Ich habe lange über Sinn im Leben nachgedacht, weil er mir selbst mehrfach weggebrochen ist.
Ich schreibe darüber nicht, weil ich Antworten habe, sondern weil ich diesen Zerbruch kenne. Gedanken verändern sich, sobald man sie ausspricht – aber sie markieren eine Spur. Das hier ist eine davon.
1. Einbruch statt Erleuchtung
Es gibt Momente, in denen der Gedanke nicht wie eine Erkenntnis kommt, sondern wie ein Schlag:
„Mein Leben hat gar keinen Sinn.“
Kein Drama, nur Stille. Die Kinder sind weg, die Arbeit getan, der Alltag läuft leer. Man wacht auf und nichts ruft mehr. Kein „Du musst“, kein „Ohne dich geht es nicht.“ Erst dann merkt man, wie sehr der Sinn an Aufgaben hing. An Funktion. An jemandem, der uns brauchte.
Das fühlt sich nicht weise an. Nur leer. Jahrzehntelang hatte alles Struktur, und plötzlich bleibt nur Zeit. Und in dieser Zeit taucht die Frage wie ein Echo auf:
Wofür eigentlich?
Es ist keine Erleuchtung. Es ist ein Einbruch.
Vieles, was wir „Sinn“ nannten, war nur Rolle. Ein Tauschgeschäft:
„Ich tue etwas – und dafür fühle ich mich bedeutsam.“
Wenn dieser Tauschpartner verschwindet, bleibt die nackte Frage:
Was ist Sinn überhaupt?
„Das macht Sinn“ heißt meist: Es bringt etwas zurück. Geld, Anerkennung, Liebe, Bedeutung. Ohne Nutzen gilt es als sinnlos. Über eine Wiese tanzen? Unvernünftig. Wir haben gelernt: Sinn = Nützlichkeit.
Es machte Sinn,
- auf etwas hinzuarbeiten
- zu heiraten
- sich zu engagieren
- Kinder großzuziehen
- Eltern zu pflegen
- Verantwortung zu tragen
Aber das Leben dreht. Und das, woran Sinn hing, endet. Unaufhaltsam:
- man geht in Rente
- man wird krank
- die Kinder brauchen uns nicht mehr
- Eltern sterben
- Jobs brechen weg
- Freunde verschwinden
Und da steht man. Morgens. Vielleicht allein. Der Körper schmerzt, die Freude fehlt. Und die Frage wird brutal klar: War das alles? War das der Sinn meines Lebens?
2. Der Nutzen-Sinn
Wir wurden nicht darauf vorbereitet, ohne Funktion zu leben. Wir haben gelernt: Sinn hat mit Nützlichkeit zu tun. Ein Leben ist wertvoll, wenn es etwas bringt – anderen, der Gesellschaft, der Familie, dem Konto, dem Ansehen. Irgendwem.
So entsteht ein stilles Gesetz:
Nur wer etwas leistet, darf sich bedeutend fühlen.
Im Beruf hatten wir einen Titel. In der Familie eine Rolle. In der Pflege eine Verantwortung. In der Gemeinschaft eine Aufgabe. Immer gab es etwas, das uns bestätigte: Du wirst gebraucht.
Und genau dieses „gebraucht werden“ nannten wir Sinn.
Nicht absichtlich. Wir haben es nicht entschieden. Es wurde uns beigebracht.
Kinder der Nachkriegszeit, der Aufbauzeit, der Leistungsgesellschaft hörten von klein auf:
- „Mach etwas aus deinem Leben.“
- „Mach dich nützlich.“
- „Sei fleißig.“
- „Lass andere nicht sitzen.“
- „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Was dabei kaum jemand sagte:
Und wer bist du, wenn die Arbeit getan ist?
Wir haben gelernt, Verantwortung zu tragen.
Wir haben gelernt, zu machen, zu tun, zu kämpfen.
Aber wir haben nicht gelernt, zu sein.
Als junge Menschen gab uns das Tempo Sinn.
Als Eltern gab uns das Brauchen Sinn.
Als Berufstätige gab uns das Resultat Sinn.
Aber jetzt, ohne Funktion, taucht die Lücke auf:
Wir kennen uns nur im Tun. Nicht im Sein.
Darum bricht der Sinn weg, wenn unsere Rollen enden.
Nicht weil das Leben sinnlos wäre.
Sondern weil wir ihn immer an das Außen gebunden haben.
Wir haben uns selten gefragt:
- „Was berührt mich, wenn niemand zusieht?“
- „Wie will ich leben, ohne Beweis?“
- „Was bedeutet mir etwas, das nichts bringt?“
Das klingt ungewohnt. Fast verdächtig.
Weil wir Sinn mit Gegenleistung verwechseln.
Und solange wir Sinn wie eine Währung behandeln, verlieren wir ihn, sobald wir nichts mehr einzahlen können.
Sinn ist kein Lohn.
Sinn ist auch keine Funktion.
Sinn ist nicht die Antwort darauf, was die Welt von uns braucht.
Sinn ist die Antwort darauf, wie wir leben, wenn sie nichts mehr von uns verlangt.
3. Wenn Erinnerung nicht reicht
Wenn der Nutzen wegfällt, greifen wir oft nach dem, was war. Wir klammern uns an Erinnerungen, als könnten sie den Sinn konservieren. Da sind die Kinder, die wir großgezogen haben, die Menschen, denen wir geholfen haben, die Arbeit, die wir geleistet haben. All das war wichtig. Es war echt. Es hat uns getragen.
Aber Erinnerung trägt nur zurück.
Sie hält nicht im Heute.
„Ich war eine gute Mutter.“
„Ich habe so viel gearbeitet.“
„Ich habe mich um andere gekümmert.“
Das stimmt. Es ehrt uns. Es macht das Leben nicht klein.
Aber es füllt keinen Morgen, an dem niemand etwas von uns will.
Vergangenheit ist ein Fundament, kein Wohnraum.
Man kann sich darauf stützen, aber nicht darin leben.
Es ist ein Fehler zu glauben, dass die Summe unserer Taten eine Art lebenslange Sinnrente wäre. Als hätten wir genug gegeben, um uns jetzt automatisch erfüllt zu fühlen. So funktioniert es nicht. Sinn lässt sich nicht abspeichern.
Sinn braucht Gegenwart.
Er muss heute stattfinden, sonst verdunstet er.
Erinnerung ist wie ein Fotoalbum: wertvoll, aber tot.
Es zeigt uns, was einmal lebendig war – es ersetzt kein lebendiges Leben.
Das ist hart. Aber ehrlich.
Denn wenn Erinnerung reichen würde, dann müsste jeder alte Mensch zufrieden sein. Jede, die Kinder erzogen hat. Jeder, der lebenslang gearbeitet hat. Jeder, der gepflegt, geholfen, geleistet hat.
Aber so viele wachen morgens auf, und spüren nichts.
Nicht, weil ihr Leben falsch war.
Sondern weil sie gelernt haben, Sinn aus dem Rückblick zu ziehen – und nicht aus dem, was gerade vor ihnen liegt.
Die Vergangenheit beweist, dass wir gelebt haben.
Sie sagt nichts darüber, ob wir noch leben.
Und genau hier beginnt die eigentliche Frage:
Kann es Sinn geben, ohne dass wir uns beweisen?
Ohne Nutzen, ohne Rollen, ohne die alten Geschichten?
Die Antwort beginnt erst dort, wo Erinnerung aufhört, uns zu halten.
Im Jetzt.
Mit dem, was übrig ist.
Mit dem, was wirklich da ist.
Mit dem, was wir oft nicht sehen, weil wir nur zurückschauen.
Und erst auf diesem Boden kann ein anderer Sinn entstehen. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Vergangenheit. Sondern aus Bewusstsein.
4. Die Geschichten
4.1 Die Mutter, die jammert
Eine ältere Frau sitzt allein am Küchentisch. Ihr größter Satz lautet:
„Die Kinder kommen nie. Ich bin ihnen egal.“
Sie sagt es beim Frühstück, beim Telefonat, beim Arztbesuch. Eigentlich sagt sie ihn schon, bevor sie ihn ausspricht.
Die Kinder leben ihr Leben. Arbeit, Familie, Termine. Kein böser Wille, nur ein anderes Tempo. Aber für sie fühlt es sich an wie Ablehnung. Wie ein Urteil: „Du bist nicht mehr wichtig.“
Und dieser Schmerz ist echt. Er ist nicht eingebildet. Er gehört gesehen. Aber sie tut etwas, das ihren Schmerz wachsen lässt: Sie starrt nur auf das, was fehlt.
Die volle Aufmerksamkeit geht an die Lücke.
An die Abwesenheit.
An das, was früher war und heute nicht mehr passiert.
Sie wartet – auf Besuch, auf Anruf, auf Bestätigung.
Sie wartet so lange, bis das Warten wichtiger wird als das Leben, das trotzdem stattfindet.
Was sie nicht bemerkt:
Ihr Leben schrumpft nicht, weil die Kinder fehlen.
Es schrumpft, weil sie sich weigert, anderes zu sehen.
Es gibt Blumen auf dem Tisch, die sie pflanzen könnte.
Es gibt Nachbarn, mit denen sie reden könnte.
Es gibt Menschen, die Hilfe brauchen, aber nicht ihre Kinder sind.
Es gibt Zeit, die gefüllt werden könnte – nicht mit Pflicht, sondern mit Anwesenheit.
Aber sie will nicht hingucken.
Sie will, dass die Vergangenheit wiederkehrt.
Sie will gebraucht werden wie früher.
Dann würde sich alles wieder sinnvoll anfühlen.
Doch genau darin liegt der Knoten:
Sie hängt Sinn an etwas, das nicht mehr zu ihr gehört.
Nicht die Einsamkeit macht sie unglücklich.
Das Festhalten an einer alten Rolle macht sie unglücklich.
Sie sagt:
„Ich war immer für euch da.“
Was sie meint:
„Gebt mir meinen Sinn zurück.“
Aber Sinn kann man nicht geschenkt bekommen.
Man muss ihn selber leben.
Wenn sie aufhören würde zu warten, nicht aus Trotz, sondern aus Klarheit, könnte sie etwas entdecken, das sie längst verlernt hat:
Leben ohne Beweis.
Ohne Dank.
Ohne Rückzahlung.
Vielleicht würde sie dann merken, dass sie noch da ist.
Und dass nicht die Kinder ihr Sinn sind, sondern das Leben, das vor ihr liegt – selbst wenn niemand klopft.
4.2 Der Mann, der Brot bäckt
Ein Mann verliert seinen Job. 40 Jahre lang war er „der, der alles regelt“. Techniker, Meister, Problemlöser. Er wusste, wo jede Schraube hingehört. Man fragte ihn um Rat. Er war nützlich, unverzichtbar. Und dann wird er einfach ersetzt. Zu teuer, zu alt, zu langsam für die neuen Systeme.
Er sagt nach außen: „Alles gut, mache jetzt eben Rente.“
Innerlich fühlt es sich nicht wie Rente an.
Es fühlt sich an wie Entsorgung.
Er sitzt morgens am Tisch und weiß nicht, wofür er aufstehen soll. Verantwortung ist weg. Aufgaben sind weg. Keiner ruft. Keiner braucht ihn. Und machen wir uns nichts vor: Genau das frisst. Nicht die freie Zeit. Die Bedeutungslosigkeit.
Er behält das für sich. Er jammert nicht. Er wird still. Er fällt niemandem zur Last. Aber er fällt sich aus dem Leben heraus.
Bis er eines Tages anfängt, Brot zu backen. Einfach so. Aus Langeweile, aus Experiment, ohne Ziel. Mehl, Wasser, Hefe. Teig, der Ruhe braucht. Zeit, die man nicht beschleunigen kann. Etwas, das sich nur entwickelt, wenn man geduldig bleibt.
Er knetet. Er wartet. Er beobachtet.
Und zum ersten Mal seit Monaten spürt er sich wieder.
Der Teig zeigt ihm etwas, das er längst vergessen hatte:
Er lebt nicht nur durch Funktion.
Er lebt, indem er Beteiligung zulässt.
Er backt jeden Samstag. Nicht, weil jemand es verlangt. Nicht, weil es ihn nützlich macht. Sondern weil er wieder Teil von etwas ist, auch wenn es nur ein Stück Brot ist, das er mit Hingabe herstellt.
Seine Nachbarin bekommt manchmal ein Laib. Der Enkel vielleicht auch. Aber das ist nicht der Sinn. Das ist nur Folge. Der Sinn liegt im Tun – nicht im Dienen.
Er hat keinen Titel mehr, keinen Nutzen im Betrieb, keine Rolle, die ihn rechtfertigt. Aber wenn er den Teig anfasst, sieht er: Er kann etwas gestalten, ohne gebraucht zu werden.
Genau das ist der Punkt:
Bedeutung ist nicht das, was man liefert.
Bedeutung ist das, was man bewohnt.
Er lebt nicht von Anerkennung.
Er lebt von Beteiligung.
Und das ist mehr Sinn als jeder Jobvertrag jemals garantieren konnte.
4.3 Die Großmutter und das Dunkelblau
Eine Großmutter, früher die Königin der Familie. Immer zuständig, immer gefragt: Plätzchen, Pflaster, Geschichten, Trost. Die Kinder liebten sie, die Enkel hingen an ihr. Sie wusste, wer was mag, wer wo Hilfe braucht. Ihr Zuhause war Dreh- und Angelpunkt. Ohne sie lief nichts.
Jetzt sind die Enkel größer. Handy, Schule, Hobbys, Freunde. Die Gespräche sind kurz. Kein Kind sitzt mehr stundenlang in der Küche. Kein Knie braucht ein Pflaster. Keine Gute-Nacht-Geschichte wird verlangt. Sie sagt niemandem mehr, wann Suppe fertig ist. Die Enkel sagen Danke – und verschwinden wieder.
Und so sitzt sie da. Mit Erinnerungen. Sie erzählt sie gerne, immer wieder, als wolle sie beweisen, dass sie einmal wichtig war. Aber die Geschichten wärmen nicht. Sie beweisen nur, was sie verloren hat.
Eine Bekannte überredet sie, in einen Malkurs zu gehen. Keine Kunst, nichts Großes. Nur Farbe und Papier. Die Kursleiterin sagt:
„Wählen Sie eine Farbe, die Ihnen weh tut.“
Sie greift nach Dunkelblau. Nicht nach Pink, nicht nach Gelb. Nach einem Blau, das fast schwarz ist. Ein stummes, schweres Blau. Sie schiebt es über das Papier. Langsam. Ungelenk. Und plötzlich merkt sie: Dieses Blau sagt, was sie nicht aussprechen kann.
Nicht gebraucht zu werden, tut weh.
Vergangenheit wärmt nicht.
Sie ist nicht mehr Mittelpunkt.
Am nächsten Kurstag sagt die Lehrerin:
„Geben Sie diesem Schmerz eine zweite Farbe.“
Sie nimmt Gelb. Ein zartes, roh wirkendes Gelb. Kein fröhliches Sonnenknallgelb. Eher ein tastendes, unsicheres Gelb. Sie legt es über das Blau, nicht um es zu verdecken, sondern um es zu berühren.
Und etwas verändert sich. Nicht auf dem Bild. In ihr.
Zum ersten Mal seit langem macht sie etwas nicht, um gebraucht zu werden, nicht, um jemandem zu gefallen, nicht, um ihr altes Ich zurückzuholen.
Sie macht es für sich. Und damit macht sie etwas, das sie nie gelernt hat:
Sie gibt ihrem Schmerz Raum, ohne dass jemand ihn abnimmt.
Da entsteht Sinn. Nicht als Aufgabe.
Sondern als Verbindung zu sich selbst.
Keiner wird dieses Bild kaufen.
Niemand wird sie dafür loben.
Es wird nirgends hängen.
Aber sie hat es bewohnt.
Und das reicht.
Sinn beginnt dort, wo ein Mensch sich selbst wahrnimmt – nicht dort, wo andere ihn brauchen.
4.4 Die geschiedene Mutter und die Leere im eigenen Haus
Eine Frau, Mitte fünfzig. Geschieden seit ein paar Jahren. Zwei Teenagertöchter wohnen noch bei ihr. Früher dachte sie: „Wenn schon der Mann weg ist, wenigstens bleiben die Kinder.“ Aber sie merkt schnell: Die Kinder bleiben nur körperlich. Nicht als Beziehung.
Sie braucht niemanden zu trösten, niemanden anzuschieben, niemanden zu retten. Die Töchter können alles selbst – und wollen alles ohne sie. Sie braucht nicht mehr Mutter zu sein. Sie soll nur funktionieren.
Sie ist nicht mehr die Frau, die er verlassen hat.
Sie ist nicht mehr die Mutter, die unentbehrlich war.
Sie ist jetzt das System:
- Geld
- Essen
- Wäsche
- WLAN
- Taxi
- Ruhezone
Rat? Nicht erwünscht.
Liebe? Peinlich, wenn überhaupt.
Zuwendung? Nur dann, wenn sie etwas bezahlen soll.
Und dann ist da noch der Ex. Unterhalt, Rechnungen, Papierkram, Diskussionen. Er sagt, er zahle genug. Sie sagt, es reicht nicht. Am Ende fühlt sie sich immer wie diejenige, die drauflegt.
Die anderen handeln. Sie rechnet nach.
Um nicht im Haushalt zu verschwinden, versucht sie, sich selbstständig zu machen. Endlich etwas Eigenes. Endlich etwas, das nicht von jemand anderem abhängt. Sie will nicht mehr funktionieren, sie will wirken.
Aber die heutige Welt fordert, ohne zu helfen:
Konzepte, Marketing, Sichtbarkeit, Preise, Social Media, Bürokratie, schnell, laut, präsent.
Sie hat Talent. Sie hat Herz. Aber Herz ist keine Währung. Talent ersetzt keine Zeit, wenn man gleichzeitig Mutter, Buchhalterin, Haushalt und Scheidungsopfer sein muss.
Die Selbstständigkeit wächst nicht. Sie scheitert nicht, sie wächst nur nicht.
Es ist das Graue dazwischen, das frisst.
Nicht verlieren, nicht gewinnen. Nur strampeln.
Sie beobachtet andere, wie es ihnen gelingt. Sie weiß, sie soll sich nicht vergleichen. Aber der Schmerz kommt trotzdem: Unsichtbar, obwohl sie sich abrackert.
Ihr Leben fühlt sich an wie Dauerbetrieb ohne Bedeutung:
- erschöpft, aber nicht erfüllt
- aktiv, aber ohne Wirkung
- anwesend, aber nicht wahrgenommen
Nicht Mutter, nicht Ehefrau, nicht Unternehmerin. Nur ein Körper, der funktioniert.
Und dann kommt ein gewöhnlicher Nachmittag. Sie geht in den Wald. Nicht romantisch. Nicht achtsam. Sie geht, weil sie weg muss. Luft. Stille. Abstand von Türen, die ständig zu sind.
Sie bleibt stehen, weil sie müde ist. Nicht aus Bewunderung.
Und vor ihr steht eine kleine violette Blüte, mitten im Boden, zwischen Laub und trockenem Moos. Kein Symbol. Kein Lichtstrahl. Nur Leben, das keinen Zweck hat.
Sie kniet sich hin. Nicht, weil sie ergriffen ist.
Sondern weil sie in diesem Moment still genug ist, etwas zu sehen, das nichts von ihr verlangt.
Diese Blüte lebt nicht für Aufmerksamkeit.
Nicht für Nutzen.
Nicht für Anerkennung.
Sie lebt, weil sie lebt.
Zum ersten Mal seit langem sieht die Frau etwas, das nicht auf Leistung basiert.
Und sie versteht etwas Unbequemes, Ehrliches:
Wert entsteht nicht durch Funktion.
Leben rechtfertigt sich nicht.
Es löst keinen Knoten mit Feuerwerk.
Es schenkt keine Euphorie.
Es gibt nur Raum.
Sie steht auf. Nichts hat sich geändert – außer ihr Blick.
Das Haus wird nicht netter sein.
Die Kinder werden nicht dankbarer sein.
Die Selbstständigkeit bleibt eine Baustelle.
Aber sie kommt nicht als Dienstleisterin zurück.
Sie kommt als jemand zurück, der lebt – ohne Beweis.
Und das reicht für heute.
Mehr braucht Sinn nicht.
5. Was hält uns davon ab?
Es gibt einen Grund, warum so viele Menschen keinen Sinn finden, wenn ihre Rollen wegfallen:
Wir halten am Gestern fest und weigern uns, im Heute anzukommen.
Nicht aus Dummheit. Nicht aus Schwäche.
Sondern weil es einfacher ist, dem Leben vorzuwerfen, was fehlt, als das zu sehen, was da ist.
1. Wir wollen zurück, statt weiter
Wir wollen wieder gebraucht werden. Wieder wichtig sein. Wieder fühlen, was wir früher gefühlt haben. Das ist verständlich. Aber Vergangenheit kehrt nicht zurück. Niemand bekommt seine Rolle zurück, wenn die Zeit sie beendet hat.
2. Wir verwechseln Bedeutung mit Leistung
Wir denken: Erst wenn wir etwas leisten, jemandem helfen, jemandem dienen, etwas produzieren oder beweisen, hat unser Leben Wert.
Das war vielleicht einmal so. Es war nützlich. Es hat funktioniert. Aber es trägt nicht bis zum Ende. Wer nur im Tun lebt, verliert sich, sobald das Tun wegfällt.
3. Wir jammern, weil Jammern bequemer ist als Wahrnehmen
Jammern hält uns beschäftigt. Es gibt uns Gesprächsthemen, Rechtfertigung, Selbstverständnis. Wer jammert, muss nichts verändern. Jammern konserviert die Vergangenheit. Es analysiert den Schmerz – ohne etwas zu wagen.
Jammern ist Schmerz ohne Bewegung.
Man bleibt verletzt, aber bleibt auch sitzen.
4. Wir warten auf Sinn, statt ihn zu erzeugen
Wir hoffen, dass jemand anruft. Dass jemand uns braucht. Dass jemand uns bestätigt. Dass der Beruf zurückkommt. Dass Anerkennung nachgereicht wird. Dass das Leben uns beweist, dass wir notwendig sind.
Aber das passiert nicht.
Sinn kommt nicht zu uns.
Wir müssen ihn leben.
5. Wir glauben, Sinn sei groß
Sinn muss angeblich wichtig sein, sichtbar, gesellschaftlich wertvoll, erzählt, bewundert.
Aber echter Sinn ist leise.
Manchmal unscheinbar. Er beginnt in winzigen Momenten, die keiner sieht und keiner lobt.
Sinn wächst, wenn man teilnimmt, nicht, wenn man glänzt.
Die Wahrheit
Der Sinn bricht nicht weg, weil das Leben leer wird.
Er bricht weg, weil wir nur Sinn kennen, der von anderen abhängt.
Die Frage ist nicht:
„Was hat mein Leben noch zu bieten?“
Sondern:
„Was nehme ich überhaupt noch wahr?“
Viele Menschen leben weiter wie Maschinen, die keine Funktion mehr haben, aber weiterlaufen aus Gewohnheit. Sie tun, was sie immer getan haben, statt zu merken, dass etwas Neues begonnen hat: Ein Leben, in dem Sinn nicht mehr belohnt wird, sondern gewählt.
6. Der Wendepunkt
Der Wendepunkt ist kein Neuanfang, keine Motivation, kein „Ab heute wird alles anders“.
Sowas hält nie. Es ist nur Aufputschmittel.
Der echte Wendepunkt ist kleiner.
Fast unscheinbar.
Er besteht aus einem einzigen Satz:
Ich bin noch da. Also schaue ich hin.
Nicht: „Ich mach das Beste draus.“
Nicht: „Ich muss positiv denken.“
Nicht: „Ich werde jetzt glücklich.“
Diese Sätze sind Flucht.
Sie drücken weg, statt zu sehen.
„Ich bin noch da. Also schaue ich hin.“ bedeutet etwas anderes:
- Ich renne nicht zurück.
- Ich warte nicht auf Anerkennung.
- Ich suche nicht nach Publikum.
- Ich höre auf, Sinn als Belohnung zu erwarten.
- Ich nehme wahr, was wirklich vor mir steht.
Das Leben schuldet uns nichts.
Aber es findet statt, mit oder ohne unseren Blick.
Und Sinn entsteht nicht dadurch, was wir bekommen.
Sinn entsteht dadurch, was wir wahrnehmen und bejahen.
Dieser Satz zwingt uns nicht zu Freude.
Er verlangt nur Anwesenheit.
Und Anwesenheit ist die Grundlage von Sinn.
Nicht Leistung.
Nicht Nutzen.
Nicht Bedeutung.
Nur Präsenz.
Sinn beginnt nicht, wenn etwas sich lohnt.
Sinn beginnt, wenn wir nicht mehr wegschauen.
Hier endet das Warten auf andere.
Hier endet das Jammern über das, was fehlt.
Hier beginnt Wahrnehmung.
Hier beginnt eigenes Leben.
Sinn entsteht nicht plötzlich.
Er wächst, sobald wir zulassen, dass wir existieren – ohne Aufgabe, ohne Beweis, ohne Funktion.
7. Sinn ist bewusstes Leben
Am Ende geht es nicht darum, was wir tun.
Und auch nicht darum, was wir getan haben.
Sinn entsteht nicht aus Leistung, Erinnerung oder Dankbarkeit.
Sinn entsteht aus Bewusstsein.
Nicht im Kopf, sondern im Erleben.
Sinn ist nichts, was wir erreichen.
Sinn ist etwas, das wir bewohnen.
- Wenn wir etwas essen, weil wir es wirklich schmecken, nicht weil jemand anderes satt werden muss.
- Wenn wir etwas wahrnehmen, ohne sofort zu bewerten, ob es nützlich ist.
- Wenn wir etwas tun, weil wir beteiligt sind, nicht weil es jemand von uns erwartet.
Sinn ist kein Ziel.
Sinn ist die Art, wie man lebt.
Man muss dafür nichts Großes bewegen.
Man muss nichts beweisen.
Man muss niemanden beeindrucken.
Man muss nur anwesend sein.
Einen Moment lang.
Ehrlich. Wach. Ohne Tauschgeschäft.
Sinn ist bewusste Beteiligung am eigenen Leben.
Er beginnt in kleinen Handlungen, die keine Leistung verlangen:
- ein Brot, das man für sich bäckt
- ein Bild, das nur den eigenen Schmerz kennt
- eine Suppe, die nicht gefallen muss
- eine Blume, die man sieht, obwohl sie nichts von uns braucht
Sinn wird nicht durch Nutzen erzeugt.
Er entsteht durch Teilnahme.
Und sobald wir das verstehen, hört eine alte Abhängigkeit auf:
Wir müssen nicht mehr gebraucht werden, um Bedeutung zu haben.
Wir müssen nur da sein und leben, was wirklich da ist.
Nicht erwartet. Nicht bewertet. Bewusst.
Es ist schlicht.
Fast provokant in seiner Einfachheit:
Leben hat Sinn, sobald wir es leben.
Nicht, weil es etwas bringt.
Sondern, weil wir darin anwesend sind.
Zum Schluss – an dich
Vielleicht stehst du an so einem Punkt.
Vielleicht bist du müde vom Tun, enttäuscht vom Warten, leer vom Brauchen und Gebrauchtwerden. Vielleicht hast du viel gegeben und verstehst nicht, warum das heute nichts mehr trägt.
Dann hör für einen Moment auf, nach Sinn zu suchen.
Hör auf, ihn als Aufgabe zu begreifen.
Hör auf, darauf zu warten, dass jemand oder etwas dir zeigt, warum du wichtig bist.
Schau einfach hin, ohne Anspruch, ohne Rechtfertigung, ohne Ziel.
Nicht, um etwas Gutes daraus zu machen.
Nicht, um das Leben „wieder in Ordnung“ zu bringen.
Nur, um überhaupt da zu sein.
Das allein verändert etwas.
Nicht im Außen.
In dir.
Sinn entsteht nicht, wenn du etwas Besonderes tust.
Sinn entsteht, wenn du nicht mehr an deinem eigenen Leben vorbeiläufst.
Mehr wird heute nicht verlangt.
Nur Anwesenheit.
Für dich.
Ich freue mich, wenn Du bis hier gelesen hast und wenn Du mir Deine Gedanken in einem Kommentar da lässt. Wie siehst Du es? Was machen meine Worte mit Dir? Ich würde mich freuen!
Alles Liebe für Dich
Heike
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2 Antworten
Liebe Heike,
deine Fragen und Geschichten zum Thema ”Sinn” kamen für mich goldrichtig, Du hast so feine, einfache Fragen gestellt und beobachtet, ich habe gleich alles gelesen und war am Ende tief befriedet über die Antworten, die sich auch in mir gerade neu bilden dürfen.
Ganz herzlichen Dank dafür!
Liebe Elke, das freut mich so sehr. Genau darum schreibe ich es auf.… Danke für Deine Rückmeldung, so weiß ich, dass es nicht ungehört bleibt – liebe Grüße Heike