Bad Hersfeld – viel mehr als ein Zwischenstopp

Manch­mal sind es gera­de die Orte, von denen man gar nicht viel erwar­tet, die einen überraschen.

Eigent­lich war Bad Hers­feld für mich nur ein Zwischenstopp.

Nach unse­ren Strah­le­Mensch-Tagen bin ich mit dem Cam­per Rich­tung Nor­den auf­ge­bro­chen. Mein Ziel ist Däne­mark – eini­ge Wochen Nord­see, Dünen, Watt, Natur und ein­fach schau­en, was unter­wegs passiert.

Und weil Bad Hers­feld ziem­lich pas­send auf mei­ner Stre­cke lag, habe ich dort Stef­fi besucht. Stef­fi war gera­de als Teil­neh­me­rin bei mei­nen Strah­le­Mensch-Tagen dabei gewe­sen und hat­te mir ange­bo­ten: Wenn du vor­bei­kommst, zei­ge ich dir ein biss­chen mei­ne Stadt.

Aus „ein biss­chen“ wur­den Stun­den vol­ler Geschichten.

Zwei Konrads, die fast jeder kennt

Gleich zwei Namen begeg­ne­ten mir, bei denen ich nie­mals an Bad Hers­feld gedacht hät­te: Kon­rad Duden und Kon­rad Zuse.

Kon­rad Duden kam 1876 als Direk­tor des dama­li­gen Gym­na­si­ums nach Hers­feld. Wäh­rend sei­ner 29-jäh­ri­gen Zeit dort ver­öf­fent­lich­te er 1880 sein „Voll­stän­di­ges Ortho­gra­phi­sches Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che“ – eine wich­ti­ge Grund­la­ge für die Ver­ein­heit­li­chung unse­rer Recht­schrei­bung. Sein ehe­ma­li­ges Wohn­haus kann man heu­te als Kon­rad-Duden-Muse­um besuchen.

Und dann Kon­rad Zuse, einer der gro­ßen Pio­nie­re der Com­pu­ter­tech­nik. Auch sei­ne Geschich­te ist mit Bad Hers­feld ver­bun­den. Der ers­te Rech­ner wur­de in Bad Hers­feld gebaut.

Schon ver­rückt: Man fährt in eine Stadt, über die man vor­her kaum etwas weiß – und plötz­lich begeg­net man Men­schen und Ent­wick­lun­gen, die unse­ren All­tag bis heu­te prägen.

Eine Kirchenruine, die zur Bühne wird

Rich­tig beein­druckt hat mich die Stifts­rui­ne.

Sie gilt heu­te als größ­te roma­ni­sche Kir­chen­rui­ne der Welt und ist jeden Som­mer die Kulis­se der Bad Hers­fel­der Fest­spie­le. Und ich war tat­säch­lich genau einen Tag nach deren Ende dort: Die 75. Fest­spie­le fan­den in die­sem Jahr vom 26. Juni bis zum 16. August statt.

Wenn man vor die­sen gewal­ti­gen alten Mau­ern steht, kann man sich gut vor­stel­len, was für eine Atmo­sphä­re dort wäh­rend einer Auf­füh­rung herr­schen muss.

Beson­ders fas­zi­niert hat mich aber das Dach über den Zuschauerrängen.

1968 ent­warf der Archi­tekt Frei Otto für die Stifts­rui­ne ein mobi­les Zelt­dach. Inner­halb weni­ger Minu­ten kann es aus­ge­fah­ren wer­den und die Zuschau­er vor Regen und Sturm schüt­zen – ohne die his­to­ri­sche Rui­ne ein­fach mit einem nor­ma­len Dach zu überbauen.

Und bei Frei Otto klin­gel­te etwas: Genau, er wur­de spä­ter durch die berühm­te Dach­kon­struk­ti­on des Münch­ner Olym­pia­ge­län­des weltbekannt.

So etwas lie­be ich. Man steht vor einer Kon­struk­ti­on und plötz­lich öff­net sich dahin­ter noch eine ganz ande­re Geschichte.

Unartige Schüler kamen in den Turm

Stef­fi zeig­te mir auch den Katharinenturm.

Und dort erfuhr ich eine die­ser Geschich­ten, bei denen man unwill­kür­lich denkt, dass Schu­le frü­her viel­leicht nicht unbe­dingt bes­ser war:

Im Turm befand sich der Kar­zer der alten Klos­ter­schu­le – dort konn­ten Schü­ler zur Stra­fe ein­ge­sperrt werden.

Aber der Katha­ri­nen­turm birgt noch einen ganz ande­ren Schatz.

Dort hängt die Lul­lus­glo­cke aus dem Jahr 1038. Sie gilt als ältes­te datier­te Glo­cke Deutsch­lands, die bis heu­te durch­gän­gig in Betrieb ist. Geläu­tet wird sie nur noch zu beson­de­ren Anlässen.

Fast tau­send Jahre.

Wenn man sich das ein­mal vor­stellt: Wie vie­le Gene­ra­tio­nen haben die­se Glo­cke schon gehört?

„Enner, zwoon, dräi – Bruder Lolls!“

Und damit kamen wir zur nächs­ten Hers­fel­der Geschichte.

Die Glo­cke erin­nert an Lul­lus, einen Schü­ler des Boni­fa­ti­us und Grün­der des Klos­ters Hers­feld. Ihm zu Ehren fei­ern die Hers­fel­der jedes Jahr das Lul­lus­fest, von den Ein­hei­mi­schen „Lolls“ genannt.

Und die­ses Fest gibt es nicht erst seit hun­dert oder zwei­hun­dert Jahren.

Es wur­de erst­mals im Jahr 852 gefei­ert und gilt als ältes­tes Volks­fest Deutschlands.

Am Lolls­mon­tag wird um Punkt zwölf Uhr unter dem Schlachtruf

„Enner, zwoon, dräi – Bru­der Lolls!“

das Lul­lus­feu­er ent­zün­det – von den Hers­fel­dern lie­be­voll „Fier­che“ genannt. Das Feu­er geht auf einen mit­tel­al­ter­li­chen Brauch zurück und war Sym­bol der soge­nann­ten Lul­lus­frei­heit, wäh­rend der die Men­schen für die Dau­er des Fes­tes von bestimm­ten Abga­ben befreit waren.

Stef­fi erzähl­te mir dazu noch eine Hers­fel­der Über­lie­fe­rung: Das Feu­er dür­fe wäh­rend des Fes­tes nicht aus­ge­hen – sonst, so die Geschich­te, ver­lie­re Hers­feld sein Fest wie­der an Fulda.

Ob das his­to­risch tat­säch­lich so über­lie­fert ist, konn­te ich bis­her nicht belegen.

Aber ich mag sol­che Geschichten.

Denn genau sie sind es, die einem ein Mensch erzählt, der mit einem Ort ver­bun­den ist – und die man in kei­nem Rei­se­füh­rer gesucht hätte.

Und dann ging es hinaus zum Eichhof

Nach so viel Stadt­ge­schich­te zeig­te mir Stef­fi noch einen ganz ande­ren Teil von Bad Hers­feld: das Land­wirt­schafts­zen­trum Eich­hof.

Und auch dort war­te­te wie­der Geschich­te auf uns.

Im Schloss Eich­hof schau­ten wir uns auch das soge­nann­te Luther­zim­mer an. Der Name erin­nert an Mar­tin Luthers Auf­ent­halt im Jahr 1521. Auf sei­ner Rück­rei­se vom Reichs­tag zu Worms wur­de er am 1. Mai vom Hers­fel­der Abt Cra­to auf dem Eich­hof emp­fan­gen und ver­mut­lich auch dort beher­bergt. Am fol­gen­den Tag pre­dig­te Luther in der Hers­fel­der Stifts­kir­che. Im Luther­zim­mer sind außer­dem noch wun­der­schö­ne alte Holz­ver­tä­fe­lun­gen mit Intar­si­en erhal­ten – ein Rest der einst präch­ti­gen Innen­aus­stat­tung des Schlosses.

Doch dann kamen wir an den Ort, an dem spä­tes­tens auch ich völ­lig in mei­nem Ele­ment war:

den Arz­nei­pflan­zen­gar­ten.

Stef­fi arbei­tet dort selbst.

Und was für ein Garten!

Über­all stan­den wun­der­schö­ne, üppi­ge Bee­te. Rie­si­ge Königs­ker­zen rag­ten dar­aus her­vor – und dann ent­deck­te ich das vie­le Eisen­kraut.

So viel Eisenkraut!

Da war ich natür­lich glücklich.

Ich hät­te ver­mut­lich noch ziem­lich lan­ge zwi­schen die­sen Bee­ten her­um­strei­fen kön­nen. Denn egal, wohin ich schau­te: über­all Heil- und Arz­nei­pflan­zen, kräf­ti­ge Pflan­zen, wun­der­schö­ne Kom­bi­na­tio­nen und die­se gro­ßen Königs­ker­zen dazwischen.

Nach all den Geschich­ten über Com­pu­ter, Recht­schrei­bung, Klös­ter, Glo­cken, Luther und Thea­ter war ich plötz­lich wie­der in mei­ner ganz eige­nen Welt angekommen.

Zwi­schen den Pflanzen.

Ein bisschen Bad Hersfeld fährt jetzt mit nach Dänemark

Bevor ich mich wie­der auf den Weg mach­te, schnitt Stef­fi mir noch Zitro­nen­ver­be­ne aus dem Gar­ten ab.

Für Tee unterwegs.

Und die liegt nun hier bei mir im Cam­per und reist mit mir Rich­tung Dänemark.

Ich glau­be, genau des­halb mag ich die­se Art des Reisens.

Bad Hers­feld hät­te für mich ein­fach ein Punkt auf der Stre­cke sein kön­nen. Ankom­men, schla­fen, mor­gens weiterfahren.

Statt­des­sen habe ich eine Stadt ken­nen­ge­lernt, von der ich vor­her kaum etwas wuss­te. Ich stand in einer fast tau­send Jah­re alten Kir­chen­rui­ne, erfuhr, dass hier Duden wirk­te und Zuse sei­ne Spu­ren hin­ter­ließ, hör­te von ein­ge­sperr­ten Schü­lern, einer Glo­cke aus dem Jahr 1038 und einem Volks­fest, das seit dem Mit­tel­al­ter gefei­ert wird.

Und am Ende stand ich zwi­schen Eisen­kraut und rie­si­gen Königs­ker­zen und bekam von Stef­fi Zitro­nen­ver­be­ne für mei­ne Wei­ter­rei­se geschenkt.

Viel­leicht sind es genau die­se unge­plan­ten Begeg­nun­gen, die aus einer Rei­se mehr machen als eine Stre­cke von A nach B.

Dan­ke, lie­be Stef­fi, dass Du mir Dein Bad Hers­feld gezeigt hast.

Und jetzt geht es wei­ter Rich­tung Norden.

Mal sehen, was mir dort begegnet.

Mit offenen Augen unterwegs

Ich lie­be es, unter­wegs die Geschich­ten eines Ortes zu ent­de­cken. Aber ganz gleich, wo ich bin – irgend­wann wan­dert mein Blick fast auto­ma­tisch zu den Pflan­zen am Wegesrand.

So war es auch in Bad Hers­feld. Nach all den span­nen­den Geschich­ten über Duden, Zuse, Luther und Lul­lus war es am Ende der Arz­nei­pflan­zen­gar­ten, in dem mein Herz noch ein­mal ganz beson­ders auf­ging. Das vie­le Eisen­kraut, die rie­si­gen Königs­ker­zen, die üppi­gen Bee­te – dort hät­te ich noch lan­ge blei­ben können.

Viel­leicht kennst Du die­ses Gefühl auch: Du gehst durch eine Wie­se, einen Gar­ten oder ein­fach am Weges­rand ent­lang und möch­test plötz­lich wis­sen: Was wächst denn da eigent­lich? Wie heißt die­se Pflan­ze? Und was kann ich mit ihr machen?

Genau die­se Freu­de am Ent­de­cken möch­te ich in mei­nem Kurs „Mit den Wild­pflan­zen durchs Jahr“ weitergeben.

Eine Ein­la­dung, die Natur neu zu ent­de­cken, Wild­pflan­zen ken­nen­zu­ler­nen und gemein­sam durch die Jah­res­zei­ten zu gehen.

Denn dafür müs­sen wir gar nicht weit rei­sen. Oft beginnt das Aben­teu­er direkt vor unse­rer Haustür.

→ Mit den Wild­pflan­zen durchs Jahr

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