Der Sinn des Lebens – um was geht es da eigentlich?

Ich habe lan­ge über Sinn im Leben nach­ge­dacht, weil er mir selbst mehr­fach weg­ge­bro­chen ist.
Ich schrei­be dar­über nicht, weil ich Ant­wor­ten habe, son­dern weil ich die­sen Zer­bruch ken­ne. Gedan­ken ver­än­dern sich, sobald man sie aus­spricht – aber sie mar­kie­ren eine Spur. Das hier ist eine davon.

1. Einbruch statt Erleuchtung

Es gibt Momen­te, in denen der Gedan­ke nicht wie eine Erkennt­nis kommt, son­dern wie ein Schlag:
„Mein Leben hat gar kei­nen Sinn.“

Kein Dra­ma, nur Stil­le. Die Kin­der sind weg, die Arbeit getan, der All­tag läuft leer. Man wacht auf und nichts ruft mehr. Kein „Du musst“, kein „Ohne dich geht es nicht.“ Erst dann merkt man, wie sehr der Sinn an Auf­ga­ben hing. An Funk­ti­on. An jeman­dem, der uns brauchte.

Das fühlt sich nicht wei­se an. Nur leer. Jahr­zehn­te­lang hat­te alles Struk­tur, und plötz­lich bleibt nur Zeit. Und in die­ser Zeit taucht die Fra­ge wie ein Echo auf:
Wofür eigent­lich?

Es ist kei­ne Erleuch­tung. Es ist ein Einbruch.

Vie­les, was wir „Sinn“ nann­ten, war nur Rol­le. Ein Tausch­ge­schäft:
„Ich tue etwas – und dafür füh­le ich mich bedeut­sam.“
Wenn die­ser Tausch­part­ner ver­schwin­det, bleibt die nack­te Fra­ge:
Was ist Sinn überhaupt?

„Das macht Sinn“ heißt meist: Es bringt etwas zurück. Geld, Aner­ken­nung, Lie­be, Bedeu­tung. Ohne Nut­zen gilt es als sinn­los. Über eine Wie­se tan­zen? Unver­nünf­tig. Wir haben gelernt: Sinn = Nützlichkeit.

Es mach­te Sinn,

  • auf etwas hinzuarbeiten
  • zu hei­ra­ten
  • sich zu engagieren
  • Kin­der großzuziehen
  • Eltern zu pflegen
  • Ver­ant­wor­tung zu tragen

Aber das Leben dreht. Und das, wor­an Sinn hing, endet. Unaufhaltsam:

  • man geht in Rente
  • man wird krank
  • die Kin­der brau­chen uns nicht mehr
  • Eltern ster­ben
  • Jobs bre­chen weg
  • Freun­de verschwinden

Und da steht man. Mor­gens. Viel­leicht allein. Der Kör­per schmerzt, die Freu­de fehlt. Und die Fra­ge wird bru­tal klar: War das alles? War das der Sinn mei­nes Lebens?

2. Der Nutzen-Sinn

Wir wur­den nicht dar­auf vor­be­rei­tet, ohne Funk­ti­on zu leben. Wir haben gelernt: Sinn hat mit Nütz­lich­keit zu tun. Ein Leben ist wert­voll, wenn es etwas bringt – ande­ren, der Gesell­schaft, der Fami­lie, dem Kon­to, dem Anse­hen. Irgendwem.

So ent­steht ein stil­les Gesetz:

Nur wer etwas leis­tet, darf sich bedeu­tend fühlen.

Im Beruf hat­ten wir einen Titel. In der Fami­lie eine Rol­le. In der Pfle­ge eine Ver­ant­wor­tung. In der Gemein­schaft eine Auf­ga­be. Immer gab es etwas, das uns bestä­tig­te: Du wirst gebraucht.

Und genau die­ses „gebraucht wer­den“ nann­ten wir Sinn.
Nicht absicht­lich. Wir haben es nicht ent­schie­den. Es wur­de uns beigebracht.

Kin­der der Nach­kriegs­zeit, der Auf­bau­zeit, der Leis­tungs­ge­sell­schaft hör­ten von klein auf:

  • „Mach etwas aus dei­nem Leben.“
  • „Mach dich nützlich.“
  • „Sei flei­ßig.“
  • „Lass ande­re nicht sitzen.“
  • „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Was dabei kaum jemand sag­te:
Und wer bist du, wenn die Arbeit getan ist?

Wir haben gelernt, Ver­ant­wor­tung zu tra­gen.
Wir haben gelernt, zu machen, zu tun, zu kämp­fen.
Aber wir haben nicht gelernt, zu sein.

Als jun­ge Men­schen gab uns das Tem­po Sinn.
Als Eltern gab uns das Brau­chen Sinn.
Als Berufs­tä­ti­ge gab uns das Resul­tat Sinn.

Aber jetzt, ohne Funk­ti­on, taucht die Lücke auf:
Wir ken­nen uns nur im Tun. Nicht im Sein.

Dar­um bricht der Sinn weg, wenn unse­re Rol­len enden.
Nicht weil das Leben sinn­los wäre.
Son­dern weil wir ihn immer an das Außen gebun­den haben.

Wir haben uns sel­ten gefragt:

  • „Was berührt mich, wenn nie­mand zusieht?“
  • „Wie will ich leben, ohne Beweis?“
  • „Was bedeu­tet mir etwas, das nichts bringt?“

Das klingt unge­wohnt. Fast ver­däch­tig.
Weil wir Sinn mit Gegen­leis­tung ver­wech­seln.
Und solan­ge wir Sinn wie eine Wäh­rung behan­deln, ver­lie­ren wir ihn, sobald wir nichts mehr ein­zah­len können.

Sinn ist kein Lohn.
Sinn ist auch kei­ne Funk­ti­on.
Sinn ist nicht die Ant­wort dar­auf, was die Welt von uns braucht.
Sinn ist die Ant­wort dar­auf, wie wir leben, wenn sie nichts mehr von uns verlangt.

3. Wenn Erinnerung nicht reicht

Wenn der Nut­zen weg­fällt, grei­fen wir oft nach dem, was war. Wir klam­mern uns an Erin­ne­run­gen, als könn­ten sie den Sinn kon­ser­vie­ren. Da sind die Kin­der, die wir groß­ge­zo­gen haben, die Men­schen, denen wir gehol­fen haben, die Arbeit, die wir geleis­tet haben. All das war wich­tig. Es war echt. Es hat uns getragen.

Aber Erin­ne­rung trägt nur zurück.
Sie hält nicht im Heute.

„Ich war eine gute Mut­ter.“
„Ich habe so viel gear­bei­tet.“
„Ich habe mich um ande­re gekümmert.“

Das stimmt. Es ehrt uns. Es macht das Leben nicht klein.
Aber es füllt kei­nen Mor­gen, an dem nie­mand etwas von uns will.

Ver­gan­gen­heit ist ein Fun­da­ment, kein Wohn­raum.
Man kann sich dar­auf stüt­zen, aber nicht dar­in leben.

Es ist ein Feh­ler zu glau­ben, dass die Sum­me unse­rer Taten eine Art lebens­lan­ge Sinn­ren­te wäre. Als hät­ten wir genug gege­ben, um uns jetzt auto­ma­tisch erfüllt zu füh­len. So funk­tio­niert es nicht. Sinn lässt sich nicht abspeichern.

Sinn braucht Gegen­wart.
Er muss heu­te statt­fin­den, sonst ver­duns­tet er.

Erin­ne­rung ist wie ein Foto­al­bum: wert­voll, aber tot.
Es zeigt uns, was ein­mal leben­dig war – es ersetzt kein leben­di­ges Leben.

Das ist hart. Aber ehrlich.

Denn wenn Erin­ne­rung rei­chen wür­de, dann müss­te jeder alte Mensch zufrie­den sein. Jede, die Kin­der erzo­gen hat. Jeder, der lebens­lang gear­bei­tet hat. Jeder, der gepflegt, gehol­fen, geleis­tet hat.

Aber so vie­le wachen mor­gens auf, und spü­ren nichts.
Nicht, weil ihr Leben falsch war.
Son­dern weil sie gelernt haben, Sinn aus dem Rück­blick zu zie­hen – und nicht aus dem, was gera­de vor ihnen liegt.

Die Ver­gan­gen­heit beweist, dass wir gelebt haben.
Sie sagt nichts dar­über, ob wir noch leben.

Und genau hier beginnt die eigent­li­che Fra­ge:
Kann es Sinn geben, ohne dass wir uns bewei­sen?
Ohne Nut­zen, ohne Rol­len, ohne die alten Geschichten?

Die Ant­wort beginnt erst dort, wo Erin­ne­rung auf­hört, uns zu halten.

Im Jetzt.
Mit dem, was übrig ist.
Mit dem, was wirk­lich da ist.
Mit dem, was wir oft nicht sehen, weil wir nur zurückschauen.

Und erst auf die­sem Boden kann ein ande­rer Sinn ent­ste­hen. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Ver­gan­gen­heit. Son­dern aus Bewusstsein.

4. Die Geschichten

4.1 Die Mutter, die jammert

Eine älte­re Frau sitzt allein am Küchen­tisch. Ihr größ­ter Satz lau­tet:
„Die Kin­der kom­men nie. Ich bin ihnen egal.“
Sie sagt es beim Früh­stück, beim Tele­fo­nat, beim Arzt­be­such. Eigent­lich sagt sie ihn schon, bevor sie ihn ausspricht.

Die Kin­der leben ihr Leben. Arbeit, Fami­lie, Ter­mi­ne. Kein böser Wil­le, nur ein ande­res Tem­po. Aber für sie fühlt es sich an wie Ableh­nung. Wie ein Urteil: „Du bist nicht mehr wichtig.“

Und die­ser Schmerz ist echt. Er ist nicht ein­ge­bil­det. Er gehört gese­hen. Aber sie tut etwas, das ihren Schmerz wach­sen lässt: Sie starrt nur auf das, was fehlt.

Die vol­le Auf­merk­sam­keit geht an die Lücke.
An die Abwe­sen­heit.
An das, was frü­her war und heu­te nicht mehr passiert.

Sie war­tet – auf Besuch, auf Anruf, auf Bestä­ti­gung.
Sie war­tet so lan­ge, bis das War­ten wich­ti­ger wird als das Leben, das trotz­dem stattfindet.

Was sie nicht bemerkt:
Ihr Leben schrumpft nicht, weil die Kin­der feh­len.
Es schrumpft, weil sie sich wei­gert, ande­res zu sehen.

Es gibt Blu­men auf dem Tisch, die sie pflan­zen könn­te.
Es gibt Nach­barn, mit denen sie reden könn­te.
Es gibt Men­schen, die Hil­fe brau­chen, aber nicht ihre Kin­der sind.
Es gibt Zeit, die gefüllt wer­den könn­te – nicht mit Pflicht, son­dern mit Anwesenheit.

Aber sie will nicht hin­gu­cken.
Sie will, dass die Ver­gan­gen­heit wie­der­kehrt.
Sie will gebraucht wer­den wie frü­her.
Dann wür­de sich alles wie­der sinn­voll anfühlen.

Doch genau dar­in liegt der Knoten:

Sie hängt Sinn an etwas, das nicht mehr zu ihr gehört.

Nicht die Ein­sam­keit macht sie unglück­lich.
Das Fest­hal­ten an einer alten Rol­le macht sie unglücklich.

Sie sagt:
„Ich war immer für euch da.“
Was sie meint:
„Gebt mir mei­nen Sinn zurück.“

Aber Sinn kann man nicht geschenkt bekom­men.
Man muss ihn sel­ber leben.

Wenn sie auf­hö­ren wür­de zu war­ten, nicht aus Trotz, son­dern aus Klar­heit, könn­te sie etwas ent­de­cken, das sie längst ver­lernt hat:

Leben ohne Beweis.
Ohne Dank.
Ohne Rück­zah­lung.

Viel­leicht wür­de sie dann mer­ken, dass sie noch da ist.
Und dass nicht die Kin­der ihr Sinn sind, son­dern das Leben, das vor ihr liegt – selbst wenn nie­mand klopft.

4.2 Der Mann, der Brot bäckt

Ein Mann ver­liert sei­nen Job. 40 Jah­re lang war er „der, der alles regelt“. Tech­ni­ker, Meis­ter, Pro­blem­lö­ser. Er wuss­te, wo jede Schrau­be hin­ge­hört. Man frag­te ihn um Rat. Er war nütz­lich, unver­zicht­bar. Und dann wird er ein­fach ersetzt. Zu teu­er, zu alt, zu lang­sam für die neu­en Systeme.

Er sagt nach außen: „Alles gut, mache jetzt eben Ren­te.“
Inner­lich fühlt es sich nicht wie Ren­te an.
Es fühlt sich an wie Entsorgung.

Er sitzt mor­gens am Tisch und weiß nicht, wofür er auf­ste­hen soll. Ver­ant­wor­tung ist weg. Auf­ga­ben sind weg. Kei­ner ruft. Kei­ner braucht ihn. Und machen wir uns nichts vor: Genau das frisst. Nicht die freie Zeit. Die Bedeutungslosigkeit.

Er behält das für sich. Er jam­mert nicht. Er wird still. Er fällt nie­man­dem zur Last. Aber er fällt sich aus dem Leben her­aus.

Bis er eines Tages anfängt, Brot zu backen. Ein­fach so. Aus Lan­ge­wei­le, aus Expe­ri­ment, ohne Ziel. Mehl, Was­ser, Hefe. Teig, der Ruhe braucht. Zeit, die man nicht beschleu­ni­gen kann. Etwas, das sich nur ent­wi­ckelt, wenn man gedul­dig bleibt.

Er kne­tet. Er war­tet. Er beob­ach­tet.
Und zum ers­ten Mal seit Mona­ten spürt er sich wie­der.

Der Teig zeigt ihm etwas, das er längst ver­ges­sen hat­te:
Er lebt nicht nur durch Funk­ti­on.
Er lebt, indem er Betei­li­gung zulässt.

Er backt jeden Sams­tag. Nicht, weil jemand es ver­langt. Nicht, weil es ihn nütz­lich macht. Son­dern weil er wie­der Teil von etwas ist, auch wenn es nur ein Stück Brot ist, das er mit Hin­ga­be herstellt.

Sei­ne Nach­ba­rin bekommt manch­mal ein Laib. Der Enkel viel­leicht auch. Aber das ist nicht der Sinn. Das ist nur Fol­ge. Der Sinn liegt im Tun – nicht im Dienen.

Er hat kei­nen Titel mehr, kei­nen Nut­zen im Betrieb, kei­ne Rol­le, die ihn recht­fer­tigt. Aber wenn er den Teig anfasst, sieht er: Er kann etwas gestal­ten, ohne gebraucht zu werden.

Genau das ist der Punkt:

Bedeu­tung ist nicht das, was man lie­fert.
Bedeu­tung ist das, was man bewohnt.

Er lebt nicht von Aner­ken­nung.
Er lebt von Beteiligung.

Und das ist mehr Sinn als jeder Job­ver­trag jemals garan­tie­ren konnte.

4.3 Die Großmutter und das Dunkelblau

Eine Groß­mutter, frü­her die Köni­gin der Fami­lie. Immer zustän­dig, immer gefragt: Plätz­chen, Pflas­ter, Geschich­ten, Trost. Die Kin­der lieb­ten sie, die Enkel hin­gen an ihr. Sie wuss­te, wer was mag, wer wo Hil­fe braucht. Ihr Zuhau­se war Dreh- und Angel­punkt. Ohne sie lief nichts.

Jetzt sind die Enkel grö­ßer. Han­dy, Schu­le, Hob­bys, Freun­de. Die Gesprä­che sind kurz. Kein Kind sitzt mehr stun­den­lang in der Küche. Kein Knie braucht ein Pflas­ter. Kei­ne Gute-Nacht-Geschich­te wird ver­langt. Sie sagt nie­man­dem mehr, wann Sup­pe fer­tig ist. Die Enkel sagen Dan­ke – und ver­schwin­den wieder.

Und so sitzt sie da. Mit Erin­ne­run­gen. Sie erzählt sie ger­ne, immer wie­der, als wol­le sie bewei­sen, dass sie ein­mal wich­tig war. Aber die Geschich­ten wär­men nicht. Sie bewei­sen nur, was sie ver­lo­ren hat.

Eine Bekann­te über­re­det sie, in einen Mal­kurs zu gehen. Kei­ne Kunst, nichts Gro­ßes. Nur Far­be und Papier. Die Kurs­lei­te­rin sagt:
„Wäh­len Sie eine Far­be, die Ihnen weh tut.“

Sie greift nach Dun­kel­blau. Nicht nach Pink, nicht nach Gelb. Nach einem Blau, das fast schwarz ist. Ein stum­mes, schwe­res Blau. Sie schiebt es über das Papier. Lang­sam. Unge­lenk. Und plötz­lich merkt sie: Die­ses Blau sagt, was sie nicht aus­spre­chen kann.

Nicht gebraucht zu wer­den, tut weh.
Ver­gan­gen­heit wärmt nicht.
Sie ist nicht mehr Mittelpunkt.

Am nächs­ten Kurs­tag sagt die Leh­re­rin:
„Geben Sie die­sem Schmerz eine zwei­te Farbe.“

Sie nimmt Gelb. Ein zar­tes, roh wir­ken­des Gelb. Kein fröh­li­ches Son­nen­knall­gelb. Eher ein tas­ten­des, unsi­che­res Gelb. Sie legt es über das Blau, nicht um es zu ver­de­cken, son­dern um es zu berühren.

Und etwas ver­än­dert sich. Nicht auf dem Bild. In ihr.

Zum ers­ten Mal seit lan­gem macht sie etwas nicht, um gebraucht zu wer­den, nicht, um jeman­dem zu gefal­len, nicht, um ihr altes Ich zurück­zu­ho­len.
Sie macht es für sich. Und damit macht sie etwas, das sie nie gelernt hat:
Sie gibt ihrem Schmerz Raum, ohne dass jemand ihn abnimmt.

Da ent­steht Sinn. Nicht als Auf­ga­be.
Son­dern als Ver­bin­dung zu sich selbst.

Kei­ner wird die­ses Bild kau­fen.
Nie­mand wird sie dafür loben.
Es wird nir­gends hän­gen.
Aber sie hat es bewohnt.
Und das reicht.

Sinn beginnt dort, wo ein Mensch sich selbst wahr­nimmt – nicht dort, wo ande­re ihn brauchen.

4.4 Die geschiedene Mutter und die Leere im eigenen Haus

Eine Frau, Mit­te fünf­zig. Geschie­den seit ein paar Jah­ren. Zwei Teen­ager­töch­ter woh­nen noch bei ihr. Frü­her dach­te sie: „Wenn schon der Mann weg ist, wenigs­tens blei­ben die Kin­der.“ Aber sie merkt schnell: Die Kin­der blei­ben nur kör­per­lich. Nicht als Beziehung.

Sie braucht nie­man­den zu trös­ten, nie­man­den anzu­schie­ben, nie­man­den zu ret­ten. Die Töch­ter kön­nen alles selbst – und wol­len alles ohne sie. Sie braucht nicht mehr Mut­ter zu sein. Sie soll nur funktionieren.

Sie ist nicht mehr die Frau, die er ver­las­sen hat.
Sie ist nicht mehr die Mut­ter, die unent­behr­lich war.
Sie ist jetzt das System:

  • Geld
  • Essen
  • Wäsche
  • WLAN
  • Taxi
  • Ruhe­zo­ne

Rat? Nicht erwünscht.
Lie­be? Pein­lich, wenn über­haupt.
Zuwen­dung? Nur dann, wenn sie etwas bezah­len soll.

Und dann ist da noch der Ex. Unter­halt, Rech­nun­gen, Papier­kram, Dis­kus­sio­nen. Er sagt, er zah­le genug. Sie sagt, es reicht nicht. Am Ende fühlt sie sich immer wie die­je­ni­ge, die drauf­legt.
Die ande­ren han­deln. Sie rech­net nach.

Um nicht im Haus­halt zu ver­schwin­den, ver­sucht sie, sich selbst­stän­dig zu machen. End­lich etwas Eige­nes. End­lich etwas, das nicht von jemand ande­rem abhängt. Sie will nicht mehr funk­tio­nie­ren, sie will wirken.

Aber die heu­ti­ge Welt for­dert, ohne zu hel­fen:
Kon­zep­te, Mar­ke­ting, Sicht­bar­keit, Prei­se, Social Media, Büro­kra­tie, schnell, laut, prä­sent.
Sie hat Talent. Sie hat Herz. Aber Herz ist kei­ne Wäh­rung. Talent ersetzt kei­ne Zeit, wenn man gleich­zei­tig Mut­ter, Buch­hal­te­rin, Haus­halt und Schei­dungs­op­fer sein muss.

Die Selbst­stän­dig­keit wächst nicht. Sie schei­tert nicht, sie wächst nur nicht.
Es ist das Graue dazwi­schen, das frisst.
Nicht ver­lie­ren, nicht gewin­nen. Nur strampeln.

Sie beob­ach­tet ande­re, wie es ihnen gelingt. Sie weiß, sie soll sich nicht ver­glei­chen. Aber der Schmerz kommt trotz­dem: Unsicht­bar, obwohl sie sich abrackert.

Ihr Leben fühlt sich an wie Dau­er­be­trieb ohne Bedeutung:

  • erschöpft, aber nicht erfüllt
  • aktiv, aber ohne Wirkung
  • anwe­send, aber nicht wahrgenommen

Nicht Mut­ter, nicht Ehe­frau, nicht Unter­neh­me­rin. Nur ein Kör­per, der funktioniert.

Und dann kommt ein gewöhn­li­cher Nach­mit­tag. Sie geht in den Wald. Nicht roman­tisch. Nicht acht­sam. Sie geht, weil sie weg muss. Luft. Stil­le. Abstand von Türen, die stän­dig zu sind.

Sie bleibt ste­hen, weil sie müde ist. Nicht aus Bewun­de­rung.
Und vor ihr steht eine klei­ne vio­let­te Blü­te, mit­ten im Boden, zwi­schen Laub und tro­cke­nem Moos. Kein Sym­bol. Kein Licht­strahl. Nur Leben, das kei­nen Zweck hat.

Sie kniet sich hin. Nicht, weil sie ergrif­fen ist.
Son­dern weil sie in die­sem Moment still genug ist, etwas zu sehen, das nichts von ihr verlangt.

Die­se Blü­te lebt nicht für Auf­merk­sam­keit.
Nicht für Nut­zen.
Nicht für Aner­ken­nung.
Sie lebt, weil sie lebt.

Zum ers­ten Mal seit lan­gem sieht die Frau etwas, das nicht auf Leis­tung basiert.
Und sie ver­steht etwas Unbe­que­mes, Ehrliches:

Wert ent­steht nicht durch Funk­ti­on.
Leben recht­fer­tigt sich nicht.

Es löst kei­nen Kno­ten mit Feu­er­werk.
Es schenkt kei­ne Eupho­rie.
Es gibt nur Raum.

Sie steht auf. Nichts hat sich geän­dert – außer ihr Blick.
Das Haus wird nicht net­ter sein.
Die Kin­der wer­den nicht dank­ba­rer sein.
Die Selbst­stän­dig­keit bleibt eine Baustelle.

Aber sie kommt nicht als Dienst­leis­te­rin zurück.
Sie kommt als jemand zurück, der lebt – ohne Beweis.

Und das reicht für heu­te.
Mehr braucht Sinn nicht.

5. Was hält uns davon ab?

Es gibt einen Grund, war­um so vie­le Men­schen kei­nen Sinn fin­den, wenn ihre Rol­len weg­fal­len:
Wir hal­ten am Ges­tern fest und wei­gern uns, im Heu­te anzukommen.

Nicht aus Dumm­heit. Nicht aus Schwä­che.
Son­dern weil es ein­fa­cher ist, dem Leben vor­zu­wer­fen, was fehlt, als das zu sehen, was da ist.

1. Wir wollen zurück, statt weiter

Wir wol­len wie­der gebraucht wer­den. Wie­der wich­tig sein. Wie­der füh­len, was wir frü­her gefühlt haben. Das ist ver­ständ­lich. Aber Ver­gan­gen­heit kehrt nicht zurück. Nie­mand bekommt sei­ne Rol­le zurück, wenn die Zeit sie been­det hat.

2. Wir verwechseln Bedeutung mit Leistung

Wir den­ken: Erst wenn wir etwas leis­ten, jeman­dem hel­fen, jeman­dem die­nen, etwas pro­du­zie­ren oder bewei­sen, hat unser Leben Wert.
Das war viel­leicht ein­mal so. Es war nütz­lich. Es hat funk­tio­niert. Aber es trägt nicht bis zum Ende. Wer nur im Tun lebt, ver­liert sich, sobald das Tun wegfällt.

3. Wir jammern, weil Jammern bequemer ist als Wahrnehmen

Jam­mern hält uns beschäf­tigt. Es gibt uns Gesprächs­the­men, Recht­fer­ti­gung, Selbst­ver­ständ­nis. Wer jam­mert, muss nichts ver­än­dern. Jam­mern kon­ser­viert die Ver­gan­gen­heit. Es ana­ly­siert den Schmerz – ohne etwas zu wagen.

Jam­mern ist Schmerz ohne Bewe­gung.
Man bleibt ver­letzt, aber bleibt auch sitzen.

4. Wir warten auf Sinn, statt ihn zu erzeugen

Wir hof­fen, dass jemand anruft. Dass jemand uns braucht. Dass jemand uns bestä­tigt. Dass der Beruf zurück­kommt. Dass Aner­ken­nung nach­ge­reicht wird. Dass das Leben uns beweist, dass wir not­wen­dig sind.

Aber das pas­siert nicht.
Sinn kommt nicht zu uns.
Wir müs­sen ihn leben.

5. Wir glauben, Sinn sei groß

Sinn muss angeb­lich wich­tig sein, sicht­bar, gesell­schaft­lich wert­voll, erzählt, bewun­dert.
Aber ech­ter Sinn ist lei­se.
Manch­mal unschein­bar. Er beginnt in win­zi­gen Momen­ten, die kei­ner sieht und kei­ner lobt.

Sinn wächst, wenn man teil­nimmt, nicht, wenn man glänzt.

Die Wahrheit

Der Sinn bricht nicht weg, weil das Leben leer wird.
Er bricht weg, weil wir nur Sinn ken­nen, der von ande­ren abhängt.

Die Fra­ge ist nicht:
„Was hat mein Leben noch zu bie­ten?“
Son­dern:
„Was neh­me ich über­haupt noch wahr?“

Vie­le Men­schen leben wei­ter wie Maschi­nen, die kei­ne Funk­ti­on mehr haben, aber wei­ter­lau­fen aus Gewohn­heit. Sie tun, was sie immer getan haben, statt zu mer­ken, dass etwas Neu­es begon­nen hat: Ein Leben, in dem Sinn nicht mehr belohnt wird, son­dern gewählt.

6. Der Wendepunkt

Der Wen­de­punkt ist kein Neu­an­fang, kei­ne Moti­va­ti­on, kein „Ab heu­te wird alles anders“.
Sowas hält nie. Es ist nur Aufputschmittel.

Der ech­te Wen­de­punkt ist klei­ner.
Fast unschein­bar.
Er besteht aus einem ein­zi­gen Satz:

Ich bin noch da. Also schaue ich hin.

Nicht: „Ich mach das Bes­te draus.“
Nicht: „Ich muss posi­tiv den­ken.“
Nicht: „Ich wer­de jetzt glücklich.“

Die­se Sät­ze sind Flucht.
Sie drü­cken weg, statt zu sehen.

„Ich bin noch da. Also schaue ich hin.“ bedeu­tet etwas anderes:

  • Ich ren­ne nicht zurück.
  • Ich war­te nicht auf Anerkennung.
  • Ich suche nicht nach Publikum.
  • Ich höre auf, Sinn als Beloh­nung zu erwarten.
  • Ich neh­me wahr, was wirk­lich vor mir steht.

Das Leben schul­det uns nichts.
Aber es fin­det statt, mit oder ohne unse­ren Blick.

Und Sinn ent­steht nicht dadurch, was wir bekom­men.
Sinn ent­steht dadurch, was wir wahr­neh­men und bejahen.

Die­ser Satz zwingt uns nicht zu Freu­de.
Er ver­langt nur Anwe­sen­heit.
Und Anwe­sen­heit ist die Grund­la­ge von Sinn.

Nicht Leis­tung.
Nicht Nut­zen.
Nicht Bedeu­tung.
Nur Prä­senz.

Sinn beginnt nicht, wenn etwas sich lohnt.
Sinn beginnt, wenn wir nicht mehr wegschauen.

Hier endet das War­ten auf ande­re.
Hier endet das Jam­mern über das, was fehlt.
Hier beginnt Wahr­neh­mung.
Hier beginnt eige­nes Leben.

Sinn ent­steht nicht plötz­lich.
Er wächst, sobald wir zulas­sen, dass wir exis­tie­ren – ohne Auf­ga­be, ohne Beweis, ohne Funktion.

7. Sinn ist bewusstes Leben

Am Ende geht es nicht dar­um, was wir tun.
Und auch nicht dar­um, was wir getan haben.
Sinn ent­steht nicht aus Leis­tung, Erin­ne­rung oder Dank­bar­keit.
Sinn ent­steht aus Bewusst­sein.

Nicht im Kopf, son­dern im Erleben.

Sinn ist nichts, was wir errei­chen.
Sinn ist etwas, das wir bewoh­nen.

  • Wenn wir etwas essen, weil wir es wirk­lich schme­cken, nicht weil jemand ande­res satt wer­den muss.
  • Wenn wir etwas wahr­neh­men, ohne sofort zu bewer­ten, ob es nütz­lich ist.
  • Wenn wir etwas tun, weil wir betei­ligt sind, nicht weil es jemand von uns erwartet.

Sinn ist kein Ziel.
Sinn ist die Art, wie man lebt.

Man muss dafür nichts Gro­ßes bewe­gen.
Man muss nichts bewei­sen.
Man muss nie­man­den beeindrucken.

Man muss nur anwe­send sein.
Einen Moment lang.
Ehr­lich. Wach. Ohne Tauschgeschäft.

Sinn ist bewuss­te Betei­li­gung am eige­nen Leben.

Er beginnt in klei­nen Hand­lun­gen, die kei­ne Leis­tung verlangen:

  • ein Brot, das man für sich bäckt
  • ein Bild, das nur den eige­nen Schmerz kennt
  • eine Sup­pe, die nicht gefal­len muss
  • eine Blu­me, die man sieht, obwohl sie nichts von uns braucht

Sinn wird nicht durch Nut­zen erzeugt.
Er ent­steht durch Teilnahme.

Und sobald wir das ver­ste­hen, hört eine alte Abhän­gig­keit auf:
Wir müs­sen nicht mehr gebraucht wer­den, um Bedeu­tung zu haben.

Wir müs­sen nur da sein und leben, was wirk­lich da ist.
Nicht erwar­tet. Nicht bewer­tet. Bewusst.

Es ist schlicht.
Fast pro­vo­kant in sei­ner Einfachheit:

Leben hat Sinn, sobald wir es leben.

Nicht, weil es etwas bringt.
Son­dern, weil wir dar­in anwe­send sind.

Zum Schluss – an dich

Viel­leicht stehst du an so einem Punkt.
Viel­leicht bist du müde vom Tun, ent­täuscht vom War­ten, leer vom Brau­chen und Gebraucht­wer­den. Viel­leicht hast du viel gege­ben und ver­stehst nicht, war­um das heu­te nichts mehr trägt.

Dann hör für einen Moment auf, nach Sinn zu suchen.
Hör auf, ihn als Auf­ga­be zu begrei­fen.
Hör auf, dar­auf zu war­ten, dass jemand oder etwas dir zeigt, war­um du wich­tig bist.

Schau ein­fach hin, ohne Anspruch, ohne Recht­fer­ti­gung, ohne Ziel.

Nicht, um etwas Gutes dar­aus zu machen.
Nicht, um das Leben „wie­der in Ord­nung“ zu brin­gen.
Nur, um über­haupt da zu sein.

Das allein ver­än­dert etwas.
Nicht im Außen.
In dir.

Sinn ent­steht nicht, wenn du etwas Beson­de­res tust.
Sinn ent­steht, wenn du nicht mehr an dei­nem eige­nen Leben vorbeiläufst.

Mehr wird heu­te nicht ver­langt.
Nur Anwe­sen­heit.
Für dich.

Ich freue mich, wenn Du bis hier gele­sen hast und wenn Du mir Dei­ne Gedan­ken in einem Kom­men­tar da lässt. Wie siehst Du es? Was machen mei­ne Wor­te mit Dir? Ich wür­de mich freuen!

Alles Lie­be für Dich

Hei­ke

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🌞 Schön, dass Du da bist – und das Licht der Erde mit uns teilst.

2 Antworten

  1. Lie­be Heike,

    dei­ne Fra­gen und Geschich­ten zum The­ma ”Sinn” kamen für mich gold­rich­tig, Du hast so fei­ne, ein­fa­che Fra­gen gestellt und beob­ach­tet, ich habe gleich alles gele­sen und war am Ende tief befrie­det über die Ant­wor­ten, die sich auch in mir gera­de neu bil­den dürfen.
    Ganz herz­li­chen Dank dafür!

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