Esbjerg – Wind, Meer und riesige Schiffe

Nach mei­ner Watt­wan­de­rung ging mei­ne Rei­se wei­ter nach Esbjerg. Und schon bevor ich über­haupt rich­tig in der Stadt ange­kom­men war, fiel mir etwas auf: Windräder.

Oder bes­ser gesagt die Ein­zel­tei­le davon.

Ich fuhr an rie­si­gen Wind­rad­flü­geln und Tür­men vor­bei, die dort gela­gert wur­den. Wenn man Wind­rä­der irgend­wo drau­ßen in der Land­schaft ste­hen sieht, wir­ken sie ja schon groß. Aber wenn so ein ein­zel­ner Flü­gel plötz­lich vor einem liegt und man dar­an vor­bei­fährt, bekommt man noch ein­mal eine ganz ande­re Vor­stel­lung davon, wel­che Dimen­sio­nen die­se Anla­gen inzwi­schen haben.

Dass aus­ge­rech­net in Esbjerg so vie­le davon her­um­lie­gen, ist natür­lich kein Zufall. Der Hafen von Esbjerg hat sich zu einem der wich­tigs­ten euro­päi­schen Häfen für die Off­shore-Wind­ener­gie ent­wi­ckelt. Von hier aus wer­den Wind­kraft­an­la­gen und ihre rie­si­gen Ein­zel­tei­le hin­aus in die Nord­see gebracht. Bereits bis Ende 2021 waren Kom­po­nen­ten für mehr als 4.000 Off­shore-Wind­rä­der über den Hafen ver­schifft worden.

Aber bevor ich mir dar­über grö­ße­re Gedan­ken machen konn­te, muss­te ich erst ein­mal durch Esbjerg kommen.

Esbjerg feiert – und ich mittendrin

Dass ich aus­ge­rech­net an die­sem Tag kaum durch Esbjerg kam, hat­te übri­gens einen guten Grund. Am Hafen fand das gro­ße Sus­et Fes­ti­val statt, das am 21. und 22. August gefei­ert wur­de. Die Fes­ti­val­flä­che liegt genau dort, wo Stadt und Hafen auf­ein­an­der­tref­fen, und 2026 wur­de sie sogar noch bis in den Bypar­ken hin­ein erwei­tert. Tei­le der Stra­ßen rund um den Hafen waren des­halb für den Ver­kehr gesperrt.

Und das war nun auch nicht gera­de irgend­ein klei­nes Stadt­fest. Auf dem Pro­gramm stan­den unter ande­rem Pet Shop Boys, Kelis, Ras­mus See­bach, Ben­ja­min Hav & Fami­li­en, Diz­zy Mizz Liz­zy, Suspekt, Drew Syca­mo­re, Arti­ge­ar­dit, Gul­di­mund und vie­le wei­te­re Künst­ler. Ich fuhr mit offe­nem Fens­ter an der Büh­ne vor­bei und an den Hän­gen sas­sen vie­le Men­schen und hör­ten zu – es war eine leben­di­ge, fröh­li­che Stim­mung in der gan­zen Stadt. 

Gleich­zei­tig war mit­ten in der Stadt auch noch Euro­pean Street Mar­ket. Vom 18. bis 22. August ver­wan­del­te sich der Tor­vet in einen euro­päi­schen Markt mit Stän­den aus ver­schie­de­nen Län­dern – von ita­lie­ni­schem Käse und Sala­mi über grie­chi­sche Oli­ven und eng­li­sches Fudge bis zu fran­zö­si­schen Seifen.

Kein Wun­der also, dass ich mit mei­nem Cam­per irgend­wann das Gefühl hat­te, kaum noch irgend­wo durch­zu­kom­men. Über­all Men­schen, Ver­kehr und gesperr­te Stra­ßen. Wenn es nicht eh schon so chao­tisch gewe­sen wäre und ich mit mei­nem nicht klei­nen Fahr­zeug einen Park­platz ergat­tert hät­te, hät­te ich mich sicher auch. ins Getüm­mel gestürzt. Aber eigent­lich woll­te ich ja nur ans Meer. Also raus aus dem Tru­bel – und genau dort fand ich schließ­lich mei­nen Platz etwas außer­halb der Stadt, ganz in der Nähe der vier rie­si­gen wei­ßen Män­ner am Meer.

Und plötz­lich war von dem gan­zen Tru­bel nicht mehr viel übrig. Vor mir lagen Strand, Meer und jede Men­ge Wind.

Die vier weißen Männer am Meer

Die Figu­ren hei­ßen „Men­nes­ket ved Havet“ – „Der Mensch am Meer“ und sind wohl eines der bekann­tes­ten Wahr­zei­chen Esbjergs.

Vier neun Meter hohe wei­ße Män­ner sit­zen neben­ein­an­der und bli­cken hin­aus aufs Wasser.

Ich fin­de, sie pas­sen wun­der­bar an die­sen Ort. So groß sie sind, wir­ken sie in die­ser wei­ten Land­schaft mit Meer und Him­mel fast wie­der klein.

Gleich dane­ben liegt übri­gens das Fische­rei- und See­fahrts­mu­se­um von Esbjerg. Ich habe es dies­mal nicht besucht, aber wenn Ihr in Esbjerg seid und ein biss­chen mehr Zeit habt, könn­te das durch­aus inter­es­sant sein. Dort geht es um Fische­rei, See­fahrt und die Natur der Nord­see, es gibt Aqua­ri­en und auch Rob­ben sind dort zu sehen.

Mich zog es an die­sem Tag aller­dings nicht ins Muse­um. Mich zog es zum Strand.

Ein wunderbarer Sandstrand – und jede Menge Wetter

Und der Strand war wirk­lich wun­der­schön. Breit, hel­ler Sand, das Meer vor mir und dar­über die­ser rie­si­ge Him­mel. Es gab Muscheln und tol­le Stei­ne zu entdecken.

Das Wet­ter konn­te sich aller­dings über­haupt nicht entscheiden.

Mal schien die Son­ne und alles leuch­te­te, dann kamen wie­der dunk­le Wol­ken her­an­ge­zo­gen und kurz dar­auf reg­ne­te es. Und der Wind war sowie­so immer da. Aber irgend­wie gehör­te genau das dazu. Ich lief am Strand ent­lang, schau­te aufs Meer und natür­lich schau­te ich auch wie­der nach unten, was dort eigent­lich wächst.

Ich kann an sol­chen Orten ein­fach nicht nur aufs Meer schauen.

Da ste­hen Pflan­zen im Sand und zwi­schen den Dünen und schon möch­te ich wis­sen, wer dort mit Wind, Salz, Sand und die­sen gan­zen beson­de­ren Bedin­gun­gen zurechtkommt.

Wel­che Pflan­zen ich dort gefun­den habe, erzäh­le ich Euch gleich noch. Denn erst ein­mal zog mein Blick wie­der hin­aus aufs Was­ser. Dort waren näm­lich ziem­lich merk­wür­di­ge Schif­fe unterwegs.

Was sind denn das für Schiffe mit Stelzen?

Ich beob­ach­te­te die Schif­fe eine gan­ze Wei­le und eines davon mach­te mich beson­ders neu­gie­rig. Es sah aus, als hät­te es rie­si­ge Stel­zen. Was macht denn ein Schiff mit Bei­nen? Ich mach­te mich schlau, und inzwi­schen weiß ich: Die­se unge­wöhn­li­chen Schif­fe gehö­ren wie­der zu den Wind­rä­dern, an denen ich auf dem Weg nach Esbjerg vor­bei­ge­fah­ren war.

Es han­delt sich um soge­nann­te Jack-up-Schif­fe. Sie wer­den unter ande­rem für die Instal­la­ti­on von Off­shore-Wind­kraft­an­la­gen ein­ge­setzt. Am Ein­satz­ort wer­den ihre lan­gen Bei­ne bis auf den Mee­res­bo­den abge­senkt. Anschlie­ßend kann sich das eigent­li­che Schiff dar­an aus dem Was­ser her­aus­he­ben. Es steht dann gewis­ser­ma­ßen auf sei­nen eige­nen Bei­nen über dem Meer.

Und das hat einen guten Grund: Ein Schiff schwankt nor­ma­ler­wei­se mit den Wel­len. Wenn man aber auf See mit rie­si­gen Bau­tei­len arbei­tet und Wind­kraft­an­la­gen errich­tet, braucht man eine mög­lichst sta­bi­le Arbeits­platt­form. Also fährt das Schiff hin­aus, stellt sei­ne Bei­ne auf den Mee­res­bo­den und hebt sich selbst aus dem Wasser.

Und plötz­lich schloss sich für mich auch der Kreis. Erst war ich an all die­sen rie­si­gen Wind­rad­flü­geln und Tür­men vor­bei­ge­fah­ren und spä­ter saß ich am Strand und schau­te den Schif­fen zu, die genau für die­se Welt drau­ßen auf der Nord­see gebraucht werden.

Esbjerg und der Wind gehö­ren offen­bar ziem­lich eng zusammen.

Esbjerg – vom Fischereihafen zum Windenergiehafen

Und dabei ist die­se Ent­wick­lung noch gar nicht so alt.

Esbjerg war lan­ge vor allem eine Fische­rei- und Hafen­stadt. Heu­te spielt die Off­shore-Ener­gie eine immer grö­ße­re Rol­le. Der Hafen ist inzwi­schen ein bedeu­ten­der Umschlag- und Aus­gangs­punkt für Off­shore-Wind­parks in der Nord­see. Auch die vie­len Spe­zi­al­schif­fe, die man dort sieht, gehö­ren dazu.

Eigent­lich span­nend, wenn man dar­über nach­denkt. Über Gene­ra­tio­nen fuh­ren von hier Schif­fe hin­aus, um Fisch aus der Nord­see zu holen. Heu­te fah­ren ande­re Schif­fe hin­aus und bau­en dort Windkraftanlagen.

Das Meer ist geblie­ben – aber das, was die Men­schen dort drau­ßen suchen, hat sich verändert.

Natürlich schaue ich auch am Strand nach den Pflanzen

Und natür­lich konn­te ich auch in Esbjerg nicht ein­fach nur aufs Meer schauen.

Mich inter­es­siert ja immer, was da wächst. Gera­de am Meer fin­de ich das beson­ders span­nend. Denn Pflan­zen, die direkt am Strand leben, haben es nicht gera­de gemüt­lich. Wind, Salz, Sand, Tro­cken­heit – und manch­mal wer­den sie ein­fach zuge­schüt­tet oder vom Meer überspült.

Und trotz­dem wach­sen hier Pflanzen.

Eine davon fiel mir beson­ders auf.

Der Euro­päi­sche Meer­senf oder die Strand­rau­ke (Caki­le mari­ti­ma) wuchs tat­säch­lich direkt am Strand. Mit sei­nen flei­schi­gen Blät­tern sieht man ihm schon ein biss­chen an, dass er mit Tro­cken­heit und Salz umge­hen kann. Die dicken Blät­ter hel­fen ihm dabei, Was­ser zu speichern.

Und er ist tat­säch­lich ess­bar. Jun­ge Blät­ter und Trie­be haben einen wür­zig-schar­fen Geschmack, der ein wenig an Senf oder Ruco­la erin­nert. Kein Wun­der – die Strand­rau­ke gehört wie Senf, Kohl und Ret­tich zu den Kreuzblütengewächsen.

Ich mag sol­che Ver­wandt­schaf­ten. Wenn man anfängt, Pflan­zen­fa­mi­li­en zu erken­nen, ent­deckt man plötz­lich Zusam­men­hän­ge, die einem vor­her gar nicht auf­ge­fal­len sind.

Noch näher am Sand ent­deck­te ich die Salz­mie­re (Hon­cke­nya peplo­ides), die auch Strand­por­tu­lak genannt wird.

Sie sieht mit ihren klei­nen dicken, flei­schi­gen Blät­tern fast ein biss­chen aus wie eine Suk­ku­len­te. Und eigent­lich macht sie etwas ganz Ähn­li­ches: Sie spei­chert Was­ser in ihren Blät­tern. Eine ziem­lich prak­ti­sche Stra­te­gie an einem Stand­ort, an dem Was­ser zwar direkt vor der Haus­tür liegt – nur lei­der vol­ler Salz ist.

Auch die Salz­mie­re ist ess­bar. Ihre jun­gen Trie­be und Blät­ter kön­nen roh ver­wen­det wer­den und schme­cken leicht sal­zig und knackig.

Und dann ent­deck­te ich am Strand noch etwas, das mir sehr ver­traut vor­kam: dicke, gro­ße Hage­but­ten.

Sie gehö­ren zur Kar­tof­fel­ro­se (Rosa rugosa). Ihre Früch­te sind viel grö­ßer und rund­li­cher als die Hage­but­ten, die wir von vie­len unse­rer hei­mi­schen Wild­ro­sen kennen.

Die Kar­tof­fel­ro­se fühlt sich an der Küs­te aus­ge­spro­chen wohl. Wind, Sand und Salz machen ihr wenig aus. Aller­dings gehört sie ursprüng­lich gar nicht hier­her. Sie stammt aus Ost­asi­en und hat sich an den euro­päi­schen Küs­ten so erfolg­reich aus­ge­brei­tet, dass sie heu­te teil­wei­se zum Pro­blem für die hei­mi­sche Dünen­ve­ge­ta­ti­on gewor­den ist.

Ihre gro­ßen Hage­but­ten sind ess­bar und haben ordent­lich Frucht­fleisch. Dar­aus lässt sich zum Bei­spiel Hage­but­ten­mus oder Mar­me­la­de machen.

Also wie­der eine Pflan­ze, bei der sich Hin­schau­en lohnt – dies­mal aller­dings eine, die an die­sem Ort eigent­lich gar nicht hei­misch ist.Was ich an die­sem Strand beson­ders schön fand: Zwi­schen Sand, Wind und Nord­see stan­den nicht irgend­wel­che küm­mer­li­chen Pflänz­chen, die die­sen schwie­ri­gen Stand­ort gera­de so über­le­ben. Ich habe mir vor vie­len Jah­ren mal einen Samen mit­ge­nom­men und sie zu Hau­se im Schwa­ben­land hoch­ge­zo­gen – sie ist schon statt­lich groß, aber hat noch nie Früch­te getra­gen. Mal sehen. 

Sie sind genau für die­sen Lebens­raum gemacht.

Und schon war ich wie­der bei einem mei­ner Lieblingsthemen:

Je genau­er ich hin­schaue, des­to span­nen­der wird Natur.

Natur entdecken – auch direkt vor der Haustür

Und genau das lie­be ich an Wildpflanzen.

Man muss nicht an die däni­sche Nord­see­küs­te fah­ren, um sol­che Ent­de­ckun­gen zu machen. Auch bei uns wach­sen direkt vor der Haus­tür Pflan­zen, an denen wir viel­leicht jeden Tag vor­bei­ge­hen – ohne zu wis­sen, wer da eigent­lich steht.

Irgend­wann erkennt man die ers­te. Dann die zwei­te. Man weiß, wann sie aus­treibt, wie sie blüht, wie sie schmeckt und was man aus ihr machen kann.

Und plötz­lich ist da nicht mehr ein­fach nur eine grü­ne Wiese.

Genau dar­um geht es auch in mei­nem Kurs „Mit den Wild­pflan­zen durchs Jahr“. Nicht mög­lichst vie­le Pflan­zen­na­men aus­wen­dig ler­nen, son­dern hin­aus­ge­hen, hin­schau­en, die Pflan­zen immer wie­der tref­fen und sie im Lau­fe des Jah­res wirk­lich kennenlernen.

→ Mehr über mei­nen Kurs „Mit den Wild­pflan­zen durchs Jahr“

Meine Reise geht weiter

Und natür­lich geht es auch hier im Rei­se­blog weiter.

Esbjerg war wie­der ganz anders als Ribe und das Wat­ten­meer. Genau das gefällt mir gera­de an die­ser Rei­se. Ich weiß mor­gens oft noch gar nicht so genau, was mir am Abend im Kopf geblie­ben sein wird.

Wenn Ihr mit mir wei­ter­rei­sen möch­tet, fin­det Ihr hier mei­ne bis­he­ri­gen Geschich­ten und natür­lich nach und nach alles, was noch kommt:

→ Wei­ter­le­sen: Mei­ne Rei­se durch Dänemark

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