Flensburg kannte ich eigentlich nur wegen der Punkte, die man dort sammelt, wenn man sich im Straßenverkehr nicht so ganz an die Regeln hält.
Aber ich wollte nach Dänemark hochfahren und es am nächsten Tag nicht mehr ganz so weit haben. Also streifte mein Blick über die Karte, wie ich es immer gerne tue, wenn ich Reisen plane.
Meine Augen blieben bei Flensburg hängen.
Ja – die nördlichste größere Stadt Deutschlands. Die mit den Punkten. Und sonst? Ehrlich gesagt wusste ich eigentlich nichts über Flensburg. Also nichts wie los nach Flensburg.
Ich fuhr über Land durch die Kasseler Berge. Das war schon ein kleines Abenteuer für sich. Irgendwann gab es auf den Straßen nicht einmal mehr einen Mittelstreifen und ich schraubte mich mit meinem Camper hoch und runter.
Dann wieder einen großen Haps über die A7, durch Hamburg – eine meiner Lieblingsstädte. Zwischen all den Kränen erblickte ich die Elfi (Elbphilharmonie), dann ging es durch den Elbtunnel und weiter Richtung Norden und irgendwann war Flensburg erreicht.
Ich suchte nach einem Platz, an dem ich mit meinem Camper stehen konnte, und fand einen großartigen kostenfreien Stellplatz direkt an der Förde.
Eigentlich ist es nur eine Stichstraße am Ende des Industriehafens. Nichts Besonderes. Kein Service. Kein schicker Wohnmobilstellplatz. Aber Ich finde ihn großartig. Es stehen auch einige andere Camper hier, man ist also nicht völlig allein. Und gefühlt habe ich sogar den besten Platz erwischt. Ich sitze gerade bei geöffneter Campertür und blicke direkt auf die Förde.
Wie toll ist das denn? Die ersten Schiffe dümpeln vor meiner Nase vorbei. Was will man mehr?
Aber was weiß ich eigentlich über Flensburg?
Nicht besonders viel, stellte ich fest.
Also fing ich an, ein bisschen nachzulesen.
Und natürlich musste ich zuerst wissen, warum eigentlich ganz Deutschland seine Punkte in Flensburg sammelt.
Des Rätsels Lösung ist das Kraftfahrt-Bundesamt, das hier seinen Sitz hat. Dort wird das Fahreignungsregister geführt. Wer sich im Straßenverkehr entsprechend etwas zuschulden kommen lässt, bekommt seine Punkte also tatsächlich in Flensburg.
Aber damit war mein bisheriges Flensburg-Wissen auch schon fast erschöpft.
Was ich zum Beispiel überhaupt nicht auf dem Schirm hatte: Flensburg war einmal eine bedeutende Rumstadt.
Die Stadt gehörte lange zur dänischen Monarchie und war über den Seehandel eng mit Dänisch-Westindien verbunden. Von dort kamen unter anderem Zucker und Rum in den Flensburger Hafen. Noch heute erinnern alte Kaufmannshöfe und Rumhäuser an diese Zeit.
Überhaupt ist Dänemark hier überall ganz nah. Nicht nur geografisch. Die dänische Minderheit gehört bis heute zu Flensburg, es gibt dänische Schulen und Einrichtungen und die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit Deutschland und Dänemark verbunden.
Und dann gibt es natürlich noch etwas, das ich mit Flensburg verbunden hatte:
Die Marine.
Da wollte ich hin
Von meinem Stellplatz an der Förde aus konnte ich am anderen Ufer beziehungsweise weiter draußen schon die Richtung erahnen, in die ich wollte. Die Marineschule Mürwik. Dieses riesige Gebäude aus rotem Backstein tronte direkt über der Förde hatte meine Neugier geweckt.
Also holte ich mein altes Rädchen aus dem Camper und machte mich auf den Weg. Und das war erst einmal richtig schön. Immer am Wasser entlang. Die Förde neben mir, Schiffe auf dem Wasser, der Blick hinüber auf die andere Seite. Genau solche Wege mag ich. Irgendwann war es allerdings vorbei mit dem gemütlichen Radeln am Wasser. Denn zur Marineschule geht es hoch. Der Weg an der Förde gehört zum Militärgelände und ist natürlich abgesperrt.
Und mein Fahrrad ist – sagen wir es einmal freundlich – nicht mehr das jüngste. Es hat schon viele Abendteuer mit mir erlebt. Ich bin mit ihm schon in die Dolomiten und an den Gardasee geradelt. Aber das ist schon lange her und es bräuchte mal wieder viel Zuwendung. Schaltung geht nicht wirklich, Licht hängt runter, Griffe kleben vor Alter. Aber ich liebe es trotzden, denn laufen könnte ich das alles nicht Also kämpfte ich mich mit meinem alten Rädchen diesen Berg hinauf. E‑Bikes rauschten an mir vorbei und ich merkte wieder wie es ist, jeden Tritt mit Kraft treten zu dürfen.
Oben angekommen, hatte ich eigentlich nur vor, mir die Marineschule anzuschauen. Doch da standen plötzlich ziemlich viele Militärangehörige. Und noch erstaunlicher: Jede Menge Menschen liefen auf das Gelände. Was war denn hier los?
Ich hatte keine Ahnung. Also fragte ich einfach einen der Männer am Eingang, ob ich denn auch hineindürfe.
„Wenn Sie eine Karte haben.“
Eine Karte?
„Für was denn?“
Es fand an diesem Abend ein Benefizkonzert des Marinemusikkorps Kiel zugunsten des ambulanten Kinderhospizdienstes Flensburg statt.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
Also stellte ich gleich die nächste Frage:
„Haben Sie denn noch eine Karte?“
Hatten sie.
Und in einer halben Stunde sollte es losgehen.
Und plötzlich war ich drin
Ich hatte noch Zeit und konnte mich auf dem Gelände umsehen. Und ich war wirklich beeindruckt. Diese riesige Anlage mit ihren roten Backsteingebäuden, den Türmen, den vielen Details und dazu immer wieder die Förde im Hintergrund.
Die Marineschule Mürwik wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und wird wegen ihrer Architektur auch das „Rote Schloss am Meer“ genannt. Seit 1910 werden hier Marineoffiziere ausgebildet.
Und dieser Ort hat Geschichte. Sehr viel Geschichte.
Auch die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges sind eng mit Mürwik verbunden. Nach Hitlers Tod befand sich hier im Mai 1945 die letzte Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz. Wenige Wochen später wurde sie von den Alliierten verhaftet.
Wenn man heute durch diese Anlage läuft, liegen mehr als hundert Jahre Geschichte unter den eigenen Füßen. Vielleicht war es dieses Wissen. Vielleicht waren es die mächtigen alten Gebäude. Vielleicht die Lage. Ich kann es gar nicht genau sagen.
Aber dieser Ort hatte für mich eine ganz besondere Energie.
Ich lief staunend durch die Anlage und war schon allein deshalb froh, dass ich den Berg mit meinem alten Fahrrad hochgestrampelt war. Und dann begann das Konzert.
Was für ein Abend
Das Marinemusikkorps Kiel spielte – und ich war völlig begeistert. Was für fantastische Musiker. Es sind alles studierte Musiker und so war die Qualität hervorragend. Und was für eine Bandbreite.
Die Musik ging durch die unterschiedlichsten Genres und genau das faszinierte mich. Mal gewaltig und kraftvoll, dann wieder ganz fein. Bekannte Melodien, völlig andere Klangwelten – und alles unglaublich professionell gespielt.
Dazu dieser Ort.
Ich saß mitten auf dem Gelände der Marineschule, umgeben von diesen gewaltigen roten Backsteingebäuden, vor mir Musiker, die mit einer unglaublichen Präzision und Freude spielten.
Und ich dachte irgendwann:
Wie genial ist das denn bitte?
Eine Stunde vorher wusste ich noch nicht einmal, dass dieses Konzert stattfindet.
Ich wollte doch eigentlich nur die Marineschule anschauen.
Hätte ich mich nicht auf mein altes Fahrrad gesetzt, hätte ich mich nicht diesen Berg hochgekämpft und hätte ich am Eingang nicht einfach gefragt, ob ich hinein darf – dann hätte ich diesen Abend nicht erlebt.
Das sind für mich die schönsten Reiseerlebnisse. Nicht unbedingt die, die schon Wochen vorher im Kalender stehen. Sondern manchmal genau die, die einfach passieren. Ich fühle mich wie ein Glückskind in diesen Momenten. Von der Welt reich beschenkt.
Und auf dem Heimweg wurde es dann doch noch wild
Als das Konzert aus war, schwang ich mich wieder auf mein Rädchen. Diesmal ging es erfreulicherweise erst einmal bergab und dann wieder an der Förde entlang zurück zu meinem Camper. Stolz war ich, dass ich es geschafft hatte mich den Berg hochzukämpfen und genauso stolz fuhr ich wieder hinunter.
Und jetzt hatte ich auch wieder Augen für den Wegesrand. Natürlich.
Und am Wegesrand? Alte Bekannte …
Auf meinem Rückweg an der Förde entlang wanderte mein Blick natürlich irgendwann wieder dorthin, wo er bei mir fast automatisch landet: an den Wegesrand.
Und da gab es einiges zu entdecken. Zum Beispiel:
Rainfarn (Tanacetum vulgare)
Seine leuchtend gelben Blütenknöpfe sind im Spätsommer kaum zu übersehen. Früher wurde Rainfarn in der Volksheilkunde unter anderem bei Verdauungsbeschwerden und gegen Würmer eingesetzt. Er enthält jedoch das problematische ätherische Öl Thujon und kann in höherer Dosierung giftig wirken. Für mich gehört er deshalb nicht in die Wildkräuterküche – anschauen und erkennen ja, einfach essen nein.
Beifuß (Artemisia vulgaris)
Ganz anders sein Verwandter, der Beifuß. Er ist eine unserer uralten Gewürzpflanzen und wurde traditionell gerade zu schweren, fetten Speisen verwendet – Gänsebraten mit Beifuß kennen vielleicht noch einige. Sein herb-würziger Geschmack ist ziemlich intensiv, deshalb braucht es in der Küche gar nicht viel. In der Volksheilkunde galt er vor allem als Verdauungs- und Frauenkraut. In der Schwangerschaft sollte Beifuß nicht innerlich verwendet werden.
Greiskraut (Senecio/Jacobaea-Arten)
Und dann stand dort auch Greiskraut. Eine Pflanze, bei der das sichere Erkennen besonders wichtig ist: Greiskräuter enthalten Pyrrolizidinalkaloide, die die Leber schädigen können. Sie gehören deshalb nicht auf den Teller und nicht in den Wildkräutertee. Auch das gehört für mich zum Wildpflanzenwissen: Nicht alles, was wild und natürlich wächst, ist automatisch gesund oder essbar.
Brombeere (Rubus fruticosus agg.)
Bei den Brombeeren sieht die Sache schon viel leckerer aus. Die reifen Früchte kann man direkt naschen, zu Marmelade, Kompott oder Desserts verarbeiten. Aber auch die jungen Blätter wurden traditionell genutzt und beispielsweise als Tee aufgegossen. Und ganz nebenbei gehören Brombeerhecken zu den wertvollen Lebensräumen für viele Tiere.
Hagebutten (Rosa-Arten)
Und dann leuchteten schon die ersten Hagebutten am Weg. Sie gehören für mich einfach zum Übergang vom Sommer in den Herbst. Das Fruchtfleisch ist reich an Vitamin C und lässt sich beispielsweise für Mus, Marmelade oder Tee verwenden. Nur die kleinen behaarten Nüsschen im Inneren kennt wohl fast jeder noch aus Kindertagen – Juckpulver!Da leuchtete überall der Rainfarn mit seinen gelben Blütenknöpfen.
Ich bin weit weg von zuhause, fast an der dänischen Grenze, vor mir liegt die Flensburger Förde und trotzdem begegnen mir am Wegesrand alte Bekannte.
Vielleicht verstehst Du jetzt ein bisschen besser, warum mich Wildpflanzen so faszinieren. Wenn man anfängt, sie kennenzulernen, verändert sich etwas. Da ist nicht mehr einfach nur eine grüne Böschung. Plötzlich steht dort Beifuß. Dort wächst Rainfarn. Da hängen Brombeeren und die Hagebutten erzählen schon ein kleines bisschen davon, dass der Sommer irgendwann in den Herbst übergehen wird.
Aus einer grünen Masse werden einzelne Pflanzen, die man kennt.
Und genau das möchte ich auch in meinem Kurs „Mit den Wildpflanzen durchs Jahr“ weitergeben.
Nicht möglichst viele Pflanzennamen auswendig lernen.
Sondern hinausgehen. Hinschauen. Entdecken. Die Pflanzen im Laufe des Jahres immer wieder treffen und irgendwann ganz selbstverständlich wissen:
Ach, dich kenne ich doch.
Mit den Wildpflanzen durchs Jahr – eine Einladung, die Natur neu zu entdecken, Wildpflanzen kennenzulernen und gemeinsam durch die Jahreszeiten zu gehen.
Und das Schöne daran?
Dafür musst Du nicht erst mit einem alten Fahrrad bis an die Flensburger Förde fahren.
Deine Entdeckungsreise kann direkt vor Deiner Haustür beginnen.