Sur­fer unter­wegs und ich konn­te eine gan­ze Wei­le ein­fach zuschau­en. Man­che stan­den bereits drau­ßen in den Wel­len, ande­re lie­fen mit ihren Bret­tern zum Was­ser oder kamen wie­der zurück. Es herrsch­te eine ganz eige­ne Atmo­sphä­re. Ent­spannt, sport­lich und irgend­wie pass­te das alles wun­der­bar zu die­sem Ort.

Erst da beschäf­tig­te ich mich etwas genau­er damit, wo ich eigent­lich gelan­det war.

Cold Hawaii.

Den Namen hat­te ich natür­lich schon gehört. Aber wie so oft auf mei­ner Rei­se begann ich erst vor Ort zu ver­ste­hen, was dahintersteckt.

Warum heißt es hier eigentlich Cold Hawaii?

Cold Hawaii ist nicht der Name eines ein­zel­nen Stran­des und auch nicht nur ein ande­rer Name für Klit­møl­ler, wie ich zunächst gedacht hat­te. Der Begriff bezeich­net einen gan­zen Küs­ten­ab­schnitt in Thy mit mehr als 30 regis­trier­ten Surfspots.

Sei­nen Namen bekam Cold Hawaii aus der Sur­fer­sze­ne. Die Bedin­gun­gen ent­lang die­ser Küs­te kön­nen mit bekann­ten Sur­f­re­gio­nen wie Hawaii mit­hal­ten – nur die Tem­pe­ra­tu­ren eben nicht unbe­dingt. Daher: Cold Hawaii.

Ent­schei­dend sind Wind, Strö­mun­gen und die unter­schied­li­chen For­men der Küs­te. Je nach­dem, aus wel­cher Rich­tung Wind und Wel­len kom­men, funk­tio­nie­ren unter­schied­li­che Surfspots beson­ders gut. Das macht die Gegend für Sur­fer so inter­es­sant, denn wenn die Bedin­gun­gen an einem Strand nicht pas­sen, kön­nen sie ein Stück wei­ter schon wie­der ganz anders aussehen.

Klit­møl­ler ist wahr­schein­lich der bekann­tes­te Ort von Cold Hawaii. Aber auch die Küs­te vor Nør­re Vor­upør ist bei Sur­fern sehr beliebt. Wenn ich nun am Strand stand und all die Sur­fer beob­ach­te­te, bekam die­ser etwas lus­ti­ge Name plötz­lich einen Sinn.

Hawaii war es an die­sem son­ni­gen Tag zumin­dest optisch fast ein biss­chen. Nur bei der Was­ser­tem­pe­ra­tur möch­te ich den Ver­gleich lie­ber nicht zu weit trei­ben. Alle tru­gen Neoprenanzüge.

Nørre Vorupør war lange ein Fischerdorf

Dabei kamen die Men­schen natür­lich nicht schon immer wegen der Wel­len nach Nør­re Vorupør.

Der Ort leb­te lan­ge von der Fische­rei. Und ähn­lich wie ich es zuvor am Stenbjerg Landings­p­lads gese­hen hat­te, gab es auch hier kei­nen klas­si­schen Hafen. Die Fischer­boo­te wur­den direkt vom offe­nen Strand aus zu Was­ser gelas­sen und nach ihrer Rück­kehr wie­der an Land gezogen.

Zu den bes­ten Zei­ten fuh­ren von Vor­upør 27 gro­ße Küs­ten­boo­te hin­aus. 1898 und 1899 war die Fische­rei in Vor­upør und Stenbjerg zusam­men sogar so bedeu­tend, dass sie genau­so viel ein­brach­te wie die gesam­te übri­ge Fische­rei an der lan­gen Küs­te zwi­schen Bulbjerg und Nymin­de­gab. Erst mit der Eröff­nung des Hafens von Hanst­holm 1967 ver­la­ger­te sich ein gro­ßer Teil der Fische­rei dorthin.

Heu­te sind es vor allem Frei­zeit­fi­scher, die vom Lan­dungs­platz hin­aus­fah­ren. Noch immer kön­nen die Boo­te mit einer hydrau­li­schen Win­de direkt über den Strand gezo­gen werden.

Und damit schließt sich für mich wie­der so ein klei­ner Kreis. Am Tag zuvor hat­te ich in Stenbjerg die Fischer­häus­chen und Boo­te gese­hen und erfah­ren, wie die Men­schen hier jahr­hun­der­te­lang mit der offe­nen Nord­see gelebt haben. Ein paar Kilo­me­ter wei­ter ste­he ich nun am sel­ben Meer und sehe über­all Surfbretter.

Das Meer ist geblie­ben. Nur die Men­schen nut­zen es heu­te anders.

621 Menschen wurden von hier aus gerettet

Ganz unge­fähr­lich war das Leben an die­ser Küs­te natür­lich nie.

Direkt am Lan­dungs­platz befin­det sich die Ret­tungs­sta­ti­on von Vor­upør. Zwi­schen 1851 und 1986 wur­den von hier aus 621 Men­schen geret­tet.

Ich erle­be die Nord­see gera­de selbst in ihren unter­schied­lichs­ten Stim­mun­gen. Ich habe Tage erlebt, an denen der Wind so hef­tig war, dass der Sand waa­ge­recht über den Strand flog. Und nun sit­ze ich bei Son­nen­schein auf der Düne und schaue Sur­fern zu.

Aber die Nord­see kann eben auch ein völ­lig ande­res Gesicht zei­gen. Wenn ich mir vor­stel­le, dass Fischer frü­her mit ver­gleichs­wei­se klei­nen Boo­ten von die­sem offe­nen Strand hin­aus­ge­fah­ren sind, bekommt der schö­ne alte Lan­dungs­platz noch ein­mal eine ande­re Bedeutung.

Und dann dieser Sonnenuntergang

Am Abend muss­te ich nir­gend­wo mehr hin. Das allein fühl­te sich schon gut an.

Ich ging noch ein­mal über die Düne, setz­te mich oben in den Sand und schau­te aufs Meer. Die Son­ne sank immer tie­fer und schließ­lich direkt über der Nord­see unter.

Und dies­mal hat­te ich rich­tig Glück.

Kei­ne Wol­ken­wand am Hori­zont, kein Regen und kein Sturm, der mich irgend­wann wie­der von der Düne her­un­ter­trieb. Ein­fach Son­ne, Meer und die­ser unglaub­li­che Blick.

Ich saß dort oben und schau­te zu, wie der Him­mel sich immer wei­ter ver­än­der­te und die Son­ne schließ­lich im Meer ver­schwand. Genau sol­che Aben­de kann ich vor­her nicht planen.

Ich kann mir einen Leucht­turm auf die Lis­te schrei­ben, eine Kir­che besu­chen oder einen bestimm­ten Strand ansteu­ern. Aber ob ich am Abend bei Son­nen­schein oben auf einer Düne sit­ze und einen sol­chen Son­nen­un­ter­gang bekom­me, ent­schei­det jemand anderes.

Und viel­leicht blei­ben mir gera­de des­halb die­se Momen­te so sehr im Gedächtnis.

Heute fahre ich einfach nicht weiter

Am nächs­ten Mor­gen stell­te sich dann eigent­lich die übli­che Fra­ge: Was mache ich heute?

Natür­lich könn­te ich wei­ter­fah­ren. Mein Weg führt noch Rich­tung Nor­den und es gibt noch genü­gend Orte, die ich sehen möchte.

Aber ich schau­te aus dem Cam­per, sah die Son­ne, wuss­te, dass hin­ter der Düne das Meer war­tet – und hat­te über­haupt kei­ne Lust, schon wie­der alles einzupacken.

Also blei­be ich.

Ein­fach so.

Das ist für mich tat­säch­lich gar nicht so selbst­ver­ständ­lich. Wenn ich unter­wegs bin, habe ich schnell das Gefühl, dass ich die Zeit nut­zen soll­te. Wenn ich schon ein­mal hier bin, könn­te ich doch noch dies anschau­en und jenes besu­chen und anschlie­ßend schon wie­der ein Stück weiterfahren.

Aber war­um eigentlich?

Es ist schön hier. Mein Cam­per steht direkt hin­ter der Düne, die Son­ne scheint und ich muss nur ein paar Schrit­te lau­fen, um am Meer zu sein.

Viel­leicht hüp­fe ich nach­her sogar hin­ein. Aller­dings ein Stück abseits von all den Sur­fern. Ich muss mei­nen ers­ten eige­nen Auf­tritt in Cold Hawaii ja nicht gleich vor Publi­kum absolvieren.

Die Heide erzählt von diesem trockenen Sommer

Natür­lich schaue ich auch hier wie­der nach den Pflan­zen. Und eine beglei­tet mich inzwi­schen schon seit Tagen durch die­se Land­schaft: die Besen­hei­de (Callu­na vul­ga­ris).

Eigent­lich müss­te sie jetzt im August in vol­ler Blü­te ste­hen. Auf mei­ner Fahrt ent­lang der däni­schen West­küs­te habe ich auch immer wie­der wun­der­schö­ne vio­let­te Hei­de­flä­chen gese­hen. Hier rund um Nør­re Vor­upør fiel mir aller­dings auf, dass sie längst nicht über­all so üppig blüht, wie ich es erwar­tet hatte.

Vie­les sah tro­cken aus, man­che Pflan­zen regel­recht ver­trock­net. Also habe ich Ein­hei­mi­sche gefragt.

Sie erzähl­ten mir, dass es in die­sem Jahr sehr tro­cken sei. Eigent­lich wäre jetzt vol­le Hei­de­blü­te, aber die Tro­cken­heit habe den Pflan­zen zugesetzt.

Das fand ich span­nend, denn aus­ge­rech­net die Besen­hei­de ist eigent­lich ziem­lich hart im Neh­men. Sie wächst auf sau­ren, nähr­stoff­ar­men Böden und kommt mit tro­cke­nen Stand­or­ten zurecht. Im Natio­nal­park Thy gehört sie zu den typi­schen Pflan­zen der Dünen­hei­de. Trotz­dem hat natür­lich auch eine Pflan­ze, die Tro­cken­heit gewohnt ist, irgend­wann ihre Grenzen.

Und wie­der ein­mal zeig­te mir eine Pflan­ze etwas über die Land­schaft, das ich beim blo­ßen Vor­bei­fah­ren wahr­schein­lich gar nicht wahr­ge­nom­men hätte.

Auch die Hei­de selbst ist übri­gens viel­fäl­ti­ger, als ich bis­her gedacht hat­te. Neben der Besen­hei­de wächst im Natio­nal­park Thy bei­spiels­wei­se die Glo­cken­hei­de (Eri­ca tetra­lix). Wäh­rend die Besen­hei­de eher auf tro­cke­nen Flä­chen zu fin­den ist, wächst die Glo­cken­hei­de bevor­zugt in feuch­te­ren Berei­chen der Dünenheide.

Ich muss also inzwi­schen nur noch genau­er hin­schau­en, um auch inner­halb einer schein­bar gleich­mä­ßi­gen Hei­de­flä­che Unter­schie­de zu entdecken.

Und viel­leicht ist genau das eines der Din­ge, die mir auf die­ser Rei­se beson­ders viel Freu­de machen: Je län­ger ich durch eine Land­schaft fah­re, des­to weni­ger sehe ich ein­fach nur „Hei­de“, „Düne“ oder „Strand“.

Es wer­den immer mehr ein­zel­ne Geschich­ten daraus.

Mit den Wildpflanzen durchs Jahr

Genau so ler­ne ich Pflan­zen am liebs­ten kennen.

Nicht als Lis­te mit Namen, die ich ein­mal aus­wen­dig ler­ne und anschlie­ßend abha­ke, son­dern indem ich ihnen immer wie­der begeg­ne. Ich sehe, wann sie aus­trei­ben, wann sie blü­hen, wel­che Stand­or­te sie mögen und was pas­siert, wenn ein Jahr ein­mal ganz anders ver­läuft als gewöhnlich.

Eine Besen­hei­de im August sieht eben nicht in jedem Jahr gleich aus. Und plötz­lich erzählt mir eine Pflan­ze sogar etwas dar­über, wie tro­cken die­ser Som­mer an der däni­schen West­küs­te gewe­sen ist.

Genau die­ses genaue Hin­schau­en und Ken­nen­ler­nen möch­te ich in mei­nem Kurs „Mit den Wild­pflan­zen durchs Jahr“ weitergeben.

Eine Ein­la­dung, die Natur neu zu ent­de­cken, Wild­pflan­zen ken­nen­zu­ler­nen und gemein­sam durch die Jah­res­zei­ten zu gehen.

Denn dafür muss ich nicht nach Däne­mark fah­ren. Auch direkt vor mei­ner Haus­tür gibt es Pflan­zen, an denen ich hun­dert­mal vor­bei­ge­hen kann – bis ich irgend­wann ihren Namen ken­ne, genau­er hin­schaue und plötz­lich viel mehr entdecke.

→ Mehr über mei­nen Kurs „Mit den Wild­pflan­zen durchs Jahr“

Weiterlesen – meine Reise durch Dänemark

Nach den vie­len Kilo­me­tern ent­lang der West­küs­te tut es gera­de rich­tig gut, ein­mal einen Tag nicht weiterzufahren.

Wie lan­ge ich tat­säch­lich in Nør­re Vor­upør blei­be, weiß ich noch nicht. Irgend­wann wird es mich natür­lich wie­der wei­ter Rich­tung Nor­den zie­hen. Aber heu­te darf die Nord­see ein­fach ein­mal mein Tages­pro­gramm sein.

Wer mit mir zurück durch den Natio­nal­park Thy fah­ren möch­te, fin­det dort mei­nen vor­he­ri­gen Rei­se­be­richt mit dem Lodbjerg Fyr, den erstaun­lich klei­nen Eichen­wäl­dern und dem alten Fischer­lan­de­platz von Stenbjerg:

→ Natio­nal­park Thy – Leucht­turm, Eichen und Meer

Und wer mei­ne Däne­markrei­se von Anfang an ver­fol­gen möch­te, fin­det inzwi­schen vie­le wei­te­re Geschich­ten vom Wat­ten­meer über Esbjerg und Hvi­de San­de bis nach Thy:

→ Rei­sen & Begeg­nun­gen – alle mei­ne Reiseberichte

Jetzt gehe ich erst ein­mal wie­der über die Düne.

Das Meer ist schließ­lich schon da.

👉 Mehr über Heike Engel

👉 Mehr über Angebote von Heike Engel

👉 Mehr über den Verein und seine Projekte
👉 Fördermitglied werden und die Arbeit unterstützen

Schön, dass Du hier bist, hinterlasse doch einen Kommentar und teile Dein Naturwissen mit uns.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert