Das Wattenmeer – Leben zwischen Ebbe und Flut

Nach­dem ich nun in Kam­merslu­sen mit­ten im Natio­nal­park stand und mich Scha­fe, Salz­wie­sen und Absper­run­gen vom Meer trenn­ten, muss­te ich das jetzt unbe­dingt ändern.

Ich woll­te hin­ein ins Meer, oder bes­ser gesagt: mit­ten hin­ein ins Watt.

Dazu bin ich zum Vade­hav­s­cen­tret in der Nähe von Ribe gefah­ren. Dort kann man ganz unter­schied­li­che Ver­an­stal­tun­gen rund um das Wat­ten­meer buchen. Zum Bei­spiel Tou­ren zu den Rob­ben­bän­ken, bei denen man die Tie­re natür­lich mit respekt­vol­lem Abstand beobachtet.

Aber ich woll­te dies­mal nicht nur irgend­wo hin­fah­ren und schau­en. Ich woll­te hin­ein ins Watt, den Boden unter mei­nen Füßen spü­ren und vor allem mehr dar­über erfah­ren, was dort eigent­lich pas­siert. Ich lie­be es auch sehr durch Matsch zu lau­fen – es fühlt sich ein­fach herr­lich an. Also hat­te ich eine geführ­te Watt­wan­de­rung gebucht.

Bevor unse­re Grup­pe star­te­te, hat­te ich noch genü­gend Zeit, mir die Aus­stel­lung im Vade­hav­s­cen­tret anzu­schau­en. Und schon da merk­te ich wie­der ein­mal: Man glaubt, man weiß unge­fähr, was das Wat­ten­meer ist – und dann fängt man an, sich damit zu beschäftigen.

Und plötz­lich wird aus ein biss­chen Was­ser, Sand und Schlick eine ziem­lich fas­zi­nie­ren­de Welt.

Das Wattenmeer – ein ziemlich junger Lebensraum

Was ich zum Bei­spiel nicht wuss­te: Das Wat­ten­meer erstreckt sich über mehr als 500 Kilo­me­ter ent­lang der Küs­ten der Nie­der­lan­de, Deutsch­lands und Däne­marks. Das UNESCO-Welt­na­tur­er­be umfasst heu­te rund 11.500 Quadratkilometer.

Und obwohl es so rie­sig ist, ist es geo­lo­gisch gese­hen noch ziem­lich jung.

Nach der letz­ten Eis­zeit began­nen die gro­ßen Eis­mas­sen zu schmel­zen und der Mee­res­spie­gel stieg. Ab etwa 8.000 vor Chris­tus wur­den tie­fer lie­gen­de Land­schaf­ten und alte Fluss­tä­ler immer wei­ter vom Meer über­flu­tet. Die Gezei­ten trans­por­tier­ten Sand und Schlick hin­ein und lager­ten die­ses Mate­ri­al wie­der ab. Als der Anstieg des Mee­res­spie­gels spä­ter lang­sa­mer wur­de, konn­ten die Abla­ge­run­gen zuneh­mend mithalten.

So ent­stand über Jahr­tau­sen­de die­ses Geflecht aus Watt­flä­chen, Prie­len, Sand­bän­ken, Inseln und Salz­wie­sen. Und fer­tig ist das Wat­ten­meer bis heu­te nicht. Was­ser, Wind und Gezei­ten tra­gen stän­dig irgend­wo Mate­ri­al ab und lagern es an ande­rer Stel­le wie­der an. Das Wat­ten­meer ist also eine Land­schaft, die sich fort­wäh­rend verändert.

Und da muss­te ich dann doch ein biss­chen über mei­nen ers­ten Abend in Kam­merslu­sen schmun­zeln. Ich hat­te auf die Salz­wie­sen geschaut und gedacht: Da hin­ten ist das Meer – und die­se gan­zen Salz­wie­sen lie­gen dazwi­schen. Jetzt lern­te ich: Die Salz­wie­sen lie­gen nicht ein­fach vor dem Wat­ten­meer. Sie gehö­ren dazu.

Sie bil­den den obe­ren Bereich der Gezei­ten­zo­ne. Sie wer­den nicht mehr bei jeder Flut über­schwemmt, aber immer wie­der erreicht sie das Salz­was­ser. Pflan­zen, die dort leben, müs­sen also mit Bedin­gun­gen zurecht­kom­men, die für vie­le ande­re Pflan­zen ziem­lich unge­müt­lich wären.

Ich hat­te also gedacht, ich käme nicht ans Wat­ten­meer. Dabei stand ich längst mittendrin.

Ebbe und Flut im Wattenmeer – warum verschwindet eigentlich das Wasser?

Dann ging es mit unse­rer Füh­re­rin hin­aus und natür­lich kamen wir ziem­lich schnell auf das The­ma, ohne das es das Watt über­haupt nicht gäbe: Ebbe und Flut. Natür­lich weiß ich, dass Ebbe und Flut etwas mit dem Mond zu tun haben. Wahr­schein­lich lernt das jeder irgend­wann ein­mal in der Schule.

Aber was pas­siert da eigent­lich genau?

Der Mond zieht mit sei­ner Anzie­hungs­kraft an der Erde – und natür­lich auch an den rie­si­gen Was­ser­mas­sen unse­rer Mee­re. Auf der dem Mond zuge­wand­ten Sei­te der Erde ent­steht dadurch ein Flut­berg. Span­nend fand ich, dass es auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te eben­falls einen Flut­berg gibt. Ver­ein­facht erklärt hängt das damit zusam­men, dass Erde und Mond nicht ein­fach so umein­an­der krei­sen, wie man sich das viel­leicht vor­stellt, son­dern bei­de um einen gemein­sa­men Schwer­punkt. Aus die­sem Zusam­men­spiel von Gra­vi­ta­ti­on und Bewe­gung ent­ste­hen zwei Berei­che mit erhöh­tem Wasserstand.

Und weil sich die Erde wei­ter­dreht und gleich­zei­tig der Mond um die Erde wan­dert, erle­ben wir an der Nord­see­küs­te nor­ma­ler­wei­se zwei­mal am Tag Hoch­was­ser und zwei­mal am Tag Nied­rig­was­ser. Das Was­ser steigt also unge­fähr sechs Stun­den lang an – das ist die Flut – bis der höchs­te Was­ser­stand, das Hoch­was­ser, erreicht ist. Danach läuft es unge­fähr sechs Stun­den wie­der ab – das ist die Ebbe – bis zum nied­rigs­ten Was­ser­stand, dem Nied­rig­was­ser. Dann beginnt das Gan­ze von vorne.

Ganz exakt sind es aller­dings nicht sechs Stun­den. Von einem Hoch­was­ser bis zum nächs­ten ver­ge­hen durch­schnitt­lich etwa 12 Stun­den und 25 Minu­ten, von Hoch­was­ser zu Nied­rig­was­ser also unge­fähr 6 Stun­den und 12 Minu­ten. Ein kom­plet­ter Gezei­ten­tag mit zwei­mal Hoch­was­ser und zwei­mal Nied­rig­was­ser dau­ert des­halb rund 24 Stun­den und 50 Minu­ten.

Und genau die­se zusätz­li­chen 50 Minu­ten fand ich span­nend. Sie ent­ste­hen, weil sich zwar die Erde dreht, aber wäh­rend­des­sen auch der Mond auf sei­ner Bahn um die Erde ein Stück wei­ter­ge­wan­dert ist. Die Erde braucht des­halb jeden Tag unge­fähr 50 Minu­ten län­ger, bis der­sel­be Ort wie­der unge­fähr zum Mond aus­ge­rich­tet ist. Des­halb fin­den Ebbe und Flut nicht jeden Tag zur glei­chen Uhr­zeit statt, son­dern ver­schie­ben sich täg­lich im Durch­schnitt um etwa 50 Minuten.

Wenn heu­te also bei­spiels­wei­se um 12 Uhr Hoch­was­ser ist, kann man nicht davon aus­ge­hen, dass mor­gen um 12 Uhr wie­der Hoch­was­ser ist. Es wird unge­fähr 50 Minu­ten spä­ter sein. Und dazwi­schen wech­seln sich in einem fort Flut – Hoch­was­ser – Ebbe – Nied­rig­was­ser – Flut – Hoch­was­ser – Ebbe – Nied­rig­was­ser ab.

Eigent­lich schwingt die­ses rie­si­ge Meer also den gan­zen Tag hin und her. Und erst wenn das Was­ser bei Ebbe zurück­weicht, gibt es für ein paar Stun­den den Mee­res­bo­den frei, auf dem wir bei unse­rer Watt­wan­de­rung herumspazierten.

Und dann mischt auch noch die Son­ne mit.

Ste­hen Son­ne, Erde und Mond bei Voll­mond oder Neu­mond unge­fähr auf einer Linie, ver­stär­ken sich ihre Wir­kun­gen. Dann ent­ste­hen beson­ders gro­ße Unter­schie­de zwi­schen Hoch- und Nied­rig­was­ser – die Spring­ti­de.

Bei Halb­mond ste­hen Son­ne und Mond dage­gen unge­fähr im rech­ten Win­kel zuein­an­der. Ihre Wir­kun­gen schwä­chen sich teil­wei­se gegen­sei­tig ab und der Unter­schied zwi­schen Hoch- und Nied­rig­was­ser wird gerin­ger. Das nennt man Nipp­t­i­de.

Was ich vor­her auch nicht so rich­tig auf dem Schirm hat­te: Die Flut kommt natür­lich nicht über­all an der Nord­see­küs­te gleich­zei­tig an.

Unse­re Füh­re­rin erklär­te uns sehr anschau­lich, wie sich die Gezei­ten­wel­le durch das Meer und ent­lang der Küs­ten bewegt. Die Form der Nord­see, die Was­ser­tie­fe, Küs­ten und Inseln beein­flus­sen, wann und wie stark sie an einem bestimm­ten Ort ankommt.

Da stand ich nun mit den Füßen auf dem Mee­res­bo­den und dach­te über Mond, Son­ne, Erde und rie­si­ge Was­ser­mas­sen nach.

Ich mag sol­che Momen­te. Etwas, das man sein gan­zes Leben lang kennt, wird plötz­lich wie­der inter­es­sant, weil man end­lich ein biss­chen bes­ser ver­steht, was da eigent­lich pas­siert.

Eine Spring­ti­de ist übri­gens kei­ne Sturm­flut. Sie ent­steht ganz regel­mä­ßig durch die Stel­lung von Son­ne, Erde und Mond. Eine Sturm­flut hat dage­gen vor allem mit star­kem Wind zu tun, der das Was­ser zusätz­lich an die Küs­te drückt. Tref­fen aller­dings Spring­ti­de und Sturm zusam­men, kön­nen beson­ders hohe Was­ser­stän­de entstehen.

Viel­leicht habt Ihr an der Nord­see­küs­te schon ein­mal die­se Hoch­was­ser­mar­ken oder Hoch­was­ser­säu­len gese­hen, auf denen ein­ge­zeich­net ist, wie hoch das Was­ser in bestimm­ten Jah­ren stand. Dabei han­delt es sich meist um his­to­ri­sche Sturm­flu­ten. Star­ker Wind hat dabei zusätz­lich zur nor­ma­len Flut gro­ße Was­ser­mas­sen an die Küs­te gedrückt. Und wenn ungüns­ti­ge Wet­ter­be­din­gun­gen mit einer ohne­hin hohen Tide zusam­men­tref­fen, kann der Was­ser­stand beson­ders hoch werden.

Die Flutwelle im Wattenmeer – das Wasser kommt nicht überall gleichzeitig

Was mir unse­re Füh­re­rin noch erklär­te, fand ich beson­ders span­nend: Flut ist näm­lich nicht über­all an der Nord­see­küs­te gleichzeitig.

Die Gezei­ten­wel­le kommt aus dem Atlan­tik in die Nord­see hin­ein. Ein gro­ßer Teil läuft dabei von Nor­den her an Schott­land vor­bei in die Nord­see. Die Nord­see ist aber kein gleich­mä­ßig tie­fes Becken. Sie wird nach Süden fla­cher, dazu kom­men Inseln, Küs­ten, Buch­ten und Mee­res­en­gen. All das beein­flusst die Bewe­gung der Wassermassen.

Die Gezei­ten­wel­le läuft des­halb gewis­ser­ma­ßen um die Nord­see her­um. Wäh­rend an einem Ort schon Hoch­was­ser ist, kann ein paar hun­dert Kilo­me­ter wei­ter noch Ebbe sein. Die Wel­le erreicht die ver­schie­de­nen Küs­ten­ab­schnit­te zeit­ver­setzt und wan­dert wei­ter ent­lang der nie­der­län­di­schen, deut­schen und schließ­lich däni­schen Wat­ten­meer­küs­te. Genau des­halb fin­det Hoch­was­ser in Esbjerg nicht zur glei­chen Zeit statt wie wei­ter süd­lich an der nie­der­län­di­schen Küste.

Unse­re Füh­re­rin beschrieb uns das noch bild­li­cher: Die Erde dreht sich unter die­sem Sys­tem aus Flut­ber­gen und Gezei­ten­wel­len wei­ter. Das fand ich als Vor­stel­lung groß­ar­tig. Da ist nicht ein­fach Was­ser, das am Strand ein biss­chen vor- und zurück­läuft. Da bewe­gen sich rie­si­ge Was­ser­mas­sen durch den Atlan­tik und die Nord­see, wäh­rend sich gleich­zei­tig unser gan­zer Pla­net weiterdreht.

Und je nach­dem, wie tief das Meer ist und wie die Küs­te geformt ist, wird die Wel­le gebremst, umge­lenkt oder ver­stärkt. Im fla­chen Wat­ten­meer wir­ken des­halb neben Mond und Son­ne auch Was­ser­tie­fe, Küs­ten­form, Prie­le, Inseln und Wind dar­auf ein, wann das Was­ser tat­säch­lich ankommt und wie hoch es steigt.

Biodiversität im Wattenmeer – von wegen nur brauner Matsch

Von Wei­tem betrach­tet sieht das Watt ja zunächst ein­mal nicht gera­de nach gro­ßer Arten­viel­falt aus. Brau­ner Boden, ein biss­chen Was­ser, ein paar Prie­le. Das war’s. Könn­te man meinen.

Tat­säch­lich bie­tet das gesam­te Wat­ten­meer Lebens­raum für schät­zungs­wei­se bis zu 10.000 Arten von Ein­zellern, Pflan­zen, Pil­zen und Tie­ren. Allein in den Salz­wie­sen kom­men rund 2.300 Arten vor, in den Mee­res- und Brack­was­ser­be­rei­chen wei­te­re etwa 2.700.

Und jetzt wur­de es für mich rich­tig span­nend, denn wir gin­gen auf die Suche nach den Bewoh­nern, über die ich vor­her in der Aus­stel­lung gele­sen hat­te. Wir fan­den Strand­krab­ben und Nord­see­krab­ben, Watt­wür­mer, einen See­rin­gel­wurm, Watt­schne­cken und Pazi­fi­sche Aus­tern.

Und je mehr unse­re Füh­re­rin erzähl­te, des­to deut­li­cher wur­de: Wer hier lebt, muss sich eini­ges ein­fal­len las­sen. Denn die­ser Lebens­raum ver­än­dert sich alle paar Stun­den kom­plett. Gera­de noch steht alles unter Was­ser. Dann zieht sich das Meer zurück.

Die Son­ne scheint auf den Boden, der Salz­ge­halt kann sich ver­än­dern, es wird wär­mer oder käl­ter und irgend­wann kommt das Was­ser wie­der zurück. Die Tie­re kön­nen schlecht jedes Mal ihre Kof­fer packen. Also haben sie sich angepasst.

Wattwürmer – und was die kleinen Sandhäufchen wirklich sind

Beson­ders schön fand ich die Geschich­te des Watt­wurms.Die­se klei­nen krin­ge­li­gen Sand­häuf­chen hat­te ich natür­lich schon oft im Watt gese­hen. Ich wuss­te auch, dass sie von Watt­wür­mern stammen.

Er lebt unter unse­ren Füßen in einer Röh­re im Watt­bo­den und frisst sich tat­säch­lich durch den Sand. Natür­lich möch­te er nicht den Sand an sich essen. Auf und zwi­schen den Sand­kör­nern befin­den sich win­zi­ge Algen, Bak­te­ri­en und ande­re orga­ni­sche Bestand­tei­le, die für ihn Nah­rung sind. Also nimmt der Watt­wurm Sand auf, holt sich dar­aus, was er gebrau­chen kann, und der Rest muss hin­ten wie­der heraus.

Und genau dabei ent­ste­hen die­se cha­rak­te­ris­ti­schen klei­nen Sand­krin­gel, die über­all her­um­lie­gen. Der Natio­nal­park Wat­ten­meer nennt sie sehr tref­fend „Sand-Spa­ghet­ti“. Oder anders ausgedrückt:

Wir lie­fen die gan­ze Zeit über Watt­wurm­ka­ka. Das ver­gisst man doch wenigs­tens nicht mehr.

Und dabei macht der Watt­wurm etwas aus­ge­spro­chen Wich­ti­ges. Indem er stän­dig Sand auf­nimmt, durch sei­nen Kör­per trans­por­tiert und wie­der aus­schei­det, arbei­tet er den Watt­bo­den um. Er ist also nicht ein­fach nur ein Wurm, der da unten vor sich hin­lebt, son­dern ein Teil die­ses gan­zen Systems.

Dann erzähl­te uns unse­re Füh­re­rin noch von einem ande­ren Pro­blem des Watt­wurms. Vögel mögen Watt­wür­mer näm­lich auch. Aber sie haben sie zum Fres­sen gern. Wenn der Watt­wurm sein Hin­ter­en­de zur Ober­flä­che bringt, um sei­nen ver­dau­ten Sand los­zu­wer­den, kann es pas­sie­ren, dass oben schon jemand mit Schna­bel wartet.

Und auch dar­auf ist der Watt­wurm vorbereitet.

Wird sein hin­te­rer Kör­per­ab­schnitt erwischt, kann er die­sen Teil ver­lie­ren, ohne dass des­halb gleich der gan­ze Watt­wurm stirbt. Das feh­len­de Stück kann spä­ter wie­der rege­ne­riert wer­den. Der Vogel bekommt also sein Stück­chen Watt­wurm. Und der Watt­wurm lebt wei­ter. Ich fin­de sol­che Anpas­sun­gen groß­ar­tig. Man sieht die­ses unschein­ba­re Tier und ahnt über­haupt nicht, wel­che Stra­te­gien dahinterstecken.

Wattschnecke – die kleine Surferin im Wattenmeer

Noch so eine Kan­di­da­tin war die win­zi­ge Watt­schne­cke. Schne­cke und Geschwin­dig­keit pas­sen für mich nun nicht unbe­dingt in einen Satz. Aber die­se hier hat eine ziem­lich ele­gan­te Lösung gefunden.

Unse­re Füh­re­rin nann­te sie lie­be­voll die Sur­fer­schne­cke.

Die klei­ne Watt­schne­cke kann sich an die Unter­sei­te der Was­ser­ober­flä­che hän­gen und sich vom Was­ser mit­neh­men las­sen. Statt also Mil­li­me­ter für Mil­li­me­ter über den Boden zu krie­chen, nutzt sie ein­fach das Was­ser als Transportmittel.

Ich sehe seit­dem eine klei­ne Schne­cke vor mei­nem inne­ren Auge, die sich denkt: War­um lau­fen, wenn man sur­fen kann?

Warum das Wattenmeer eine Kinderstube ist

Und lang­sam füg­ten sich all die­se klei­nen Ent­de­ckun­gen zu einem grö­ße­ren Bild zusammen.

Denn das Wat­ten­meer wird auch als Kin­der­stu­be der Nord­see bezeichnet.

Das fla­che Was­ser erwärmt sich ver­gleichs­wei­se schnell, es gibt unglaub­lich viel Nah­rung und vie­le Jung­tie­re fin­den hier geeig­ne­te Lebens­räu­me. Beson­ders für jun­ge Fische sind die fla­chen Berei­che wich­tig. Auch Gar­ne­len und zahl­rei­che ande­re Tie­re ver­brin­gen wich­ti­ge Pha­sen ihres Lebens hier. Die Fach­leu­te spre­chen tat­säch­lich von der „nur­sery func­tion“, also der Kin­der­stu­ben­funk­ti­on des Wattenmeeres.

Und jetzt beginnt man zu ver­ste­hen, war­um die Bio­di­ver­si­tät im Wat­ten­meer nicht ein­fach bedeu­tet: Hier leben beson­ders vie­le ver­schie­de­ne Tiere.

Es ist viel­mehr ein rie­si­ges Netz­werk.

Ganz unten ste­hen unter ande­rem win­zi­ge Algen und orga­ni­sches Mate­ri­al. Davon ernäh­ren sich Wür­mer, Schne­cken, Muscheln und ande­re klei­ne Bewoh­ner. Die­se wie­der­um sind Nah­rung für Gar­ne­len, Fische und Vögel. Jung­fi­sche fin­den Nah­rung und Schutz.

Und Mil­lio­nen Zug­vö­gel kom­men auf ihren teil­wei­se gewal­ti­gen Rei­sen hier­her und nut­zen das Wat­ten­meer als Rast­platz und Spei­se­kam­mer. Für zahl­rei­che Zug­vo­gel­po­pu­la­tio­nen ist die­ses Gebiet inter­na­tio­nal von her­aus­ra­gen­der Bedeutung.

Plötz­lich sieht die­se brau­ne Flä­che gar nicht mehr leer aus. Eigent­lich ist sie eher Kin­der­stu­be, Spei­se­kam­mer, Rast­stät­te und Restau­rant gleich­zei­tig. Und jeder scheint irgend­wie von jemand ande­rem zu leben.

Pazifische Austern – eine Geschichte, die ganz anders ausging als geplant

Wir fan­den bei unse­rer Watt­wan­de­rung auch Pazi­fi­sche Aus­tern. Und zu denen erzähl­te uns unse­re Füh­re­rin eine Geschich­te, die ich beson­ders span­nend fand.

Denn ursprüng­lich leb­te hier eine ganz ande­re Aus­ter: die Euro­päi­sche Aus­ter. Sie war frü­her in der Nord­see weit ver­brei­tet und wur­de inten­siv gefischt. So inten­siv, dass die Bestän­de immer wei­ter zurück­gin­gen. Dazu kamen Krank­hei­ten und ande­re Ver­än­de­run­gen. Im Wat­ten­meer ver­schwand die Euro­päi­sche Aus­ter schließ­lich weitgehend.

Nun woll­ten die Men­schen aber natür­lich wei­ter­hin Aus­tern züchten.

Also begann man unter ande­rem vor Sylt, die Pazi­fi­sche Aus­ter zu kul­ti­vie­ren. Sie stammt ursprüng­lich aus dem asia­ti­schen Pazi­fik­raum und man ging zunächst davon aus, dass sie sich in der kal­ten Nord­see außer­halb der Zucht­an­la­gen kaum ver­meh­ren würde.

Das stell­te sich als ziem­li­cher Trug­schluss heraus.

Denn aus­ge­rech­net das Wat­ten­meer bie­tet ihr etwas, womit man offen­bar nicht aus­rei­chend gerech­net hat­te: Es ist sehr flach und kann sich im Som­mer ordent­lich erwär­men. Und wenn die Bedin­gun­gen stim­men, kann sich die Pazi­fi­sche Aus­ter hier durch­aus vermehren.

Und das tat sie.

Aus den Aus­tern­zuch­ten gelang­ten Lar­ven ins freie Wat­ten­meer und die Pazi­fi­sche Aus­ter brei­te­te sich immer wei­ter aus. Heu­te fin­det man sie an vie­len Stel­len im Wat­ten­meer und teil­wei­se bil­den die Tie­re gro­ße Aus­tern­rif­fe.

Unse­re Füh­re­rin erzähl­te uns, dass es vor der däni­schen Küs­te meh­re­re gro­ße Aus­tern­bän­ke gibt und eine davon vor Man­dø meh­re­re Kilo­me­ter lang sein soll. Wenn man bedenkt, dass man ein­mal dach­te, die­se Aus­ter kön­ne sich hier wegen der Käl­te sowie­so nicht aus­brei­ten, muss man dar­über schon ein biss­chen schmunzeln.

Die Natur hat­te offen­bar ande­re Pläne.

Auch ihre Ernäh­rung fand ich inter­es­sant. Aus­tern sind Fil­trie­rer. Sie pum­pen Meer­was­ser durch ihren Kör­per und fil­tern dar­aus win­zi­ge Nah­rungs­par­ti­kel, vor allem Phy­to­plank­ton, also mikro­sko­pisch klei­ne Algen. Und damit kom­men wir zu einer alten Regel, die viel­leicht man­che von Euch kennen:

Aus­tern und Muscheln nur in Mona­ten mit „r“ essen.

Ganz so ein­fach ist es heu­te zwar nicht mehr. Der Hin­ter­grund ist aber inter­es­sant. In den wär­me­ren Mona­ten kön­nen sich bestimm­te Mikro­al­gen stark ver­meh­ren. Eini­ge von ihnen bil­den Gift­stof­fe. Muscheln und Aus­tern fil­tern die­se Algen aus dem Was­ser und kön­nen die Gift­stof­fe dabei in ihrem Kör­per anrei­chern, ohne selbst dar­an zu ster­ben. Für uns Men­schen kön­nen sie jedoch pro­ble­ma­tisch werden.

Dazu kommt, dass Aus­tern sich in der war­men Jah­res­zeit fort­pflan­zen und ihre Qua­li­tät als Lebens­mit­tel dadurch anders sein kann. In der pro­fes­sio­nel­len Muschelern­te wer­den die Gewäs­ser des­halb heu­te über­wacht – auf die alte „r‑Mo­nats-Regel“ allein soll­te man sich nicht verlassen.

Und schon hat­te ich wie­der so einen Moment, den ich an sol­chen Füh­run­gen lie­be. Vor­her lag da ein­fach eine Auster.

Hin­ter­her lag da die Geschich­te der ver­schwun­de­nen hei­mi­schen Aus­tern­be­stän­de, einer ein­ge­führ­ten Art, mensch­li­cher Fehl­ein­schät­zun­gen, war­mer Flach­was­ser­ge­bie­te, mikro­sko­pisch klei­ner Algen und eines Öko­sys­tems, das sich stän­dig verändert.

Und all das steckt in einer ein­zi­gen Scha­le im Watt.

Küstennebel im Wattenmeer – nur 100 Schritte

Dann mach­te unse­re Füh­re­rin noch ein Expe­ri­ment mit uns, das mit all den Tie­ren über­haupt nichts zu tun hat­te und mir trotz­dem beson­ders im Gedächt­nis geblie­ben ist.

Es ging um Küs­ten­ne­bel.

Was pas­siert eigent­lich, wenn man drau­ßen im Watt unter­wegs ist und plötz­lich nichts mehr sieht? Wir stell­ten uns alle unge­fähr am sel­ben Aus­gangs­punkt auf, schlos­sen die Augen und beka­men eine ein­fa­che Aufgabe:

100 Schrit­te gera­de­aus laufen.

Das soll­te ja wohl zu schaf­fen sein. Also Augen zu und los. Ich hat­te durch­aus das Gefühl, gera­de­aus zu lau­fen. Nach 100 Schrit­ten blie­ben wir ste­hen und durf­ten die Augen wie­der öff­nen. Wir muss­ten ziem­lich lachen. Denn wir stan­den überall.

Von unse­rem gemein­sa­men Aus­gangs­punkt aus hat­ten wir uns nach gera­de ein­mal 100 Schrit­ten unge­fähr über 180 Grad ver­teilt.

Jeder hat­te geglaubt, gera­de­aus zu lau­fen. Und jeder war in eine ande­re Rich­tung mar­schiert. Da braucht es eigent­lich kei­nen lan­gen Vor­trag mehr dar­über, war­um Nebel im Watt gefähr­lich wer­den kann. 100 Schrit­te haben völ­lig gereicht.

Seit­dem wür­de ich jeden­falls nicht mehr den­ken: Ach, der Deich ist doch da hin­ten, den fin­de ich schon. Füh­rer haben immer ein GPS Gerät und einen Kom­pass dabei.

UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer – und plötzlich sehe ich etwas ganz anderes

Das Wat­ten­meer ist heu­te UNESCO-Welt­na­tur­er­be. Zunächst wur­den 2009 gro­ße Tei­le des nie­der­län­di­schen und deut­schen Wat­ten­mee­res auf­ge­nom­men, 2014 kam unter ande­rem der däni­sche Teil hin­zu. Heu­te umfasst das grenz­über­schrei­ten­de Welt­na­tur­er­be die Wat­ten­meer­ge­bie­te von Däne­mark, Deutsch­land und den Niederlanden.

Und inzwi­schen ver­ste­he ich bes­ser, war­um. Nicht wegen einer spek­ta­ku­lä­ren Fels­for­ma­ti­on. Nicht wegen eines ein­zel­nen sel­te­nen Tie­res. Son­dern wegen die­ses gesam­ten Sys­tems.

Meer und Land gehen inein­an­der über. Zwei­mal am Tag ver­än­dert sich die Land­schaft. Sand und Schlick wan­dern. Prie­le ver­än­dern sich. Salz­wie­sen wach­sen. Win­zi­ge Algen ernäh­ren klei­ne Tie­re, klei­ne Tie­re ernäh­ren grö­ße­re Tie­re und Mil­lio­nen Vögel sind auf die­sen Ort angewiesen.

Und mit­ten­drin der Mensch, der ver­sucht, mit Dei­chen und Küs­ten­schutz eben­falls sei­nen Platz in die­ser Land­schaft zu finden.

Das Wat­ten­meer ist eben nicht ein­fach da. Es pas­siert die gan­ze Zeit.

Man sieht nur, was man kennt

Als ich nach unse­rer Wan­de­rung wie­der zurück­kam, muss­te ich an mei­nen ers­ten Blick auf Kam­merslu­sen denken.

Da stan­den die Scha­fe. Da waren die Salz­wie­sen. Dahin­ter irgend­wo das Meer. Und ich hat­te gedacht:

Wie kom­me ich denn jetzt da hin?

Heu­te schaue ich die­sel­be Land­schaft ganz anders an. Ich weiss nun, dass die Salz­wie­sen nicht zwi­schen mir und dem Wat­ten­meer lie­gen, son­dern ein Teil davon sind. 

Eigent­lich war ges­tern schon alles da.

Ich konn­te es nur noch nicht sehen.

Und genau die­ser Gedan­ke kommt mir aus mei­ner eige­nen Arbeit sehr bekannt vor.

Wenn ich mit Men­schen über eine Wie­se gehe, sehen man­che am Anfang auch ein­fach nur Grün.

Dann zei­ge ich ihnen eine Schafgarbe.

Eine Brenn­nes­sel.

Einen Spitz­we­ge­rich.

Viel­leicht einen Giersch.

Wir schau­en genau­er hin, füh­len, rie­chen und pro­bie­ren viel­leicht. Ich erzäh­le, wie die Pflan­ze frü­her genutzt wur­de und was wir heu­te mit ihr machen können.

Und irgend­wann pas­siert etwas.

Beim nächs­ten Spa­zier­gang ist da nicht mehr nur eine grü­ne Wiese.

Da ste­hen plötz­lich lau­ter Pflan­zen, die man kennt.

Aus Frem­den wer­den Bekannte.

Und genau das ist mir im Wat­ten­meer passiert.

Dies­mal war ich die­je­ni­ge, die mit­ge­hen durf­te. Die Fra­gen stel­len konn­te. Der jemand zeig­te, wo sie hin­schau­en muss.

Aus einer brau­nen Flä­che wur­de inner­halb weni­ger Stun­den ein Lebens­raum vol­ler Geschich­ten, Zusam­men­hän­ge und klei­ner Wunder.

Und viel­leicht ist genau das eines der schöns­ten Din­ge, die wir uns bewah­ren können:

Neu­gie­rig blei­ben. Genau hin­schau­en. Und nie glau­ben, dass wir etwas schon ken­nen, nur weil wir es schon hun­dert­mal gese­hen haben.

Mit den Wildpflanzen durchs Jahr

Eine Ein­la­dung, die Natur neu zu ent­de­cken, Wild­pflan­zen ken­nen­zu­ler­nen und gemein­sam durch die Jah­res­zei­ten zu gehen.

Denn für sol­che Aha-Erleb­nis­se müs­sen wir nicht unbe­dingt ins däni­sche Wat­ten­meer fahren.

Manch­mal war­tet eine gan­ze unbe­kann­te Welt direkt vor unse­rer Haus­tür.

Weiterlesen – meine Reise durch Dänemark

Ich bin gera­de mit dem Cam­per unter­wegs durch Däne­mark und neh­me Euch auf mei­ner Rei­se ein biss­chen mit. Nicht nur zu den bekann­ten Sehens­wür­dig­kei­ten, son­dern auch zu den klei­nen Ent­de­ckun­gen am Weges­rand, zu beson­de­ren Orten und allem, was mich unter­wegs neu­gie­rig macht.

Wenn Du wis­sen möch­test, wo es als Nächs­tes hin­geht und was ich unter­wegs ent­de­cke, fin­dest Du hier mei­ne bis­he­ri­gen Reisegeschichten:

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